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Ausstellungen 08|2009

01.08.30.08.2009
Bewohnbare Bibliotheken
Eine Ausstellung mit Arbeiten von ArchitekturstudentInnen der ETH Zürich auf dem ZKM_Musikbalkon

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Bewohnbare Bibliotheken
Peter Weibel, ZKM

Traditionellerweise spiegelt der Grundriss einer Wohnung die Funktionen des Lebens wider. So gibt es Räume für Schlafen, Kochen, Toilette und Geselligkeit. Den Raum für Letzteres nennt man merkwürdigerweise Wohnzimmer. Es stellt sich also heraus, dass es in der Wohnung einen primären Raum gibt, der Wohnzimmer heißt und das Zimmer meint, in dem eigentlich gewohnt wird. Man wohnt offensichtlich nicht in der Wohnung, sondern in einem Wohnzimmer, und der Rest der Wohnung wird untergeordneten Nebenfunktionen überlassen. Demnach müsste das Wohnzimmer der größte Raum und das Badezimmer der kleinste Raum sein. Ach, wenn dem so wäre. Heute spielen Sport und Fitness eine große Rolle, dadurch braucht man Platz für seinen Hometrainer. Das Bad ist nicht mehr nur für die Katzenwäsche da, sondern man braucht Platz für die morgendlichen athletischen Übungen. Es sei denn, man verwechselt Wohnen mit Arbeiten und stellt den Hometrainer ins Wohnzimmer vor den Fernseher, eine beachtliche Konfusion der Funktionen.
In vielen Fällen ist das Schlafzimmer enorm groß und sogar repräsentativ, obwohl man dort die meiste Zeit mehr oder minder bewusstlos verbringt, nämlich schlafend. Also würde eine bequeme Kammer genügen.
In manchen Fällen ist die Küche Teil der Wohnung, um die Hausfrau nicht von der Familie zu separieren und damit man auch in der Küche philosophische Gespräche führen kann. Es gibt Herrenzimmer, aber keine Frauenzimmer, obwohl es zumindest den Begriff Frauenzimmer gibt. Die Begriffe Hausfrau bzw. Frauenzimmer als ideologische Reste belegen, dass in der Wohnung nicht nur Lebensfunktionen, sondern auf extreme Weise auch soziale Funktionen gebunden sind. Die Frau kümmert sich um das Haus und bleibt im Zimmer, während der Mann in der großen weiten Welt als Jäger auf Beute ist: So lautet noch immer der anthropologische Imperativ.
Dazu gibt es auch noch Kinderzimmer und Fremdenzimmer, die eigentlich für befreundete Gäste vorgesehen sind. Natürlich gibt es auch hin und wieder bei begüterten Verhältnissen Arbeitszimmer, in der Mehrzahl für den Mann, und Bibliotheken, die früher eigentlich Herrenzimmer hießen, denn dort zogen sich die Herren nach dem Essen zurück, um Gespräche zu führen zur Lage der Welt oder ihren privaten Angelegenheiten, während die Hausfrau sich um den Abwasch, d.h. die Beseitigung der Spuren des gemeinsamen Mahles kümmerte. Der Grundriss einer Wohnung spiegelt bürgerliche Verhältnisse, bürgerliche Lebensformen des 19. Jahrhunderts wider, immer noch.

Sie sehen, die scheinbar harmlose Architektur einer Wohnung ist der Spiegel komplexer sozialer Verhältnisse. Deswegen heißt auch ein berühmter Essay von Virginia Woolf, in dem es um die Gleichberechtigung der Frau geht, "A Room of One's Own" (1929).

Darum ging es mir, ich wollte eine Wohnung nach eigenen Bedürfnissen, keine altmodische Wohnung nach Bedürfnissen und Lebensformen des 19. Jahrhunderts. Denn die meisten Grundrisse von Wohnungen sind nach Klischees konventioneller und traditioneller sozialer Vorstellungen angefertigt - nach alten Vorstellungen von Familie und Patriarchat, von Erwachsenen und Jugendlichen, nach alten Vorstellungen von Lebensformen und Gewohnheiten. Der moderne Mensch von heute isst außer Haus, liebt außer Haus und liest nur zuhause. Ich selbst brauche keine Küche, weil ich nicht koche, also ist meine Wohnungsvorstellung mehr die eines Studenten, der die meiste Zeit studieren will und muss. Ich brauche auch nur eine Nasszelle und kein geräumiges Badezimmer. Ich brauche auch nur eine Schlafkabine. Was ich aber wirklich brauche, in extenso, ist Raum für Bücher. Ich lebe mit Büchern. Alle anderen sozialen Funktionen spielen eine untergeordnete Rolle. Ich empfange keine Gäste und lade nicht zu sozialen Ereignissen ein. Ich lebe sozusagen zurückgezogen, hinter verschlossenen Türen und Jalousien. Insofern will ich nur eine wunderbare Bibliothek, in der ich auch wohnen kann. Das ändert alle anderen Funktionen.

Am signifikantesten darstellbar ist meine Wohnvorstellung am Beispiel des Aufzugs. Normalerweise ist der Aufzug ein bloßes Vehikel, ein Fahrzeug, das die Bewohner eines Hauses in ihre Wohnungen bringt. Für mich stellt es sich umgekehrt dar. Der Aufzug, der Lift, ist die Wohnung. Ich wohne im Aufzug. Nicht ich bewege mich, sondern die Wohnung bewegt sich. Die Wohnung bewegt sich die Bücherwand entlang und bringt mich zu den Objekten meines Begehrens. Ich schlafe auf der Plattform des Aufzugs, ich arbeite auf der Plattform des Aufzugs, im Aufzug ist mein Bett, mein Schreibtisch. Der Aufzug ist mein Schlafzimmer, mein Wohnzimmer, mein Büro. Der Aufzug ist mein mobiles Büro, wie es in Studienzeiten mein Auto gewesen ist. Der berühmte, aus den k. u. k. Österreich stammende und in New York zu Ruhm gekommene Fotoreporter Weegee (Arthur Fellig, 1899-1968) hatte ein Auto mit eingebauter Dunkelkammer, damit er die Fotos von Verbrechen sofort an die Zeitungsredaktionen schicken konnte. In seiner Wohnung lebte er mit dem Ohr am Polizeifunk, und da in New York so viele Verbrechen geschahen, war er fast ständig in seinem Auto unterwegs. Dieses Auto war also Wohnung, Büro und Fotolabor in einem. Genau so stelle ich mir meinen Aufzug vor: Wohnung, Büro und Labor in einem, allerdings ein Aufzug umgeben von Büchern. Die Wohnfläche konzentriert sich gewissermaßen auf den Aufzug, der mir das Leben mit Büchern ermöglicht. Eine bewohnbare Bibliothek.

Klarerweise befindet sich in diesem Lift eine digitale Infrastruktur, die mir nicht nur 24 Stunden am Tag Kommunikation mit meiner Bibliothek, sondern auch mit der Welt ermöglicht. Dies unterscheidet den Lift von einer Zelle, sei es einer Mönchs- oder einer Gefängniszelle. Ich kann den Aufzug jederzeit verlassen, sei es materiell oder immateriell, physisch oder psychisch. Die Freiheit der Welt versammelt sich so in diesem "Room of my own" von der Größe eines Lifts.

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