Louise Bourgeois [F/USA] :: Spiral Woman [1986]
"To me, a sculpture is the body. My body is my sculpture."
Louise Bourgeois
Die Radierung »Femme Maison« gehört zu einer Reihe von Arbeiten aus den
40er Jahren, in denen sich Bourgeois mit dem Thema Frau-Haus
beschäftigt. In der hier gezeigten Arbeit sehen wir einen nackten
weiblichen Unterkörper auf dessen Hüften sich ein mehrstöckiges Haus
erhebt. Diese Arbeit wurde oft interpretiert als die Zurschaustellung
des Verlusts der Identität der Frau.
» Die Objektvermählung :: der Cyborg
Das Gesicht der Frau, ihre Individualität bleibt unsichtbar und wird ersetzt durch das Haus.
Häuslichkeit wird zur Definition von Identität der Frau, sie wird eine
Gefangene des Hauses. Bourgeois definiert das Haus als einen Ort des
Konflikts für Frauen, die ihre Karriere aufgeben müssen, um sich einer
Aufgabe als Hausfrau zu widmen und die Unzufriedenheit, die dadurch
entsteht. Der Kunstkritiker McEvilley verweist darauf, daß es noch eine
weitere Bedeutungsebene gibt, die der Frau als Göttin, als der Urgrund
der menschlichen Gemeinschaft (Jungfrau Maria
gekrönt mit einer Stadtmauer oder einem Haus oder einer Kirche).
In der Tuschezeichnung »Ohne Titel« ist auf abstrakte Weise der Körper
einer menschlichen Figur dargestellt. Der Unterkörper öffnet sich einer
Blume gleich in ein sternförmiges Gebilde. Viele von Bourgeois Arbeiten
sind voller erotischer Anspielungen. Sie selbst sagt dazu: "Die Erotik
in meinem Werk ist mir nicht besonders bewußt, beziehungsweise
interessiert sie mich nicht besonders... Für mich ist, zumindest bewußt,
ausschließlich die formale Perfektion von Wichtigkeit." Spielt die
Sexualität in ihren Arbeiten auch unbewußt eine große Rolle, so geht sie
oft darüber hinaus in eine allgemeinere Bedeutung. Sie spricht selbst
davon, daß ihre Arbeiten vorsexuelle Wurzeln des Lebens ansprechen
würden, gleichsam die Visualisierung von Lebenskraft versinnbildlichen.
Bourgeois setzt sich in vielen ihrer Arbeiten mit der Beziehung einer
Person zu ihrer Umgebung auseinander.
Ende der vierziger Jahre gab sie das Malen auf, weil sie "mit diesem Niveau der Realität nicht zufrieden" war. Ihr Interesse an der Materialität der Dinge führte sie zur
Bildhauerei. Die Bronzeskulptur »Spiral Woman« aus einer kleinen
menschliche Figur, die sich von den Schultern aufwärts in einem sich
windenden wulstartigen Gebilde befindet. Die zarte kleine Figur hat sich
nur zum Teil aus dieser amorphen Masse lösen können, ihr halber
Oberkörper ist noch darin gefangen, ihr Handlungsspielraum
dementsprechend eingeschränkt. Auch mit Hilfe eines traditionellen
Materials wie Bronze gelingt es Bourgeois, die Materialität und
Fleischlichkeit des Dargestellten einzufangen. Das Gebilde mutet seltsam organisch an.
» Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers
Immer wieder verweist die Künstlerin auf Erlebnisse ihrer Kindheit, die
sie in ihren Arbeiten thematisiert. Ausgehend von diesen nostalgischen
Referenzen wird die Grenze zwischen dem Selbst und der Welt ausgelotet.
Text: Sabine Himmelsbach
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