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Editorial Mediagramm 2|2010

Peter Weibel :: Die performative Wende

Nachdem das ZKM 2009 anlässlich seiner Jubiläen den Blick auf die Geschichte des ZKM gelenkt hatte, ist der Blick 2010 wieder nach vorne gerichtet. Das ZKM verstärkt in der nächsten Dekade seine Programmpolitik: das performative Museum.

Die Kunst des 20. Jahrhunderts ist durch zwei Tendenzen gekennzeichnet: 1. Ende der Repräsentation bzw. Darstellung von Welt, stattdessen Erforschung der Mittel der Darstellung und Wahrnehmung, was zur abstrakten Kunst führte. 2. Einführung der Realität in das Kunstsystem (reale Gegenstände, reale Bewegung, reales Licht, reale Materialien, realer Körper, reale Aktion), was zu Objektkunst, Installation, Environment und zur Performativität führte. Daraus hat sich nach 1945 die performative Wende ergeben. Zu den klassischen Performern (wie SchauspielerInnen, SängerInnen, MusikerInnen, AkrobatInnen, AthletInnen), die für ein Publikum etwas aufführten, gesellten sich die bildenden Künstler und schließlich das Publikum selbst. Das ZKM zeigt in drei Ausstellungen alle drei Spielarten der Performativität.

Der Schauspieler als Performer Der Schauspieler als Performer ist der Inhalt der »Video Portraits« von Robert Wilson, dem großen Künstler, Opern- und Theaterregisseur. Seine Porträts handeln aber nicht nur von berühmten Schauspielern, sondern ebenso von unbekannten Personen oder Tieren. Wilson dehnt also den Bereich der performativen Aktanten im Sinne Bruno Latours und seines »Parlaments der Dinge« (2001) auf Objekte und Tiere aus. Sie alle haben kleine Bühnenauftritte, absolvieren Kürzestperformances. Zuerst verharren sie unbeweglich wie in einem Stillleben und langsam oder plötzlich bemerkt man eine Veränderung: Minidramen in einem Theater der Masken. Durch die massenmedialen technischen Distributions- und Multiplikationsmöglichkeiten wurden die historischen Performer reich und berühmt und eine »Celebrity Culture« der Massengesellschaft entstand. Elmgreen & Dragset werden sich im Herbst 2010 mit diesem neuen Phänomen kritisch-ironisch auseinandersetzen.

Der Künstler als Performer Der klassische Künstler konfrontierte das Publikum mit Objekten (Gemälden, Skulpturen), die er hergestellt hatte. Der moderne performative Künstler stellt sich selbst aus, konfrontiert das Publikum (ohne den »Umweg« über das ästhetische Produkt) mit dem Künstler selbst: 1966 die »Selbstausstellung« von Timm Ulrichs. Diese Phase hat nun auch New Yorks Museen erreicht: Tino Sehgal in der gleichnamigen Ausstellung im Guggenheim Museum, Marina Abramovic »The Artist Is Present« im MoMA. Das ZKM widmet einem legendären Begründer des Genres, Jürgen Klauke, eine Ausstellung seiner aktuellsten Arbeiten. In diesen beschäftigt sich Klauke mit einem besonderen Aspekt der performativen Politik, nämlich der Paranoia. In Shakespeares Dramen und Welt herrscht die Intrige. Die heutige Gesellschaft ist von einer universellen Paranoia gekennzeichnet. Wirklich jeder steht unter Verdacht, ein potentieller Verbrecher zu sein. Denken Sie an die Flughafenkontrolle. Darum wird in der Überwachungsgesellschaft nicht nur jeder überprüft, sondern auch sonst jede Spur der BürgerInnen mit Kameras, Computern, Bankkarten, Telefonkarten, Bonuskarten, EC-Karten, Kreditkarten, Buchungen gesichert und gespeichert (siehe Boris Groys »Unter Verdacht. Eine Phänomenologie der Medien«, 2000).

Das Publikum als Performer Der letzte Akt ist eine Kunst, die das Publikum mit sich selbst konfrontiert. 1968 schuf Franz Erhard Walther Skulpturen für die Teilnahme und Aufführung durch das Publikum (»Objekte, benutzen«). Diese Phase, das Publikum als Performer (mit Texten, Tönen, Bildern oder mit sich selbst), hat New York noch nicht erreicht. Aber das ZKM ist seit Bestehen ein performatives Museum, weil es immer schon den Besucher zum Handeln, zur Interaktivität, zur Partizipation aufgefordert hat. Die Impulse der Musik und des Theaters der 1950er-Jahre, das Publikum in das Werk miteinzubeziehen (John Cage, Claus Bremer »Mitspieltheater«, 1959), hat die bildende Kunst in der Op Art und der Kinetik aufgenommen. Happenings und Fluxusaktionen animierten das Publikum zur Partizipation. Besonders mit der Medienkunst begann Mitte der 1960er-Jahre die Teilnahme des Publikums am kreativen Akt, wie ihn Duchamp schon 1957 gefordert hat (»Alles in allem wird der kreative Akt nicht vom Künstler allein vollzogen; der Zuschauer bringt das Werk in Kontakt mit der äußeren Welt, indem er dessen innere Qualifikationen entziffert und interpretiert und damit seinen Beitrag zum kreativen Akt hinzufügt«). Besonders mit den Ausstellungen »net.condition« (1999), »Algorithmische Revolution « (2004), »YOU_ser: Das Jahrhundert des Konsumenten« (2007) und »YOU_ser 2.0: Celebration of the Consumer« (2009) hat das ZKM »the art of participation« bekannt gemacht. Im ZKM | Medienmuseum zeigt die Ausstellung »IMAGINING MEDIA@ZKM« anhand von über 200 Arbeiten, die in den zwanzig Jahren des Bestehens des ZKM von ihm selbst oder gemeinsam mit GastkünstlerInnen produziert wurden, die vielfältigen Möglichkeiten, wie der Betrachter zum Benutzer wird, indem er die Inhalte der Kunstwerke selbst steuert oder generiert. Im gesamten Medienmuseum ist das Publikum der Performer.

In den letzten Jahrzehnten kam es immer wieder zur Ausrufung neuer »turns«. Richard Rorty hat 1967 den »liguistic turn« ausgerufen (»The Linguistic Turn. Essays in Philosophical Method«, 1967). 1992 prägte W.J.T. Mitchell den Begriff des »pictorial turn« (veröffentlicht zwei Jahre später in »Picture Theory«, 1994) und 1994 proklamierte Gottfried Boehm den »iconic turn« (in »Die Wiederkehr der Bilder«, 1994). Hubert Burda und Christa Maar gaben 2004 das Buch »Iconic Turn« heraus. Das entscheidende Buch jedoch ist 1961 erschienen: »How to Do Things With Words« von J.L. Austin. Wir leben nämlich seit Ende der 1950er-Jahre in einer performativen Öffentlichkeit, mit einer performativen Politik und in einer performativen Kunst. Das Publikum macht schon lange Dinge mit Musik oder Dinge mit Bildern oder Medien im ZKM.

Die performative Wende begleitet die Hoffnung, die Kunst als Modell für eine partizipatorische Demokratie zu praktizieren.

- Peter Weibel -

· www.zkm.de/netcondition/ (1999)
· www.zkm.de/algorithmische-revolution/ (2004)
· www.zkm.de/youser/ - Das Jahrhundert des Konsumenten (2007)
· www.zkm.de/you/ - Celebration of the Consumer (2009)

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