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Ausstellungen 08|2009

01.08.30.08.2009
Bewohnbare Bibliotheken
Eine Ausstellung mit Arbeiten von ArchitekturstudentInnen der ETH Zürich auf dem ZKM_Musikbalkon

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Nachthaus
Peter Sloterdijk, HfG

Seit ich denken kann, ziehe ich die Nachtansicht von Häusern der Tagansicht vor. Nichts ist poetischer als das nächtliche Haus, in dessen Innern Lichter brennen und von einem verborgenen Leben zeugen. Das Licht in den Zimmern strahlt ein Glücksversprechen aus, das nicht den zufälligen Passanten gilt, sondern allein den Bewohnern des Hauses vorbehalten bleibt. Es ist ein Licht, das nicht mit Fremden geteilt werden kann. Es leuchtet nur sich selbst und den Seinen esoterisch und privilegiert wie jedes nicht willkürlich teilbare und vermehrbare Gut. Tatsächlich bildet das illuminierte nächtliche Haus, von draußen gesehen, eine in sich selbst leuchtende Glückskugel. Es ist nicht so, dass ich den Zugang zu dem fremden Haus begehre und mich in das Glück der Anderen hineindrängen wollte. Sollte ich aber je ein eigenes Haus erwerben, es müsste in manchen Nächten wie eine solche Kugel erscheinen, ein bewohnter Lampion, in dessen Innern die Schwerkraft aufgehoben ist.

Wer den nächtlichen Menschen interessanter findet als den Tagesmenschen, wird keine Mühe haben, die Behauptung zu akzeptieren, dass auch das Haus in seinen nächtlichen Aspekten anziehender ist als in denen, die den Tagfunktionen zugewandt sind. Der Homo nocturnus bewohnt die Ränder der Welt wie ein Zaunreiter zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Er hat die Tagespflichten hinter sich gelassen und bewegt sich sorglos in seinen eigenen Wänden. Das Negligé ist nicht bloß ein Zustand der nachlässigen Bekleidung im Boudoir, es ist die Existenzweise zwischen Tag und Nacht, wie sie der Hausbewohner erlebt, wenn er sich auf das eigentliche Wohnerlebnis einstimmt. Wohnen bedeutet einen Zustand geschützter Schwäche erfahren, der nicht mit Vorwürfen belastet ist. In diesem Sinn bedeutet eine gute Wohnung das architektonische Pendant von Liebe. Sie erlaubt dir, in ihr schwach zu sein, ohne dass sie deswegen in eine starke Pose verfiele.

Der nächtliche Mensch ist der abgespannte, der mit der Welt keinen En-face-Kontakt mehr unterhält sei es, dass er schon die Abdunkelung gewählt hat, die Schlaf gewährt, sei es, dass er sich zur Seite dreht, wie jemand, der noch wacht und nicht mehr gestört werden möchte. Aus beiden Stellungen geht das gute Haus hervor als die schützende Hülle um die Absencen des Bewohners. Man muss die Liaison zwischen Häuslichkeit und Nächtlichkeit ins Zentrum rücken. Gewiss, für die Alten galt das Haus in erster Linie als eine ummauerte Feuerstelle. Der Herd war der Ort, von dem es hieß, er hege die Seele des Gebäudes. Sieht man näher zu, versteht man jedoch, dass das Beseelungszentrum nicht allein in den wärmenden und nährenden Funktionen des Hauses gesucht werden kann, sondern ebenso in denen des Nachtschutzes. Es genügt zuzugeben, dass ein Wohnhaus wesensmäßig ein verräumlichtes Immunsystem ist und dass Immunsysteme verkörperte Vorkehrungen gegen wahrscheinliche Störungen darstellen: so versteht man auch, wieso gerade der Homo nocturnus, der geschwächte, weltabgewandte, zur Seite blickende und traumbefangene Hausbewohner in Abhängigkeit von den immunisierenden Leistungen seiner architektonischen Hülle lebt.

Sobald man das Haus als eine Anlage zum Absence-Schutz seines Bewohners verstanden hat, erkennt man ohne Mühe die funktionale Verwandtschaft zwischen dem Schlafraum und der Bibliothek. Denn wie das individualisierte Schlafzimmer eine schützende Kapsel um die Zustände der vollständigen Weltabwendung ausbreitet, so errichtet die individualisierte Bibliothek eine Hülle um die Zustände der relativen Weltverlorenheit, die den lesenden Menschen charakterisieren.

Von hier aus ist es nur ein Schritt zu der Forderung, dass aus der Bibliothek die wichtigste Intimitätszelle des Hauses werden soll ja dass das Haus als Ganzes eine bewohnbare Bibliothek darstellen möge. Es ist seine Aufgabe, eine schützende Membrane um die luziden Absencen zu bilden, die die Seinsweise des lesenden Menschen bestimmen. Der glückliche Bibliotheksbewohner taucht, wann immer er will, in die künstliche Nacht der Lektüre ein, und wenn auch der lesende Geist alles andere als ein schlafender ist, so ist er doch ein entrückter, träumender oder imaginierender. Er befindet sich in einem Zustand, bei dem der erste von der Wahrnehmung eröffnete Weltbezug ersetzt ist durch die zweite Welt, die aus den Zeilen und Seiten aufgeht. Der Leser schaut auf das paginierte Blatt wie in ein Fenster zu einer alternativen Realität. Niemand ist störbarer als er, und niemand hat ein stärkeres Interesse daran, die Tür zur ersten Welt hinter sich zu schließen.

Ein Passant, der nachts an dem Haus des Lesenden vorbeikommt, sieht es von Zeit zu Zeit von innen leuchten. Wer blickt nicht gern in ein erleuchtetes Fenster? Der neugierig Vorübergehende hätte ganz Recht, wenn er den über ein Buch gebeugten Einwohner für einen Menschen hielte, dem das Glück der Unerreichbarkeit zugefallen ist.

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