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MultiMediale 4
(13. Mai – 21. Mai 1995)

Die MultiMediale 4 fand im Jahr 1995 wie die zweite MultiMediale wieder in den ehemaligen Opel-Werkstätten der Badenwerk AG in Karlsruhe statt. Die Industriehallen befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Umbau für die Eröffnung des ZKM. In konzentrierter und umfassender Form wurden in zwei Ausstellungen Werke der Institute und Ankäufe der Museen präsentiert. Das ZKM gab damit einen ersten Überblick über die in den späteren Museen zu zeigenden Arbeiten.

Das Museum für Gegenwartskunst stellte wie früher schon einige seiner Neuerwerbungen vor, wobei der Schwerpunkt auf die sogenannte Medienkunst gelegt wurde: Gary Hill, Wolf Kahlen, Dieter Kissling, Thorbjorn Lausten, Wolfgang Staehle und Jeffrey Shaw vorgestellt.

Zum erstenmal an einer MultiMediale wirkte das ZKM_Medienmuseum mit Eigenproduktionen mit, die als Exponate für die spätere Dauerausstellung entwickelt wurden: Frank den Oudsten "Platos Schatten", Jill Scotts "Grenzen der Utopie" oder Tjebbe van Tijens und Milos Vojtechovskys "Orbis Pictus - wiederentdeckt".

Das ZKM_Institut für Bildmedien zeigte eine Ausstellung der Arbeiten von Stipendiaten und Gastkünstlern: neuFundland II, als Fortsetzung von "neuFundland" (MultiMediale 3). Gezeigt wurden Arbeiten von (in Auswahl):Peter Callas, Toshio Iwai, Yasuaki Matsumoto und Masayuki Towata, Maja Spasova und Signe Theil.

Das Institut für Musik und Akustik steuerte eine Reihe von Uraufführungen bei, zumeist Arbeiten von Gastkünstlern: Bojidar Spassov, Melvyn Poore und Laurie Schwartz.

Auch die Mediathek gab in mehreren Audio- und Videoprogrammen Einblick in ihre im Aufbau begriffenen Sammlungen. Mit den thematischen Programmen "Raum-Bild/ Text-Bild", wurde versucht, einen Bogen von frühen Klassikern zu ganz neuen, zum Teil am ZKM entstandenen Videobändern zu schlagen. Hierfür wurden Arbeiten u.a. von Tony Hill, Tamás Waliczky, Jan Verbeek, Jenny Holzer, Miroslaw Rogala, William Wegman und Richard Serra präsentiert. Die kleine Ausstellung "Debüt" zeigte Arbeiten des künstlerischen Nachwuchses an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

In drei Symposien wurden die theoretischen Aspekte der Medienkünste in die MultiMediale einbezogen. Unter dem thematischen Schwerpunkt "Neue Medien – Neue Kriterien" wurde unter der Leitung von Jeffrey Shaw nach den neuen ästhetischen Kategorien gefragt. "Das digitale Museum" (Leitung: Hans-Peter Schwarz) erörterte neue Aspekte einer Medienmuseologie und "Die Zweiter Moderne – eine Diagnose der Kunst der Gegenwart" (Leitung: Heinrich Klotz) forderte bekannte Kunstwissenschaftler, Kunstkritiker und Künstler zu einem Meinungsaustausch über die Tendenzen der Künste im ausgehenden 20. Jahrhundert heraus.
Auch bei der diesjährigen MultiMediale konnte wieder der Siemens – Medienkunstpreis an namhafte Künstler verliehen werden.


Vorwort aus dem Katalog:

Multimediale 4.
Das Medienkunstfestival des ZKM Karlsruhe.
Gesamtkatalog der Ausstellungen und Veranstaltungen.
Herausgeber: Zetrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM)
Heinrich Klotz (Direktor)

Dürfen wir überhaupt im Zusammenhang mit den Neuen Medien und der Medienkunst von Tradition sprechen, wenn doch alles neu ist, die Hardware beinahe jährlich wechselt und die Software für ständige Überraschungen sorgt? Dennoch stellt sich der Begriff Tradition wie von selbst ein, wenn wir nunmehr die vierte MultiMediale veranstalten, ein Festival, das inzwischen sieben Jahre alt wird und Karlsruhe zu einem “Zentrum der Kunst und Medientechnologie“ gemacht hat.
Noch vor wenigen Jahren - 1989 - als wir das Karlsruher Medienkunstfestival begründeten, gab es viel Skepsis und Misstrauen gegenüber dem Versuch, die Künste mit den Medientechniken zu verschränken und sie als programmatische Grundlage für die Gründung und Aufbauarbeit des ZKM zu nehmen.
Nicht nur viele Künstler haben begonnen, sich auf die elektronischen Techniken zu kon-zentrieren oder diese doch neben den traditionellen Herstellungsweisen in ihre Arbeit einzubeziehen. Auch das allgemeine Publikum hatte die Möglichkeit, sich umfassender zu informieren, und es hat -wie auch die entscheidungsbewussten Politiker- mit Interesse und wachsender Anteilnahme die Ereignisse der Medienkunst von Jahr zu Jahr aufmerksamer verfolgt. Heute ist das Eis gebrochen, und die Medienkünste beginnen, die Kunstszene überhaupt zu verändern. Die elektronischen Techniken haben das Spektrum der Ausdrucks-möglichkeiten umfassend ausgeweitet und die Künste insgesamt in ein neues Verhältnis zueinander gesetzt.
Wenn eben noch die wirtschaftliche Rezession und die politische Orientierungslosigkeit nach der Wende die Ursachen abgegeben haben für eine allgemeine Melancholie und Ratlosigkeit, so können wir nun eine sich wandelnde Stimmung diagnostizieren, die keineswegs einer allgemein erwarteten Endstimmung des Jahrhundertfinales als große Müdigkeit und Nichtweiterwissen entspricht. Das "Fin de siècle" - wie wir die Ausstellung des ZKM Museums für Gegenwartskunst genannt haben - ist kein Jahrhundertende der Dekadenz, sondern eines der Ankündigung. Die "Hochrenaissance der Moderne" steht noch bevor; und es sieht so aus, als seien es die Medienkünste und die elektronischen Technologien, die zu einem Aufbruch entscheidend beitragen. indem sie eine außerordentlich reichhaltige Palette neuer Darstellungsmittel bereitstellen: Eine neue Ästhetik ist im Entstehen begriffen, die "Zweite Moderne". So sehr wir in der Folge eines promiskuitiven Sex und Gewaltfernsehens und eines um sich greifenden Ekels am TV Bild auf die Barrikaden getrieben werden, so sehr erkennen wir in den Medienkünsten eine adäquate Protestform gegen die Medieninflation, denn die angemessene Antwort kann nicht in der Abwendung von der Informationselektronik liegen, sondern in der Nutzung eben dieser Mittel, um gegenteilige, die privaten Werbesender relativierende Ergebnisse zu erzielen. Eine neue Ästhetik gegen den bloßen Medienkommerz.

Zweite Moderne bedeutet, sich - nachdem die Avantgarde der klassischen Moderne die Künste auf die maschinelle Produktion mutig bezogen hatte - nicht beleidigt abzuwenden von der Aggressivität der elektronischen Medien, sondern sie als Möglichkeit einer neuen Erzählung, einer erfrischten ästhetischen Fiktionalität überhaupt erst zu entdecken. Medienkunst als ein Trotzdem!
Jetzt kann, was wir als abgestorben und unglaubwürdig bereits abgetan hatten, die Erzählung, erneut zum Bild werden. Eine neue Szenerie taucht vor unseren Augen auf, die die Story vom Schicksal des Menschen und vom Wandel der Welt in überraschend veränderter Perspektive wieder glaubwürdig macht. Sogar die Stillstellung des bewegten Bildes wie beispielsweise in Bill Violas Videoinstallation des todesähnlich Schlafenden, der scheinbar Reglosen („Treshold“) ist eine überraschende und herausfordernde Antwort auf die inflationäre Rasanz der bewegten Bilder. Stillhaltenkönnen mit Hilfe der Bewegung ist die erste und unmittelbare Entgegnung gegen den Medienkommerz des rasenden Bildes. Und schon unter diesen einfachen Vorraussetzungen öffnen sich weite Horizonte neuer Fiktionalität der Kunst. Nicht abwenden und ignorieren, sondern die kommerzielle Aufdringlichkeit ästhetisch zu unterlaufen wäre eine Antwort. Damit würde auch das große Potential der Medientechnologie erst ausgeschöpft. Es wäre ja möglich, daß auch die harte Realität der Medien vom stetig höhlenden Tropfen der Künste - wenn auch nicht gerade ausgehöhlt wird, so doch von ihm profitieren könnte.
Die MultiMediale 4 setzt sich wie die frühere dritte MultiMediale wiederum zusammen aus Beiträgen der einzelnen Abteilungen des ZKM. Das ZKM-Institut für Musik und Akustik steuert wieder eine lange Reihe von Uraufführungen bei, zumeist Arbeiten von Gastkomponisten. Auch das ZKM-Institut für Bildmedien wirkt erneut mit einer Ausstellung der Arbeiten seiner Stipendiaten und Gastkünstler mit: neuFundland II. Die Veranstaltung beider Institute profitieren von der eigenen künstlerischen Produktion des ZKM und von seinen inzwischen recht umfangreichen Gästeprogrammen. Musiker und Medienkünstler aus vielen Ländern werden Jahr für Jahr vom ZKM eingeladen und für einige Monate finanziell unterstützt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit bilden den Kern des Veranstaltungsprogramms und der Ausstellungen der MultiMediale 4. Zum ersten Mal wirkt das ZKM-Medienmuseum an der MultiMediale mit. Auch hier sind es einige Eigenproduktionen, die als Exponate für die spätere Dauerausstellung entwickelt und hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt werden („Mediengeschichten“). Das ZKM-Museum für Gegenwartskunst stellt wie früher schon einige seiner Neuerwer-bungen vor, wobei wir uns auf die Werke der Medienkunst konzentrieren, während die um-fangreiche neu entstandene Sammlung der Malerei, Plastik und Photographie erst bei Er-öffnung des neuen Hauses gezeigt werden.
Auch die ZKM-Mediathek gibt in mehreren Audio-und Videoprogrammen Einblick in ihre im Aufbau begriffenen Sammlungen.
Alle fünf Abteilungen präsentieren also nahezu ausschließlich eigene Arbeiten oder Eigenbesitz des ZKM. Das gilt auch für die Stundentenarbeiten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, die eng mit dem ZKM verbunden ist. Die kleine Ausstellung „Debüt“ dokumentiert das Leistungsvermögen des künstlerischen Nachwuchses. In drei Symposien werden die theoretischen Aspekte der Medienkünste in die MulitMediale einbezogen, wobei nach den neuen ästhetischen Kategorien („Neue Medien - Neue Kriterien?“, Leitung Jeffrey Shaw) und nach den neuen Aspekten einer Medienmuseologie („Das digitale Museum“, Leitung: Hans-Peter Schwarz) gefragt werden wird. „Die zweite Moderne - eine Diagnose der Kunst der Gegenwart“ (Leitung: Heinrich Klotz) versammelt die bekanntesten Kunstwissenschaftler und Kunstkritiker der Bundesrepublik mit zwei prominenten Künstlern zu einem Meinungsaustausch über die neuen Tendenzen der Künste im ausgehenden 20. Jahrhundert. Unter den vielen weiteren Veranstaltungen ragt die Verleihung des Siemens-Medienkunstpreises heraus. Der Theoriepreis (DM 20.000) wird an den französischen Philosophen Jean Beaudrillard verliehen. Der englische Filmemacher Peter Greenaway erhält den Hauptpreis der Medienkunst (DM 30.000). Beide Preisträger werden aus Anlass der Preisverleihung mit Vorträgen am Programm der MultiMediale teilnehmen.
Die diesjährige MultiMediale findet, wie die zweite, wieder in den ehemaligen Opel-Werkstätten der Badenwerk AG in Karlsruhe statt. So gern wir diese schönen Industriehallen für unsere Zwecke nutzen, so sehr verlangen wir doch auch nach unserem inzwischen im Bau befindlichen, künftigen Domizil, wo die nächste MulitMediale im Jahr 1997 stattfinden soll. Das diesjährige Festival ist also ein Zwischenschritt auf dem Wege in unsere neue Behausung. Mit der MulitMediale 4 legen wir noch einmal Rechenschaft ab von unserer vorbereitenden Arbeit, mit welcher wir zugleich die provisorische Existenz des ZKM beendigen wollen. Voller Erwartung blicken wir der Eröffnung unseres neuen Hauses entgegen: MulitMediale fünf!

Heinrich Klotz
Vorstand des ZKM

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