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Wie die Frankfurter Rundschau heute meldet, plant das britische Gesundheitsministerium, Gentests für den Gebrauch durch Versicherungsunternehmen freizugeben. Die Verbraucher, die Lebensversicherungen oder Krankenversicherungen abschließen wollen, werden so effektiv für ihre eigenen Gene verantwortlich gemacht, sagen Kritiker.
Die Literaturwissenschaftlerin N. Katherine Hayles nennt Virtualisierung den Prozess, durch den in unserer Kultur die Pole Anwesenheit/Abwesenheit durch die Pole Muster/Rauschen ersetzt und der Körper als »wesentlich Information« gekennzeichnet wird. So gesehen sind Gentests zur Ermittlung des Krankheitsrisikos im Versicherungsgeschäft ein Beitrag zur Virtualisierung (oder »Anagrammatisierung«) des Menschen, die individuellen Gene werden als stichhaltige (und ökonomisch wertvolle) Information über zukünftige Ereignisse gewertet.

Was auf den ersten Blick als »blosse« Entsolidarisierung aufgefasst werden mag, also die weitergehende Übernahme von genetischen Risiken durch die Individuen - Kritiker sprechen von einer sich abzeichnenden "gentischen Klassengesellschaft"-, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine weitere Ausformung der Krise des bürgerlichen Individuums, diesmal evident in der Frage: Schliesst der individuelle Selbstbesitz (die Grundlage des liberal-rechtsstaatlichen Menschenbilds) die Verfügung über die Informationen ein, die im eigenen Genom stecken, oder kann künftig jede und jeder gezwungen werden, diese Informationen preiszugeben, damit der Vertragspartner die Risikoabschätzung »optimieren« kann?

Christoph Pingel

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