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Ausstellungen 2011

22. Okt. 2011–10. Feb. 2013

Hirschfaktor
„Die Kunst des Zitierens"




ZKM | Museum für Neue Kunst
Eröffnung: Fr, 21. Oktober 2011, 19 Uhr

Information in English
Teilnehmende KünstlerInnen
Kleine Kunstgeschichtsmaschine
Audioguide
Film

Jede kulturelle Produktion wie Kunst, Literatur, Musik, Philosophie entsteht im Kontext einer Tradition – selbst wenn sie mit ihr bricht.
Seitdem sich Menschen künstlerisch betätigen, verweisen sie in ihrer Kunst auf eigene Werke, viel häufiger jedoch auf die anderer Künstler. Die Kunst vergangener Jahrhunderte richtete sich in diesem Sinne oftmals an den weltgewandten Connaisseur, der die Anspielungen erkannte. Aufgrund seiner Bildung verstand er die verwendeten Zitate und ließ sich mit dem Werk damit auch gleich sein eigenes Wissen bestätigen. Im 20. Jahrhundert ist der Kanon der 'zitierfähigen' Vorlagen zugunsten einer Vielzahl von Zitatvorlagen aus der gesamten menschlichen Lebenswelt erweitert worden. So kommt es in der zeitgenössischen bildenden Kunst zunehmend zu einer Verwebung von Kunst, Design und vor allem auch Werbung. Vorläufer hierzu waren Vertreter der klassischen Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Zitat kann in diesem Zusammenhang als die wichtigste Form der Aneignung im künstlerischen Schaffensprozess angesehen werden.

Die Ausstellung Hirschfaktor. „Die Kunst des Zitierens" untersucht anhand einer Auswahl charakteristischer Werke aus den mit dem ZKM kooperierenden privaten Kunstsammlungen, wie sich künstlerisches Schaffen und die Strategien der Künstler gewandelt haben. Wie haben sich innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte Stil-, Form- und Motivvorlagen verändert? Im Zuge der Diskurse um den Originalitätsanspruch von Kunstwerken und der Rolle des Autors gab es in den 1970er-Jahren zahlreiche Ausstellungen zu den Themen Original, Nachbild, Zitat und Kopie. Heute - vor dem Hintergrund einer uneingeschränkten Verfügbarkeit von Bildern und der zunehmenden Verdichtung von Zitaten in der aktuellen Kunst - scheint ein erneuter Blick auf dieses Thema sinnvoll und erforderlich.

»Ein Bild ist ein Gewebe von Zitaten aus den zahllosen Ecken der Kultur.«
(Sherrie Levine)

Der Begriff des Hirsch-Faktors wird hier aus der Wissenschaft entlehnt: benannt nach dem amerikanischen Physiker Jorge Hirsch, wird der Faktor aus der Schnittmenge der Anzahl der Publikationen eines Wissenschaftlers und der Menge der daraus verwendeten Zitate errechnet. Der Hirsch-Faktor gibt damit den »Wert« des Wissenschaftlers wieder.

Im Gegensatz zu dieser Methode des wissenschaftlichen Rankings geht es in der Ausstellung jedoch nicht darum, zu ermitteln, wie oft etwa Kasimir Malewitschs Schwarzes Quadrat oder Piet Mondrians Streifenbilder in der Kunst zitiert worden sind. Im Fokus der Ausstellung steht vielmehr eine Präsentation der unterschiedlichsten Verfahren künstlerischer Aneignung von Stilen, Formen oder Motiven, der Verwendung von Materialien, von Vorlagen aus der Populärkultur, aus der Warenwelt, der Kunst, der Politik etc.

Die Strategie des Zitierens ist als Teil einer kritischen Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte bestimmter, oftmals stilprägender Situationen zu verstehen. Was wurde aus den ehemaligen künstlerischen, gesellschaftlichen oder politischen Vorstellungen und Absichten, mit denen ein Kunstwerk konnotiert war oder noch ist? So durchläuft die eine oder andere Ikone der Moderne zuweilen mehrere Medien, bis sie in und mit einem neuen Werk wieder in den Kunstkontext zurückkehrt. Ironie und Humor sind dabei oftmals Begleiter der neuen, diskursiven Setzungen der Künstler.

Gegliedert ist die Ausstellung entsprechend der Quellen der verschiedenen Zitate aus Kunst, Design, Politik, Religion, Werbung und Konsum. Dass es dabei zu Überschneidungen kommt, ist gewollt und entspricht dem Wesen der aktuellen Kunst. Um den Werken nicht eine eindimensionale Lesart aufzuzwingen, wird auf eine Kennzeichnung der Bereiche in der Ausstellung allerdings bewusst verzichtet.
Dem Ausstellungsbesucher bietet sich mit Hirschfaktor. „Die Kunst des Zitierens" die Möglichkeit, in einem faszinierenden Spektrum von Bildfindungen ebenso Neues in der zeitgenössischen Kunst zu entdecken wie Vertrautem zu begegnen.

Hirschfaktor. „Die Kunst des Zitierens" präsentiert Werke aus den mit dem ZKM kooperierenden Sammlungen Boros, FER, Grässlin, Landesbank Baden-Württemberg, VAF-Stiftung und Weishaupt sowie aus der Sammlung Froehlich.

Zur Ausstellung ist eine Broschüre entstanden, die anhand von 18 Beispielen mit anschaulichen Texten und Vergleichsabbildungen eine Führung durch die Ausstellung bietet und erläutert, woher die einzelnen Zitate entlehnt sind. Sie liegt in der Ausstellung zum Mitnehmen aus.
Der zugehörige Audioguide ist kostenlos an der Infotheke im ZKM_Foyer ausleihbar sowie als MP3-Datei am ZKMP3-Terminal im ZKM_Foyer oder hier abrufbar.
Einen Film zur Ausstellung finden Sie im ZKM Videocast.

Kurator: Andreas F. Beitin


Beteiligte KünstlerInnen:
Arcangelo, Gabriele Arruzzo, Paolo Baratella, Gianni Bertini, Heiner Blum, Corrado Bonomi, Rafal Bujnowski, Ross Chisholm, Clegg & Guttmann, Enrico David, Dejanov / Heger, Sven Drühl, Chiara Dynys, Hans-Peter Feldmann, Tano Festa, Sylvie Fleury, Thomas Florschuetz, Francesco Maria Garbelli, Karl Gerstner, Asta Gröting, Uwe Henneken, Georg Herold, Karl Horst Hödicke, Stephan Huber, Emilio Isgro, Stefan Kern, Imi Knoebel, Shigeko Kubota, Sherrie Levine, Michel Majerus, Josephine Meckseper, Mathieu Mercier, Gerold Miller, François Morellet, Maurizio Nannucci, Manuel Ocampo, Giulio Paolini, Daniel Pflumm, Bernhard Prinz, Tobias Rehberger, Hans Peter Reuter, Salvo, Wilhelm Sasnal, Jörg Sasse, Elaine Sturtevant, Vincent Szarek, Emilio Tadini, Rosemarie Trockel, Andy Warhol, Christopher Williams, Johannes Wohnseifer, Joseph Zehrer, Peter Zimmermann, Heimo Zobernig.

Kleine Kunstgeschichtsmaschine
06.01.−10.02.2013
Zum traditionellen Tag der offenen Tür am ZKM ist ab Sonntag, 06.01.2013, die Intervention »Kleine Kunstgeschichtsmaschine« (1991/2013, Projektor, Drehmechanismus) von Andreas Kaufmann in der Ausstellung zu sehen.



Abbildungen:

[1] Jörg Sasse: „W 91-04-04, Reutlingen“, 1991
C-Print auf Papier
Sammlung Landesbank Baden-Württemberg
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Foto: Archiv Sammlung Landesbank Baden-Württemberg

[2] Andy Warhol: „Goethe“, 1981
Acryl auf Leinwand, 205 x 225 cm
Sammlung Siegfried Weishaupt
© Artists Rights Society, New York
Foto: Archiv Sammlung Siegfried Weishaupt, Laupheim

[3] Elaine Sturtevant: „Voyage au bout de la nuit“, 1992
Blei, Schlangenhaut, Metall, Holz, Schwarz-Weiß-Fotografien, Styropor, Zweige und Grashalme
230 x 745 x 665 cm
© Elaine Sturtevant
FER COLLECTION

[4] Daniel Pflumm: „NYC Loops“, 1997
Video
Sammlung Boros, Berlin
© Daniel Pflumm
Foto: Archiv Sammlung Boros, Berlin

[5] Georg Herold: „40 Jahre Magermilch“, 1986
Fotografie, handkoloriert, 124 x 90 cm
Sammlung Grässlin, St. Georgen
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Foto: Archiv Sammlung Grässlin, St. Georgen

[6] Rosemarie Trockel: „Freude“, 1988
Wolle, 210 x 175 cm, Exemplar 1/3
Sammlung Froehlich, Stuttgart
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Foto: Archiv Sammlung Froehlich, Stuttgart

[7] Peter Zimmermann: „Mondrian“, 1995
Epoxidharz auf Leinwand, 195 x 156 cm
Sammlung Landesbank Baden-Württemberg
© VG Bild-Kunst, Bonn 2011
Foto: Roman März


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