
Biographie
Künstler, Ausstellungskurator und Kunst- und Medientheoretiker
Peter Weibel wurde 1944 in Odessa geboren, er studierte Literatur, Film, Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien und Paris.
1976 - 1981
Lektor für "Theorie der Form" und
1981 - 1984
Gastprofessor für Gestaltungslehre und Bildnerische Erziehung
an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien
1998
Gastprofessor am College of Art and Design, Halifax, Canada
1979/80
Gastprofessor für "Medienkunst" und
1981
Lektor für "Wahrnehmungstheorie" und
1982 - 1985
Professor für Fotografie an der Gesamthochschule Kassel
1984 - 1989
Associate Professor for Video and Digital Arts, Center for
Media Study, State University of New York at Buffalo
1989 - 1994
Direktor des Instituts für Neue Medien an der Städelschule
in Frankfurt/Main
1984 - 1998
Professor für visuelle Mediengestaltung an der Hochschule
für angewandte Kunst in Wien
1986 - 1995
Künstlerischer Berater und seit 1992 künstlerischer Leiter
der Ars Electronica in Linz
1993 - 1999
Österreichs Kommissär der Biennale von Venedig
1993 - 1997
Künstlerischer Leiter der Neuen Galerie am Landesmuseum
Joanneum in Graz
1997
Erhalt des "Siemens Medienkunstpreis"
1998
Leiter der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum
Seit 1.1.1999
Vorstand des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
2004
Erhalt des "Käthe Kollwitz Preis"
2007
Verleihung der Ehrendoktorwürde der University of Art and
Design Helsinki
2008
Künstlerischer Direktor der Biennale von Sevilla Biacs3
2008
Erhalt des französischen Ehrenzeichens "Officier dans l'Ordre
des Arts et des Lettres"
2009
· Verleihung des "Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle
Kunstvermittlung" der Stiftung Preußische Seehandlung
· Erhalt der "Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg"
· Verleihung des Europäischen Kultur-Projektpreises der Europäischen
Kulturstiftung
Bibliographie
Interview ::
Peter Weibel über die Rolle des Museums im 21.Jahrhundert
Was sind die Aufgaben eines modernen Museums?
Mein Ziel ist es, das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zu einem museologischen Leitmodell zu machen. In Deutschland hat noch keiner begriffen, dass die Aufgabe eines modernen Museums darin besteht, Partner bei der Produktion von Kunst zu sein. Außerdem muss es Sparten übergreifend arbeiten: nicht nur Malerei und Skulptur, sondern auch Fotografie, Film, Video, Computer, Aktion, Performance, Installation, Architektur, Design. Nur so kann das Museum den künstlerischen Praktiken seiner Zeit folgen. In Deutschland gibt es eigentlich gar kein Museum für moderne Kunst, sondern nur für moderne Malerei.
Heinrich Klotz hat als Gründer des ZKM zwar die traditionellen Künste und die neuen Medien zusammengebracht, aber die Architektur draußen
gelassen. Eine Besonderheit am ZKM ist außerdem die Musik. Denn die Praxis zeigt: Das Bild kommt heute nicht ohne Ton aus. Das war also eine folgerichtige Erweiterung. Allerdings hat das ZKM die Netzphase verschlafen. Deshalb zeigen wir gegenwärtig die Ausstellung »net_condition« mit Arbeiten, die über das Netz gesteuert werden. Hier
versammelt sich die augenblickliche Avantgarde.
Aber das Karlsruher Zentrum ist zugleich auch ein traditionelles Museum?
Das ist nur eine seiner Möglichkeiten. Das Museum der Zukunft muss zusätzlich zum Produzenten und zur Forschungsstätte werden. Die Medienkünstler brauchen Partner, schließlich sind ihre Produktionskosten enorm hoch. Dazu gibt es heute schon Ansätze: Auftragswerke wie bei Oper und Theater. Das gleiche wird in der Medienkunst passieren. Ich will deshalb auch das Artist-in-Residence-Programm des ZKM erweitern.
Wir sind das erste Museum, das Wissenschaftler anstellt, um Grundlagenforschung zu betreiben. Deshalb passt auch der Name "Zentrum" viel besser.
Die moderne Kunst hatte bisher immer die Tendenz,
sich zu entgrenzen: über die Gattungen hinaus, ins
Leben hinein. Warum wollen Sie sie nun wieder in
einen institutionellen Rahmen zurückholen?
Die Kunst braucht die Einbindungen. Es gibt
marktbezogene Kunst und die Kunst der offenen
Handlungsfelder. Deren Ergebnisse kann man nicht
vermarkten. Deshalb muss die Gesellschaft bereit
sein, ihnen einen anderen institutionellen Rahmen
zu geben. Es gibt gerade im Bereich der
Avantgarde viele Kunstpraktiken, die nicht
marktfähig sind, sozusagen Grundlagenkunst.
Diese muss wie die Grundlagenforschung von der
Gesellschaft basisfinanziert werden. Das ZKM ist
gleichsam das Max-Planck-Institut für
Avantgarde-Kunst.
Warum geht es bei den Neuen Medien vor allem
darum, den Körper zu verlassen?
Ich erkläre das mir so: Raum und Zeit sind für den
Menschen Gitterstäbe, die Welt ist also ein lokales
Gefängnis. Mit der Technik hat man versucht, sich
aus diesem Gefängnis zu befreien. Die Schrift war
die erste dieser Erfindungen: Ich konnte über
etwas berichten, was zeitlich vergangen und
räumlich nicht anwesend war. Jede Technik ist
Teletechnik: Es geht immer um die Überwindung
von Grenzen. Das größte Gefängnis aber ist der
Körper. Er ist der Ort, wo die Natur zuschlagen
kann: Sie macht uns krank. Dass unser kostbarstes
Organ, dasGehirn, nur von einer dünnen
Knochenschale umgeben ist, erscheint mir wie eine
Fahrlässigkeit der Natur. Die Frage lautet also: Wie
könnte ich mir eine Backup-Kopie von meinem
Gehirn machen, damit nicht schon durch einen
einzigen Sturz die mentalen Fähigkeiten verloren
gehen? Wie kann ich dieses System der Natur
verbessern?
Was ist dann die Aufgabe der Kunst? Befördert sie
die Beherrschung der Natur oder reflektiert sie
diesen Prozess?
Kunst hat beide Funktionen. Als Recherche
befördert sie die Technik. Die Medien helfen, die
technologische Entwicklung zu entdecken und
begleiten sie gleichzeitig kritisch. Die Aufgabe der
Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner
sieht. Der Künstler hält optionale Handlungsfelder
offen - als kritischer Spiegel oder utopisches
Reservoir. Die Gesellschaft schafft sich in Galerien
und Museen mit der Kunst einen institutionellen
Rahmen, wo andere Produktionsweisen und
Weltsichten möglich sind. Dort sammelt sich
kritisches Potenzial, mit dem gängige
gesellschaftliche Institutionen untersucht
beziehungsweise transformiert werden.
Welche Wirkung hat diese kritische Kunst, wenn die
Gesellschaft sie in einen autonomen Raum stellt,
damit sie sich nicht ernstlich damit befassen muß.
Das Museum verkommt dabei doch zum
Event-Center einer Tourismusbranche.
Das ist nur ein Teil der Kunst. Die Kunst als
Expertin für Vergangenheit. Alles was
gesellschaftlich überflüssig wird, daraus macht man
Kunst. Wenn man beim Bauen mehr mit Stahl und
Glas arbeitet, dann wird der Ziegel kunstfähig. Der
Großteil der Kunst ist doch zuständig für
Gefühlskitsch und die nostalgische Erinnerung an
vergangene Produktionsformen. Mich interessiert
dagegen die kritische Kunst. Auch sie hat
unsichtbare Grenzen. Eine Bank in Berlin zum
Beispiel leistet sich gleichzeitig einen Kunstraum, in
dem ein kritischer Künstler auftritt. Die Gesellschaft
läßt Kritik in einem Ghetto also zu. Kunst selber
muss jedoch ein Feld offener Praxis werden, wo sie
die unsichtbaren Grenzen zu überschreiten
versucht.
Sehen Sie Ihren Job als ZKM-Chef also als
Verlängerung Ihrer früheren Aktionskunst mit
anderen Mitteln?
Ich suche mir in der Hauptsache Künstler aus, die
progressive Ansätze der sechziger und siebziger
Jahre unter neuen Bedingungen fortsetzen. Das
Neue verdrängt das Alte nicht. Im Gegenteil: Das
Neue ermöglicht die Wiederkehr des Alten, weil nur
durch den Blick nach hinten etwas entsteht, was
man Tradition nennen kann. El Grecos
Expressionismus ist zum Beispiel erst im 20.
Jahrhundert erkannt worden. Auch die berühmten
schwarzen Bilder von Goya waren im 19.
Jahrhundert geradezu unverkäuflich.
Walter Benjamins These vom Verlust der Aura in
den modernen Medien wie Film oder jetzt auch
Computer hat sich scheinbar bestätigt. Warum
bewundern wir noch immer die alten Bilder, wo mit
Farbe auf Leinwand gemalt wurde?
Die technischen Medien erlauben uns, ein besseres
Modell von der realen Welt zu schaffen. Diese Welt
besteht heute aber aus übereinander geflochtenen
Parallelwelten. Die Welt der Aura und der
Reproduktion schließen sich nicht gegenseitig aus.
Das nennt man dann die postmoderne Ambivalenz
oder Unübersichtlichkeit. Beides sind Perspektiven
aus der historischen Vergangenheit. Wenn ich
heute in der einen Welt eine Variable ändere, dann
ändere ich auch etwas in einer anderen Welt: Die
Sphären korrelieren. Das Neue ist durchaus
problematisierbar, weil auch das Alte Vorteile
gehabt hat. Ein Blatt Papier hat den Vorteil, dass
ich es zerknüllen und leicht transportieren kann.
Ein Fernsehapparat hat den Vorteil, dass er
bewegte Bilder zeigt. Ich kann ihn aber nicht in die
Hosentasche stecken. In Zukunft müssen wir
versuchen, die Vorteile der alten und neuen Medien
zu vereinen, indem wir zum Beispiel Bildschirme
entwickeln, die dünn wie Papier sind und in die
Hosentasche passen.
Sind solche Entwicklungsaufgaben Sache des
Künstlers?
Der Künstler soll die technischen Errungenschaften
der militärischen, industriellen und kommerziellen
Welt rezivilisieren. Mehr denn je bedarf die
Gesellschaft des Künstlers, der gegen Monopole
vorgeht, damit nicht nur Firmenkonglomerate wie
Microsoft an der Konstruktion der Wirklichkeit
teilhaben. Wenn ich Entwicklung einfordere, richte
ich mich an eine "cultural community", einen Mix
von Technikern, Freaks, Hackern und Künstlern.
Die Ingenieure machen also die Hardware, die
Informatiker die Software und die Künstler die
Verpackung?
Nein, alle tauschen untereinander Ideen aus, die
sehr schnell in Kooperation umgesetzt werden
können. Ich liebe die Software-Spezialisten, die
weder Ingenieure noch Künstler sind. Das ist der
Prototyp des Künstlers der Neuen Medien. Der
Künstler der Zukunft ist abhängig von solchen
Spezialisten, die frei von den Bindungen an eine
kommerzielle Firma sind. Eine Stadt wie Berlin ist
voll von solchen Leuten: Diese freischwebende
technische Intelligenz ist eines der größten
Potenziale, das die Techno-Kultur erzeugt hat.
Welche Forschungsthemen wird das ZKM in Zukunft
bearbeiten?
Wir stehen an der Schwelle einer
Materialrevolution: von der Nanotechnologie bis
zum Quantencomputer. Bei der Umgestaltung der
Medienwelt durch den Übergang zum optischen
Computer möchte ich mit dem ZKM mitkonstruieren.
Das Problem ist jedoch: Woher nimmt man dafür
die Leute und das Geld? Wenn man da nicht
investiert, wird der erhoffte Modernisierungsschub
an Deutschland vorbei laufen.
(Quelle: Der Tagesspiegel, Interview: Roland Berg - 12.1.2000)
Homepage:
· www.peter-weibel.at
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