John Baldessari [USA] :: It's alive [1998]

"Look! It's moving. It's alive. It's alive. ... It's alive, it's moving, it's alive, it's alive, it's alive, it's alive, it's alive!" schreit der junge ambitionierte Wissenschaftler Frankenstein im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1931 fast hysterisch, als die Hand der von ihm geschaffenen Kreatur zu zucken beginnt.
Es ist diese Szene aus dem berühmten Horrofilmklassiker von James Whale, basierend auf dem 1818 erschienenen Roman Frankenstein, or the Modern Prometheus von Mary Shelley, die der Arbeit von John Baldessari ihren Titel gibt. Auch das vom Künstler verwendete Bildmaterial stammt aus diesem Film.
Im Mittelteil von "It's alive" werden Momente aus der Erschaffung des namenlosen Monsters - dargestellt von Boris Karloff - gezeigt, das aus Gräbern entwendeten Leichenteilen und einem aus der ehemaligen Universität des Wissenschaftlers Gehirn, fälschlicherweise dem eines gewalttätigen Mörders, zusammengesetzt wird: ein Tisch mit Operationsutensilien - ein eingesetztes Hologramm zeigt wie Dr. Frankenstein nach einem Instrument greift - und zwei Standbilder aus der Sequenz, in der die Kreatur mittels Elektroschocks, die durch Blitze induziert werden, zum Leben erweckt wird. In einem sehen wir Frankenstein und seinen Assistent gebannt auf die Hand der eben noch lebelosen Kreatur starren. Das andere zeigt die titelgebende Szene, in der sich der Forscher mit beglücktem aber gleichzeitig auch wahnsinnig anmutendem Gesichtsausdruck von dem Operationstisch abwendet, auf dem sein Geschöpf nun mit bereits erhobener Hand liegt. Der Kopf Frankensteins, mit weit aufgerissenem Mund gerade dabei, die oben zitierten Sätze auszustoßen, ist mit einem grünen Kreis, auf den ein dicker roter Pfeil weist, hervorgehoben. Ein weiteres Hologramm zeigt vergrößert die zuckende Hand des Monsters.
Zunächst ist Frankenstein von dem häßlichen Geschöpf fasziniert. Als die mit enormen Kräften ausgestattete Kreatur jedoch aus Angst vor einer brennenden Fackel Gewaltätigkeit manifestiert überkommt ihn zunehmend Schrecken angesichts seiner Schöpfung. Zunächst Quälerei und dann Unwissenheit und das Bewußtwerden der eigene Einsamkeit und Ausgestoßenheit lassen die Kreatur zum Mörder werden. Schließlich wendet sich das Monster gegen seinen Schöpfer, der ihm nach dem Leben trachtet. Frankenstein überlebt den letzten Kampf mit seiner Kreatur, während diese in ihrem von aufgebrachten Menschen in Brand gestecken Zufluchtsort scheinbar ein Ende hat.
Andere der in "It's alive" verwendeten Bilder stammen aus dem vier Jahre später vom selben Regisseur gedrehten Nachfolger The Bride of Frankenstein. John Baldessari, der in vielen seiner Arbeiten Bilder aus bekannten Hollywoodfilmen integriert, bringt in "It's alive" die eindrücklichsten und zugleich beklemmendsten Szenen aus dem Frankenstein-Mythos in ihren bezeichnendsten Momenten zusammen: die Belebung des von Menschenhand geschaffenen Wesens, die damit einhergehende Euphorie des Schöpfers, die Züge des Wahnsinns trägt, die Ablehnung, die dieser Kreatur entgegenschlägt und die Zerstörung, die von ihr ausgeht. Die Filmbilder sind kombiniert mit farbigen Flächen, Lücken, die die Wand freigeben, und Hologrammen, neben den beiden bereits erwähnten, noch zwei weitere, eine Apparatur mit einem tanzenden Lichtbogen und der Kopf des Monsters, der mit dem des Wissenschaftlers changiert.
Die Geschichte von Frankenstein und seinem Monster, die Mary Shelly zur Zeit der industriellen Revolution in England verfaßt hat, weist wie kaum ein anderer Text auf die Gefahren unkontrollierten Forscherdrangs hin. Der Name Frankensteins, der oft synonym mit der von ihm geschaffenen Kreatur gebraucht wird, taucht wiederholt in den Diskussionen um wissenschaftliche Errungenschaften, vor allem in Zusammenhang mit dem menschlichen Köper auf.
Frankenstein, ein viktorianischer Cyborg, ist Sinnbild für die Möglichkeiten und die Gefahren der modernen Wissenschaft, Ausdruck der Beklemmung und Verunsicherung angesichts der druch Wissenschaft und neue Technologien zunehmenden Umwälzungen in unserer Lebenswelt und Warnung vor den Folgen der diversen Eingriffe in den menschlichen Körper, die sich gerade in jüngster Zeit wieder mehren. Der Traum von der Erschaffung künstlicher Menschen, der sich in "Frankenstein" als Alptraum entpuppt, wird gerade angesichts der Entwicklungen der heutigen Gentechnologie wieder virulent. Frankensteins Monster, das sich in der Gestalt von Boris Karloff in unsere Köpfe eingeprägt hat, ist wieder zum Leben erwacht und stellt uns erneut die Frage nach den Grenzen des Fortschritts und zugleich nach unserer Akzeptanz des von uns Geschaffenen.

Text: Barbara Filser

Die Objektvermählung :: der Cyborg

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