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Editorial Mediagramm 3|2010

Peter Weibel :: Kunst und Markt

Die Systemtheorie erlebt eine Hausse. Die Stützung der Banken wird nämlich begründet mit dem Argument, diese seien »systemrelevant«. Der Staat muss mit Milliarden die »freie«, d.h. staatsunabhängige Marktwirtschaft stützen, weil die Selbstregulation, die berühmte »unsichtbare Hand« (Adam Smith) des Marktes, nicht funktionierte. Der Staat wurde zur Beute der Finanzmärkte. Selbst die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Merkel (CDU), spricht von den »Exzessen der Märkte«.

Wenn die Kunst ein Spiegel der Gesellschaft sei, eine Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft, dann kann vielleicht aus dem Verhältnis von Kunst und Markt etwas für die Gesellschaft gelernt werden. Ein Markt für die Kunst entstand im 18. Jahrhundert, vorher gab es ein Patronagesystem der Kirchenfürste und Päpste, des Adels und der reichen Kaufleute. Als dieses System der Auftragskunst zusammenbrach, wurde die Kunst in ihre Freiheit und Autonomie entlassen, d.h. der Künstler musste sein Werk auf dem freien Markt anbieten. Allmählich entwickelte sich ein Markt aus Verkausausstellungen, Auktionen und Galerien, in dem staatliche Museen und private Sammler als Käufer auftreten. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hält Kunst und Markt für zwei autonome Systeme. Die moderne Gesellschaft werde durch funktionale, nicht mehr durch hierarchische Differenzierung des Gesellschaftssystems gekennzeichnet. Diese Funktionssysteme seien autonom, also operativ geschlossen. Das schließt aber kausale Beziehungen nicht aus. Vor allem in der Frage nach der Qualität ist die Kopplung von Kunst und Wirtschaft beobachtbar. Die Kritik und deren Organe, die Printmedien, decken die gleiche selektive Menge von KünstlerInnen und mehr oder minder in der gleichen Rangordnung ab wie der Markt. Allerdings umfasst die relevante Kunstproduktion weit mehr als das, was Kunstkritik, Markt und Museen abdecken. Der Markt wird beherrscht von Privatsammlern, die immer mehr, zumindest in Deutschland, ihre eigenen Museen gründen. Also konvergieren auch Markt und Museum. Doch der Staat wird deswegen nicht zur Beute der Privatsammler, ganz im Gegenteil. Die privaten Sammler unterstützen den Staat in seiner Aufgabe, der Kunst eine wirtschaftliche Basis zu geben. Es gehört offensichtlich zu den Leistungen des Kunstsystems der Moderne, operativ geschlossen zu sein und sich immer wieder durch »redescriptions« und »rewriting« selbst zu erzeugen.

Der moderne Staat leistet sich also Kunst, weil er sie sich mit Hilfe des Marktes, das ist die wirtschaftliche Tätigkeit der Galerien und Sammler, leisten kann. Die privaten Kunstsammler waren und sind in der Regel erfolgreiche Unternehmer, die ihren wirtschaftlichen Gewinn für Kunstkäufe einsetzen. Es ist daher merkwürdig, angesichts des fortgeschrittenen Status eines ausdifferenzierten autonomen, sich selbst reproduzierenden Kunstsystems, dass der Staat ausgerechnet beim Finanzmarkt zum Patronagesystem zurückkehrt. Die Frage ist daher, wie lange sich der Staat ein Finanzsystem in seiner jetzigen Form leisten kann, das in der Hauptsache vom Staat lebt und, schlimmer noch, privatwirtschaftliche Tätigkeit und deren Wertschöpfungen vernichtet.
Nicht das Kunstsystem, sondern das Finanzsystem braucht Milliarden an Staatshilfe. Vom Markt der Kunst und deren Erzeugung einer fiktionalen Realität könnte der Finanzmarkt etwas lernen.

- Peter Weibel -

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