Rémy Markowitsch [CH] :: Nach der Natur

Wenn der Schweizer Künstler Rémy Markowitsch seine diffusen, düsternen Bilder »Nach der Natur« benennt, so hat das zwei Gründe. Zum einen darf man den Titel durchaus temporal verstehen. Die Arbeiten entstehen in diesem Sinne nach Überwindung der Natur als ein Ergebnis der Kultur. Gleichzeitig intendiert die Studie »nach der Natur«, ein möglichst genaues artifizielles Duplikat des ursprünglich natürlichen Gegenstandes anzufertigen.
Gemeint ist die Mimesis, die Nachahmung der Natur, und in dieser Hinsicht könnte man den Titel funktional verstehen. Markowitsch unternimmt es, die menschliche Natur nachzuahmen, indem er in die Kunstsphäre überführt, was einst zur banalen Wirklichkeit gehörte; indem er Mittel verwendet, die bestens vertraut sind; und nicht zuletzt, indem er Themen variiert, die so breit gefächert sind, das man sich in Interpretationen verlieren könnte. Wie bringt der in Berlin lebende Künstler nun seine verschwommenen Abbildungen seltsam ineinander verknoteter Protagonisten zustande? Ein einfacher, wenngleich gewitzter Geniestreich: Markowitsch fotografiert die durchleuchteten Seiten aus Kunst-, Biologie-, oder Pädagogischen Lehrbüchern und »verwandelt so opakes Träger Material in einen leuchtenden Schirm«, wie Urs Stahel es ausdrückt.
Die einst isolierten Abbildungen treten miteinander in einen kuriosen Dialog, der verblüffende Ergebnisse zeitigt.

Appetitliche Happen der kulinarischen Kochlektüre lösen sich in einem unverdaulichen Substanzkonglomerat auf, prächtige Blumenarrangements wuchern bis ins psychedelisch Grauenhafte, oder wie in unserem Falle, die um ihre Haltung besorgten VorturnerInnen eines praktischen Ratgebers zum Thema körperliche Ertüchtigung geraten in den traumatischen Tanz verrenkter Glieder und verschränkter Leiber.
Die Technik des Durchleuchtens, der Durchblick, verursacht eine bizarre Verschränkung von einst unabhängigen, wenngleich materiell verknüpften Motiven. Ein wenig muten Markowitschs Bilder an wie Siamesische Zwillinge, die allein sein wollen und sich doch nicht trennen können. Der Künstler versteht es, Natur und Kultur als die den Menschen prägenden Strukturen in ein diffiziles Spiel zu überführen, dem so gar nichts Sensationelles anhaftet. Zu dieser Arbeit bedarf es viel Geduld und Ausdauer.
»Seine Arbeitsweise besteht aus Finden, Umwerten, Sammeln, Kompilieren und nicht zuletzt dem Durchleuchten«, erklärt Justin Hoffmann.
Rémy Markowitsch ist ein Archivar menschlicher Zivilisation, der mit Hilfe der Katalogisierung neue Kriterien erstellt, die dabei helfen, uns selbst besser zu verstehen.

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers

Linkempfehlungen ::
Biografie und Text
Natural grown Killers

  
  Seeing Time
  
  Wichtige Ausstellungen
Januar-März 2001
  
  

 





 
© 2000 zkm | zentrum für kunst und medientechnologie
Alle Rechte vorbehalten. Website realisiert von:
[Lindner | Fuerstner | Pingel | Graesser ]