Anne Schneider [A] :: ...Show me your heaven... [1998]

Wie Hans Bellmer beschäftigt sich die junge, in Berlin lebende Künstlerin Anne Schneider mit der Puppe. Allein das Medium, in dem diese Auseinandersetzung stattfindet ist ein anderes. Schneider baut kein menschliches Wesen nach, sondern sie reflektiert über das Objekt mit Hilfe des Videos.
In einem 7-minütigen Filmstreifen gelingt es ihr, die Illusionen über die Puppe gründlich zu zerstören; so lange nämlich dauert es, bis die Künstlerin den Puppenkopf völlig umgestülpt hat, das Äußerste nach innen wendet bzw. die ursprüngliche Innenseite in eine Schaufläche transformiert. Das Video läßt uns teilnehmen an der dekonstruktiven Aktion von Anne Schneider, die nicht zufällig den Gestus neugieriger Kinderhände nachstellt.
Das naive »Wissen wollen, was hinter den Dingen steckt« kulminiert in dem Moment, als das störrische Kunststoffmaterial des Puppengesichts endlich nachgibt, die Trägheit der Form überwunden wird. Jetzt gilt es nur mehr den gewendeten Puppenkopf in seine ursprüngliche ovale Form zu zwingen. Das Ergebnis frappiert ebenso wie es erschreckt. Das nette Puppengesicht hat sich hinter die Fassade eines verbeulten fleischfarbenen Klumpen zurückgezogen. Das volle Haar ist den traurigen Einstichen grober Haarflechtkunst gewichen, der Mund zerbeult, an die Nase erinnert eine flache Furche. Doch das größte Entsetzten lösen die nunmehr in »phallischer Aggression«, so beschreibt es die Kunsthistorikerin Sylvia Eiblmayr, hervortretenden Augen, die wie kugelförmige Geschwulste das Gesicht verunstalten.
Was das einst niedliche Puppenköpfchen von dem verbleibenden amorphen Gebilde trennt, sind ihre Distanz in Zeit und Raum. Nie können wir das schöne Äußere und das häßliche Innere zugleich wahrnehmen, obwohl wir jetzt wissen, was sich hinter der uns dargebotenen Oberfläche verbirgt. Anne Schneiders Werkstoffe sind die Dinge des Alltags - Puppen, Pflanzen, Früchte, - die sie nicht nur materiell, sondern ebenso als Substrat geistiger Einbildungskraft in Frage stellt. Die Puppe, das künstliche Kind, ist ein ambivalentes Objekt. Sie wird gehegt und gepflegt und zugleich in die Ecke geworfen, gestoßen und getreten. Der ihr eingeschriebene Animus (Seele), gilt nur solange, wie wir es wollen, danach fällt das Liebesobjekt einem rücksichtslosen Forscherdrang zum Opfer. Die Frage drängt sich auf: Ergeht es dem menschlichen Körper ganz ähnlich?

Text: Barbara Könches

Die Organe des Körpers als Buchstaben :: Vereinzelung

  
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