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Editorial Mediagramm 4|2010

Peter Weibel ::

Vom Jubiläum zum Jammer: Das letzte »mediagramm«

Sie halten in ihren Händen eine Abbildung des ersten »mediagramm« und gleichzeitig das letzte reale »mediagramm«. Wie Sie aus dieser Sonderausgabe ersehen, hat das »mediagramm« in den 20 Jahren seines Bestehens sein Format, seine Funktion und seinen Inhalt mehrmals geändert. Aus einer großformatigen Zeitschrift wurde langsam eine Programmzeitung und schließlich eine Inhaltsangabe des Programms des ZKM. Von einem Maxi- zu einem Mini-Format wandelte sich das Aussehen, aber der Inhalt schwoll an, von ursprünglich sechs Seiten auf 60 Seiten.

Es ist interessant zu sehen, wie früh bereits Inhalte, Themen und Personen auftauchen, die das ZKM bis heute begleiten und prägen. Einige dieser programmatischen Positionen und Preisträger finden Sie wieder abgedruckt. Nach dem 10-jährigen Jubiläum des ZKM im Hallenbau 2007, nach dem 10-jährigen Jubiläum des ZKM | Museum für Neue Kunst 2009 und dem 20-jährigen Jubiläum der Gründung des ZKM 2009, feiern wir nun das Jubiläum des 20-jährigen Bestehens des »mediagramm«, und just im Jubiläumsjahr erscheint aus mehreren Gründen das letzte »mediagramm«.

Der Karlsruher Gemeinderat hat Mitte 2010 eine Kürzung des kommunalen Kulturetats angekündigt. Für eine Stadt, die sich 2004 berufen fühlte, sich als Europäische Kulturhauptstadt zu bewerben, ist das beschämend und wirft die Frage auf, wie ernst gemeint diese Bewerbung tatsächlich war. Denn die Kulturaktivitäten der Karlsruher Institutionen sind weltweit bekannt und tragen maßgeblich zum Marketing der Stadt im In- und Ausland bei. In dem Augenblick, da auch überregional bestätigt wird, dass Karlsruhe sich zur Kulturhauptstadt in Baden-Würtemberg entwickelt hat (siehe das auflagenstarke Kunstmagazin »art« vom August 2010: »Karlsruhe auf der Überholspur« sowie die Zeitung »kunst:art« vom September/Oktober 2010: »Bewährtes und Neues. Die Kunstszene in Karlsruhe«), verweist der Gemeinderat die Karlsruher Kultureinrichtungen zurück auf die »Kriechspur«.

Die vom Gemeinderat vorgeschlagenen Kürzungen des Budgets des ZKM in der Höhe von 375 000 jährlich ab 2011 bedeuten aufgrund der Komplementärfinanzierung des Landes eine reale Kürzung um 750 000. Das Budget des ZMK besteht in der Hauptsache aus Personal-, Gebäude- und Programmkosten. Am Unterhalt und Erhalt des Gebäudes und an den daraus entstehenden Kosten kann nicht gespart werden. Auch bei den Personalkosten kann kurzfristig nicht gespart werden, denn betriebsbedingte Kündigungen wären erstens unethisch und hätten zweitens langjährige juristische Auseinandersetzungen zur Folge, die ebenfalls nicht kostenlos blieben, und würden drittens einen Verlust von ZKM-spezifischer Kompetenz bedeuten. Zudem bin ich kein Manager in der Wirtschaft, der sich für Personalentlassungen durch hohe Boni belohnen läßt, der also durch das finanzielle Unglück anderer sein finanzielles Glück steigern möchte. Es sind also nur Kürzungen im Programmangebot und in der Programmvermittlung möglich.

Nun ist das ZKM bereits seit seiner Gründung stark unterfinanziert. Der Wissenschaftsrat hat im Jahre 2003 dem ZKM bescheinigt, einerseits in der Weltklasse zu agieren, aber andererseits unterfinanziert zu sein und hat dringend eine Erhöhung des Etats empfohlen. Leider ist das Gegenteil eingetreten, und das ZKM musste bereits in den Vorjahren eine Kürzung hinnehmen. Deswegen hat sich das ZKM für seine Programmplanung eine erfolgreiche multiple Finanzstruktur vorgenommen und realisiert: die meisten Projekte werden durch Sondermittel, Drittmittel und Fremdmittel bis zu 50 Prozent und bisweilen sogar mehr kofinanziert. Die Ausstellungen »banquet_nodes and networks. Netzkultur in Spanien« (2009) und »Der Diskrete Charme der Technologie. Kunst in Spanien« (20082009) wurden vom Katalog bis zum Transport und den Geräten fast zur Gänze vom spanischen Staat bezahlt, nachdem das ZKM die notwendigen Ressourcen und technische Kompetenz für die Präsentation und den Betrieb der Ausstellungen zusichern konnte. Ebenso wurden Transport- und Katalogkosten der Ausstellung »Neue Asiatische Kunst. Thermocline of Art« (2007) komplett von unseren asiatischen Partnern übernommen.

Natürlich gibt es auch Ausstellungen wie »IMAGINING MEDIA@ZKM« (20092011), die zur Gänze vom ZKM finanziert werden. Aber im Prinzip sind die Forschungsprojekte und Produktionen, die Austellungen und Veranstaltungen des ZKM finanziell so strukturiert, dass die Eigenmittel durch Fremdmittel (sei es die Bundeskulturstiftung, private Firmenstiftungen, EU-geförderte Forschungsprojekte) kofinanziert werden, sonst könnten wir das Niveau und die Reichhaltigkeit des Programms gar nicht halten. Mit einem Wort, die Kürzung um 750 000 würde in Wahrheit eine Kürzung bis zu 1,5 Mio. für das Progammbudget bedeuten. Es ist eine der größten Leistungen des Teams und der Direktion des ZKM, diese äquifinanzierte Budgetstruktur im Forschungs- und Programmbereich durch seine Kompetenz zuwege gebracht zu haben, die nun durch die Politik gefährdet wird. Das ZKM wird also für seine Leistung und Kompetenz bestraft, während die Finanzwelt für ihre Malversationen und Inkompetenz belohnt wird. Da das ZKM keine Bank ist, für die der Staat Rettungsschirme aufspannt, wenn sie sich mutwillig verschuldet, muss also das ZKM am Programm sparen und an der Programmvermittlung. Das betrifft die gesamte Presse- und Marketingabteilung, aber auch die Museumspädagogik und -kommunikation.

In der digitalen Gesellschaft bilden bekanntlich nicht nur die klassischen Printmedien, sondern in zunehmendem Maße auch die Online- Medien die Sphäre der Öffentlichkeit. Als kulturelle Institution müßte das ZKM beide Medien bedienen, um damit alle regionalen und internationalen Zielgruppen zu erreichen. Durch die latente Unterfinanzierung ist das ZKM in den letzen Jahren in beiden Bereichen ohnehin nicht sehr präsent gewesen. Die drohenden Kürzungen zwingen uns nun, einen der Bereiche für den anderen aufzugeben.

Das ZKM wird also einen Großteil der Aktivitäten dieser Abteilungen und Bereiche von nun an nicht wie bisher in den Printmedien verwirklichen, sondern die Presse- und Marketingabteilung unter dem Namen »Online-Kommunikation« zusammenfassen und seine Werbung, seine Ankündigungen, seine Programmvermittlung auf Online- Medien konzentrieren. Das ZKM wird die Auswirkungen dieser Umstellung, z. B. des Verzichts auf das gedruckte »mediagramm«, genau beobachten. Wir hoffen, dass die Abschaffung der öffentlichen Kommunikation mittels Papier und Print und deren Ersetzung durch Online-Medien keinen Besucherverlust bedeutet und nur die erzwungenen Spareffekte erzielt. Sollte das Gegenteil der Fall sein, sollten die anstehenden Kürzungen die mediale Präsenz des ZKM schwächen und damit auch die Besucherzahlen senken, wäre das eine bedauerliche Folge der Kürzungen, die die Politik zu verantworten hat. Wir Sie und ich werden sehen, demnächst auf www.zkm.de.

- Peter Weibel -

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