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Giga-Hertz-Preis 2008

Positionierung der zeitgenössischen elektronischen Musik und des Giga-Hertz-Preises durch Gerhard R. Koch (Faz)



Liebe Preisträger, liebe Natasha Barrett, meine Damen und Herren, gestatten Sie mir eine Vorbemerkung, um Missverständnissen vorzubeugen:

Ich bin kein ausgesprochener Experte für elektronische Musik und nehme an, dass hier Zahlreiche anwesend sind, die von Ästhetik, Prinzipien, Techniken, Materialien, Apparaturen und Prozeduren der tönenden ars electronica sehr viel mehr verstehen als ich. Folglich empfände ich es geradezu als Anmaßung, wollte ich nun versuchen, Ihnen in diesem Rahmen Fundiertes, generell wie im Detail, über diese hochkomplexe Kunstlandschaft mitzuteilen, gar sie belehren zu wollen. Aber man soll es selbst mit der Einsicht in die eigenen Grenzen nicht übertreiben; und so nehme ich immerhin an, dass die Verantwortlichen des ZKM ihre wohlerwogenen Gründe hatten, als sie sich wegen der Laudatio für den heutigen Anlass nicht an einen ausgewiesenen Spezialisten, gar Insider, wandten, sondern an einen quasi musikpublizistischen Allrounder, der im Spannungsfeld zwischen traditionellem Repertoire und zeitgenössischer Ästhetik operiert, mit Schwerpunkten auf dem Musiktheater, der Neuen Musik, der Kulturpolitik und den Vernetzungen der Künste. Aber die Moderne hat für mich Vorrang, also auch die vielfältige Medienkunst, etwa der Film. Nicht zuletzt deshalb stehe ich hier. Und insgeheim hoffe ich sogar, dass die ZKM-Leitung, womöglich sogar ein wenig unbewusst, den schönen, gewiss paradoxen, Lichtenberg-Aphorismus im Sinn hatten, als sie ausgerechnet auf mich verfiel: "Wer nur etwas von Chemie versteht, versteht auch nichts von Chemie."

Als ich einem hochkompetenten Musiker und Musikwissenschaftler von dieser Karlsruher Veranstaltung erzählte, da meinte er skeptisch: ob es da nicht um mehr oder minder seelenlose Künstlichkeit ginge. Ich entgegnete: Derlei mag schon vorkommen; aber manche Star-Events kämen mir auch nicht gerade spontan sinnerfüllt vor. Überhaupt gebe es genügend Musik von vertracktester kompositonstechnischer Schwierigkeit, ohne dass diese auch unmittelbar im Ausdruck wirksam würde, etwa die Vokalpolyphonie von Spätmittelalter und Renaissance. Der Zeitgeist ist der Moderne nicht gewogen. Hieß der 68-er-Slogan "Trau keinem über dreißig", so könnte man nun meinen, "Trau keinem unter achtzig, oder zumindest siebzig" sei die Devise. Die angeblich ungebrochene Wertewelt des neunzehnten Jahrhunderts wird von betagten Publizisten wie Interpreten nicht ohne innig auftrumpfendes Tremolo beschworen: "Der Untergang des Abendlandes" scheint nicht mehr allzu fern.

A propos Seele: wüssten wir, was dies überhaupt ist: aller Philosophie, Theologie, Psychologie, auch Ethnologie - ich erinnere an das epochale Werk von Claude Levi-Strauss - hätte es nicht bedurft. Ebenso wenig hätte es die Kunst gegeben. Ich plädiere damit keineswegs für die Ewigkeits-Fragen, wohl aber für die generelle Unsicherheit der Beantwortung. Kürzlich hörte ich, sogar im Konzert, wieder einmal Stockhausens "Gesang der Jünglinge" von 1955/56, und war erneut überrascht, wie semantisch hochexpressiv er klang, nicht nur durch die Stimme. Stockhausen hat die Elektronik stets auch anthropomorph gesehen: als demiurgisches Komponieren mit anderen Mitteln. Und so, wie Gotffried Michael König staunte, was bei seinen Studioarbeiten klingend herauskam, so wunderte sich Stockhausen, was er alles anstellen müsse, um die innere Vorstellung zu realisieren. Stockhausen, gewiss überragender Pionier der Elektronik, hat kaum bestritten, dass diese für ihn eine Art multiples Meta-Instrument war. Stockhausens Tod vor einem Jahr ist Anlass genug, sich gerade hier seiner zu erinnern. Doch noch Stockhausens Antipode Nono bekannte, dass Hans-Peter Hallers Freiburger Experimentalstudio für sein Komponieren ähnliche Funktion gehabt habe wie der Geiger Joseph Joachim beim Brahms-Konzert: die Materialität des Interpreten habe die Spiritualität des Komponierten interaktiv mitbestimmt.

Damit bin ich schon sehr viel näher bei der Thematik dieses Abends, die natürlich weit weniger historisch ist. Denn nicht nur kooperieren ZKM und Strobel-Stiftung: Der Fächer dessen, was man Elektronik zu nennen pflegt, hat sich enorm geöffnet, und die Definition ist vergleichbar heikel wie etwa bei Barockmusik. Es gibt Schulen und Studios, divergierende Ästhetiken, Live-Elektronik kann heute vielerlei heißen, und die Computer wirken sich höchst heterogen aus. Man denke an die unterschiedlichen Ästhetiken in Freiburg, am ZKM und ICAM, in Stanford, Graz oder Bourges. Während manche Pop-Musiker genau diese technologisch hoch entwickelte Avantgarde milde belächeln und überlegen nachsichtig darauf verweisen, dass in den Pop- oder Filmmusik-Studios in London oder Los Angeles schon längst viel raffiniertere Sachen gemacht werden, man da noch ganz andere Sachen auf der Pfanne habe. Gleichwohl staunten sie, als ich einwandte, dass Sound-Produktion und Komposition bei allen wechselseitigen Durchdringungen noch keineswegs identisch seien. Und man könne sich da auch täuschen. So gibt es Orchesterpartituren, die computergeneriert aussehen und trotzdem altmodisch ausgeschrieben wurden - und geradezu komplexistisch hochdifferenzierte Notationen, die sich dennoch Elektronik-Programmen, höchst artifiziell eingesetzter Soft Ware verdanken. Solche, mitunter tückisch-trügerische Mannigfaltigkeit macht die aktuelle Situation zugleich diffus und unüberschaubar lebendig. Man weiß nicht immer so ganz genau, woran man ist - zumindest nicht mehr im angeblich zeitlosen Reich des einst so beseligenden Wahren, Schönen, Guten.

Ebendies spricht auch für den Giga-Hertz-Preis, mit 15 000 Euro für den Hauptpreis und viermal 8 000 für die Produktionspreise der weltweit höchst dotierte Preis für elektronische Musik. Überdies ist dies der einzige Preis, an dem Pierre Boulez als Juror mitgewirkt hat. Es ist ein Versuch, in der auch industriell wuchernden Fülle der Erscheinungen der Musik zwischen experimenteller Avantgarde und avancierter Rock-Musik - mit den Sampler-Techniken als missing link - Perspektiven zu formulieren, ja zu definieren. Und natürlich entrinnt man nicht dem Kräftegeschiebe von neuen Techniken und alten Inhalten. Die hochartifiziellen Video-Installationen von Bill Viola lassen durchaus Wagnerianisches Wabern anklingen, in denen Bruce Naumanns wirken alte Temperaments-Physiognomien nach. Und in Steven Spielbergs Film "Artificial Intelligence" fallen Seelensuche und high tech-Sintflut in eins.

Es ist kein gutes Zeichen für die gegenwärtige Kultursituation, dass in Film wie Theater die linear-pseudorealistische Erzählperspektive zunehmend wieder dominiert. Technisches Kalkül und Erwartungs-Irritation gehörten einmal zur Avantgarde. Sie scheint auf dem Rückzug.

Aber Natasha Barrett stellt sich der Herausforderung eines gleich doppelten Spagats: Zwischen Mensch - was immer man darunter verstehen mag - , mehrdimensionaler Technik und unnahbarer Natur. Als ich die Beschreibung ihrer "Kongsberg Silver Mines" las, erinnerte ich mich einer kuriosen Begegnung in den Alpen: Ein Mann schlug mit einem Hammer auf eine Felswand, legte ein Stethoskop an diese. Auf die leicht ironische Frage, was er da treibe, sagte er nur: Jeder Fels hat seine eigene Sonorität. Nun weiß ich nicht, ob Natasha Barrett so unmittelbar natural sounds gesammelt hat oder vielmehr in heterogenen "layers" synthetisiert hat. Aber als Dreiklang von Studiotechnik, menschlicher Naturbeherrschung, also auch Geschichte und Gesellschaft, und virtueller Beschwörung elementarer Natur hat ihre "soundscape" auch ihr Utopisches. Gerade, weil sie nicht irgendeine "Heile Welt" vorgaukelt, sondern es beim schwer greifbaren Artefakt belässt.

Die Institution des Giga-Hertz-Preises hat denn auch ihr Verdienst im Vertrauen auf ästhetische Autonomie. Das muss nicht heißen pures l'art pour l'art, sondern kann bedeuten: Imagination von Kreativität noch in den tiefen Hohlräumen der Erde. Gemütlich klingt dies nicht, dafür aber auch nicht nach Menschheits-Suada. Wer dieses Stück hört, kann hochtönende Oszillationen von Wirklichkeit wahrnehmen, keineswegs deren dumpfes Abbild.

Natasha Barrett, ich gratuliere Ihnen zu dieser Auszeichnung.

Gerhard R. Koch
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

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