Lee Bul [ROK] :: Cyborg W5 [1999]

Künstliche Maschinenwesen sind keine Erfindung der Neuzeit, sie bevölkern schon lange als fiktionale Geschöpfe die Gefilde der Literatur und der Philosophie. Einzig ihre vermeintliche Konsistenz änderte sich über die Jahrhunderte hinweg. Die mechanischen Homunculi mutierten inzwischen zu Cyborgs, zu rein virtuellen Wesen, für die es keine materielle Referenz gibt.

Science und Fiction gehen ineinander über. Die koreanische Künstlerin Lee Bul erschafft solch ein transparentes Datenwesen, verleiht ihm jedoch eine stoffliche Hülle und verankert es auf dem guten alten Planeten. »Cyborg W5« heißt das Menschen ähnliche Kunststoffwesen, das lautlos über der Erde schwebt.
Es ist ein bei Tagesanbruch erstarrter Traum, den die Koreanerin in der weißen, zu Eis geronnenen Form gefangen hält.
Schläuche und Scharniere, Ringe und Räder, Klappen und Kurbeln ersetzen Beine und Arme, Hüften und Becken. Doch der wichtigste Körperteil ist dem Cyborg abhanden gekommen - der Kopf. Nur eine nostalgische Rührseligkeit, dass man Gesicht und Haare, Augen und Mund vermißt? Mikrochips bewegen sich unabhängig von einer speziellen Lokalisierung intelligent im Raum. Der Cyborg »denkt« ebenso logisch und folgerichtig, wenn seine »Verstandesorgane« in einem vermeintlich anderen Bereich angesiedelt sind, in einem Bezirk, den wir heute vielleicht noch als Brust- oder Bauchpartie bezeichnen.
Wie stark der Gedanke an ein Wesen aus dem Cyborg mit einer anthropologischen Struktur verknüpft ist, beweisen nicht nur ernste wissenschaftliche Überlegungen, sondern ebenso die reiche Welt des Comics und »Fantasy« - Genres. Gerade in Korea, dem Heimatland Lee Buls, erfreuen sich die japanischen Cartoon- und Comicfiguren insbesondere bei der jüngeren Generation größter Beliebtheit. Betrachtet man zum Beispiel die aus einem Computer-Spiel hervorgegangenen »Pokemon«-Figuren, oder ähnliche populäre »Manga« - Helden, so stellt man fest, dass diesen Wesen vor allem eine Sache zu eigen ist: die schlichte, aber ausgeprägte Physiognomie. Große Kulleraugen, kleine Stupsnase, geschwungene Lippen. Wenngleich das treue Spielzeug seine äußere Gestalt vollständig verändern kann, in der Kommunikation mit einem Menschenkind gleicht es sich seinem Besitzer an. Dagegen verzichtet Lee Bul auf Annäherung. Den Körperbau könnte man zwar immer noch als dem menschlichen Skelett ähnlich bezeichnen, aber das für uns so wichtige Gesichtsfeld ist ausgelöscht. Der Cyborg sieht nicht, hört nicht, spricht nicht, oder er tut dies alles auf eine uns verborgene Art und Weise.
Bereits auf der 48. Biennale in Venedig 1999 thematisierte die 36-jährige Künstlerin aus Seoul den Umgang und die Wirkung der massenmedialen Unterhaltungsindustrie, die Länder und Kultur übergreifend eine gemeinsame Sprache schafft, aber ebenso zur gemeinsamen Gegenwehr herausfordern kann.

Text: Barbara Könches

Die Objektvermählung :: der Cyborg

  
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