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MultiMediale 4
Vorwort von Heinrich Klotz zur MultiMediale 4, 1995

[Heinrich Klotz (Hg.), MultiMediale 4: Das Medienkunstfestival des ZKM Karlsruhe, Ausst.-Kat. ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, ZKM, Karlsruhe, 1995.]

"Dürfen wir überhaupt im Zusammenhang mit den Neuen Medien und der Medienkunst von Tradition sprechen, wenn doch alles neu ist, die Hardware beinahe jährlich wechselt und die Software für ständige Überraschungen sorgt? Dennoch stellt sich der Begriff Tradition wie von selbst ein, wenn wir nunmehr die vierte MultiMediale veranstalten, ein Festival, das inzwischen sieben Jahre alt wird und Karlsruhe zu einem 'Zentrum der Kunst und Medientechnologie' gemacht hat.
Noch vor wenigen Jahren 1989 als wir das Karlsruher Medienkunstfestival begründeten, gab es viel Skepsis und Misstrauen gegenüber dem Versuch, die Künste mit den Medientechniken zu verschränken und sie als programmatische Grundlage für die Gründung und Aufbauarbeit des ZKM zu nehmen.
Nicht nur viele Künstler haben begonnen, sich auf die elektronischen Techniken zu konzentrieren oder diese doch neben den traditionellen Herstellungsweisen in ihre Arbeit einzubeziehen. Auch das allgemeine Publikum hatte die Möglichkeit, sich umfassender zu informieren, und es hat wie auch die entscheidungsbewussten Politiker mit Interesse und wachsender Anteilnahme die Ereignisse der Medienkunst von Jahr zu Jahr aufmerksamer verfolgt. Heute ist das Eis gebrochen, und die Medienkünste beginnen, die Kunstszene überhaupt zu verändern. Die elektronischen Techniken haben das Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten umfassend ausgeweitet und die Künste insgesamt in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt.
Wenn eben noch die wirtschaftliche Rezession und die politische Orientierungslosigkeit nach der Wende die Ursachen abgegeben haben für eine allgemeine Melancholie und Ratlosigkeit, so können wir nun eine sich wandelnde Stimmung diagnostizieren, die keineswegs einer allgemein erwarteten Endstimmung des Jahrhundertfinales als große Müdigkeit und Nichtweiterwissen entspricht. Das 'Fin de siècle' wie wir die Ausstellung des ZKM Museums für Gegenwartskunst genannt haben ist kein Jahrhundertende der Dekadenz, sondern eines der Ankündigung. Die 'Hochrenaissance der Moderne' steht noch bevor; und es sieht so aus, als seien es die Medienkünste und die elektronischen Technologien, die zu einem Aufbruch entscheidend beitragen, indem sie eine außerordentlich reichhaltige Palette neuer Darstellungsmittel bereitstellen: Eine neue Ästhetik ist im Entstehen begriffen, die "Zweite Moderne". So sehr wir in der Folge eines promiskuitiven Sex- und Gewaltfernsehens und eines um sich greifenden Ekels am TV Bild auf die Barrikaden getrieben werden, so sehr erkennen wir in den Medienkünsten eine adäquate Protestform gegen die Medieninflation, denn die angemessene Antwort kann nicht in der Abwendung von der Informationselektronik liegen, sondern in der Nutzung eben dieser Mittel, um gegenteilige, die privaten Werbesender relativierende Ergebnisse zu erzielen. Eine neue Ästhetik gegen den bloßen Medienkommerz.

Zweite Moderne bedeutet, sich nachdem die Avantgarde der klassischen Moderne die Künste auf die maschinelle Produktion mutig bezogen hatte nicht beleidigt abzuwenden von der Aggressivität der elektronischen Medien, sondern sie als Möglichkeit einer neuen Erzählung, einer erfrischten ästhetischen Fiktionalität überhaupt erst zu entdecken. Medienkunst als ein Trotzdem!
Jetzt kann, was wir als abgestorben und unglaubwürdig bereits abgetan hatten, die Erzählung, erneut zum Bild werden. Eine neue Szenerie taucht vor unseren Augen auf, die die Story vom Schicksal des Menschen und vom Wandel der Welt in überraschend veränderter Perspektive wieder glaubwürdig macht. Sogar die Stillstellung des bewegten Bildes wie beispielsweise in Bill Violas Videoinstallation des todesähnlich Schlafenden, der scheinbar Reglosen (Treshold) ist eine überraschende und herausfordernde Antwort auf die inflationäre Rasanz der bewegten Bilder. Stillhaltenkönnen mit Hilfe der Bewegung ist die erste und unmittelbare Entgegnung gegen den Medienkommerz des rasenden Bildes. Und schon unter diesen einfachen Vorraussetzungen öffnen sich weite Horizonte neuer Fiktionalität der Kunst. Nicht abwenden und ignorieren, sondern die kommerzielle Aufdringlichkeit ästhetisch zu unterlaufen wäre eine Antwort. Damit würde auch das große Potential der Medientechnologie erst ausgeschöpft. Es wäre ja möglich, daß auch die harte Realität der Medien vom stetig höhlenden Tropfen der Künste wenn auch nicht gerade ausgehöhlt wird, so doch von ihm profitieren könnte.
Die MultiMediale 4 setzt sich wie die frühere dritte MultiMediale wiederum zusammen aus Beiträgen der einzelnen Abteilungen des ZKM. Das ZKM-Institut für Musik und Akustik steuert wieder eine lange Reihe von Uraufführungen bei, zumeist Arbeiten von Gastkomponisten. Auch das ZKM-Institut für Bildmedien wirkt erneut mit einer Ausstellung der Arbeiten seiner Stipendiaten und Gastkünstler mit: neuFundland II.

Die Veranstaltung beider Institute profitieren von der eigenen künstlerischen Produktion des ZKM und von seinen inzwischen recht umfangreichen Gästeprogrammen. Musiker und Medienkünstler aus vielen Ländern werden Jahr für Jahr vom ZKM eingeladen und für einige Monate finanziell unterstützt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit bilden den Kern des Veranstaltungsprogramms und der Ausstellungen der MultiMediale 4.
Zum ersten Mal wirkt das ZKM-Medienmuseum an der MultiMediale mit. Auch hier sind es einige Eigenproduktionen, die als Exponate für die spätere Dauerausstellung entwickelt und hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt werden ('Mediengeschichten').
Das ZKM-Museum für Gegenwartskunst stellt wie früher schon einige seiner Neuerwerbungen vor, wobei wir uns auf die Werke der Medienkunst konzentrieren, während die umfangreiche neu entstandene Sammlung der Malerei, Plastik und Fotografie erst bei Eröffnung des neuen Hauses gezeigt werden.
Auch die ZKM-Mediathek gibt in mehreren Audio-und Videoprogrammen Einblick in ihre im Aufbau begriffenen Sammlungen.
Alle fünf Abteilungen präsentieren also nahezu ausschließlich eigene Arbeiten oder Eigenbesitz des ZKM. Das gilt auch für die Stundentenarbeiten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, die eng mit dem ZKM verbunden ist. Die kleine Ausstellung "Debüt" dokumentiert das Leistungsvermögen des künstlerischen Nachwuchses. In drei Symposien werden die theoretischen Aspekte der Medienkünste in die MultiMediale einbezogen, wobei nach den neuen ästhetischen Kategorien ('Neue Medien Neue Kriterien?', Leitung: Jeffrey Shaw) und nach den neuen Aspekten einer Medienmuseologie ('Das digitale Museum', Leitung: Hans-Peter Schwarz) gefragt werden wird. 'Die zweite Moderne eine Diagnose der Kunst der Gegenwart' (Leitung: Heinrich Klotz) versammelt die bekanntesten Kunstwissenschaftler und Kunstkritiker der Bundesrepublik mit zwei prominenten Künstlern zu einem Meinungsaustausch über die neuen Tendenzen der Künste im ausgehenden 20. Jahrhundert.

Unter den vielen weiteren Veranstaltungen ragt die Verleihung des Siemens-Medienkunstpreises heraus. Der Theoriepreis (DM 20.000) wird an den französischen Philosophen Jean Baudrillard verliehen. Der englische Filmemacher Peter Greenaway erhält den Hauptpreis der Medienkunst (DM 30.000). Beide Preisträger werden aus Anlass der Preisverleihung mit Vorträgen am Programm der MultiMediale teilnehmen. Die diesjährige MultiMediale findet, wie die zweite, wieder in den ehemaligen Opel-Werkstätten der Badenwerk AG in Karlsruhe statt. So gern wir diese schönen Industriehallen für unsere Zwecke nutzen, so sehr verlangen wir doch auch nach unserem inzwischen im Bau befindlichen, künftigen Domizil, wo die nächste MultiMediale im Jahr 1997 stattfinden soll. Das diesjährige Festival ist also ein Zwischenschritt auf dem Wege in unsere neue Behausung. Mit der MultiMediale 4 legen wir noch einmal Rechenschaft ab von unserer vorbereitenden Arbeit, mit welcher wir zugleich die provisorische Existenz des ZKM beendigen wollen. Voller Erwartung blicken wir der Eröffnung unseres neuen Hauses entgegen: MultiMediale fünf!"

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