Nancy Burson [USA] : Untitled [1988]

Der Betrachter blickt frontal auf den Kopf eines kleinen Kindes, dessen bohrender Blick leicht debil erscheint. Die Augen des Kindes sind überdimensional groß, die Stirn ist etwas zu hoch. Ein steriler schwarzer Hintergrund und die grüne Einfärbung des Portraits verstärken die Unwirklichkeit der Aufnahme und verweisen auf den Bereich medizinischer Fotografie, wie man sie beispielsweise von Röntgenaufnahmen her kennt. Als dies vermittelt, daß an diesem Bild und der Anatomie des dargestellten Kindes nicht alles zu stimmen scheint.

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Nancy Burson mit dem menschlichen Gesicht. In ihren Werken thematisiert sie gesellschaftliche Wertvorstellungen wie Schönheit und Norm. 1979 begann sie, anhand eines von ihr in Zusammenarbeit mit Programmierern entwickelten Computerprogramms, das die Konstruktion von digitalen Gesichtern ermöglichte, vom Computer erzeugte Bilder herzustellen. In einem Morphing-Vorgang verschmilzt der Computer eine Anzahl mehrerer vorhandener Gesichtszüge zu einem neuen, digitalen Gesicht. In einer der ersten Arbeiten, die auf diesem Prinzip beruhen, analysiert Burson die gängigen Schönheitsbilder der 50er und 80er Jahre. Für die 50er Jahre benutzte sie Bilder von Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Graze Kelly und anderen, für die 80er Jahre dienten u.a. Meryl Streep, Jane Fonda und Brooke Shields als Idealbilder, die zu einem digitalen Gesamtbild vermischt wurden. In folgenden Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Entstehung von hybriden Gesichtern bestehend aus Portraits verschiedener Rassen oder Verschmelzungen von männlichen und weiblichen Köpfen.
In späteren Arbeiten, zu denen auch das in der Ausstellung gezeigte Bild gehört, setzt sie sich mit Abnormalitäten und Anomalien von Gesichtern auseinander. Ausgehend von existierenden Krankheitsbildern und medizinischen Lehrbüchern entwickelt sie ein Formenrepertoire möglicher Deformationen des menschlichen Gesichts, das ihre eigenen Ängste und Fantasien in digitalen Abbildern wiederspiegelt.
Seit 1991 kehrt Burson zurück zu unbearbeiteten fotografischen Portraits. In der Serie der »Special Faces« thematisiert sie die Zerstörung bzw. Veränderung von Schönheit und Erscheinungsbild des Gesichts durch Krankheit, Alter oder Unfall. Wie schon in ihren digitalen Bildern, setzt sie sich auch hier mit den Abweichungen von gesellschaftlichen Idealbildern und normativen Standards auseinander. Durch ihre Arbeiten macht sie auf diese Normen aufmerksam und setzt sich für eine Überwindung derselben und eine größere Akzeptanz von Unterschieden und Anderssein ein.

Text: Sabine Himmelsbach

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