ZKM_Medienmuseum / ZKM_Institut für Grundlagenforschung
Wechselpräsentation - no. 1 :: Chaotic Itinerancy
[Sven Sahle, Peter Weibel und Hans H. Diebner]
Chaotic Itinerancy ist ein von Ichiro Tsuda geprägter Begriff für
die Eigenschaft bestimmter komplexer biologischer Systeme, die selbst
aus komplexen Subsystemen bestehen. Die Subsysteme zeigen temporär
Charakteristika, wie sie aus der Chaosforschung bekannt wurden, nämlich
so genannte »chaotische Attraktoren«. Temporär bedeutet, dass diese
Attraktoren keine wirklich für alle Ewigkeit stabilen Strukturen
sind, sondern gelegentlich zerfallen. Jeder Zerfall begünstigt die
Neuformation eines - ebenfalls temporär stabilen - Attraktors. Es bildet sich ein Wechselspiel des Aufbaus und Zerfalls - eine chaotische
Wanderschaft - in dem System aus. Man beobachtet z.B. im Gehirn eine
solche Chaotic Itinerancy.
Konishi und Kaneko konnten zeigen, dass sich eine Chaotic Itinerancy auch in der von Isaac Newton beschriebenen klassischen Physik
wiederfindet. Solche Newtonschen Systeme koennen prinzipiell keine echten chaotischen Attraktoren ausbilden. Dass unser Universum aus Werden und Vergehen besteht, ist -- umgekehrt argumentiert -- ein sehr starkes Indiz dafür, dass die von Newton eingeführten Grundgleichungen der Physik gültig sind. Newtons klassische Physik ist bestechend konsistent und genügt einem Optimierungsprinzip, dem Prinzip der kleinsten Wirkung, das auf Leibniz
zurückgeht:
»Unsere Welt ist die beste aller möglichen Welten«.
Probleme bereitet manchmal die Tatsache, dass in der Newtonschen Physik
Keine Zeitrichtung festgelegt werden kann. Der Zerfall, das Altern und der Tod
sprechen scheinbar für einen Zeitpfeil. Wenn wirklich ein Zeitpfeil
existierte, wären aber ewig stabile Strukturen generisch und es stellt
sich die Frage, warum man solche nie beobachtet. Die präsentierte
Simulation soll zur Überlegung stimulieren, ob unser Empfinden möglicherweise ein
Produkt der Tatsache ist, dass wir intrinsischer Teil, also eine nur
temporär stabile Substruktur des Universums sind.
Abteilung:
ZKM_Institut für Grundlagenforschung:
http://basic-research.zkm.de
publiziert in ::
Peter Weibel, Sven Sahle und Hans H. Diebner:
Alt und Neu und Reversiblen Universen.
In: Arnulf Rohsmann (Hrsg.), Auge Experiment, Austellungskatalog,
Kärntner Landesgalerie, Klagenfurt (2000).
Thomas Macho:
Zur Arbeit von Peter Weibel, Sven Sahle und Hans H. Diebner.
ebd.
Wissenschafliche Publikation zum Thema:
Hans H. Diebner, Thomas Kirner and Otto E. Rössler:
Time Reversibility and the Logical Structure of the Universe.
Z. Naturforsch. 51A, 960-962 (1996)
Credits:
Konzept: Sven Sahle, Hans H. Diebner, Peter Weibel
Realisation: Sven Sahle und Hans Diebner
Graphik-Interface: Andreas Schiffler
Gattung:
Simulation
Hardware:
Computer, Projektor, Rückprojektionstrichter, Taster
Software:
Simulationssoftware (Sven Sahle), Graphikinterface (Andreas
Schiffler)