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Vortrag
Sabine Breitsameter, trans_canada


Was ist ein Soundscape, wie verhält er sich zur Komposition und auf welchen Kontext beziehen sich Barry Truax, Hildegard Westerkamp und Darren Copeland? Ich würde gerne meinen Vortrag mit einer persönlichen Geschichte beginnen. Im Jahr 1988 reiste ich durch Zaire, das heutzutage Kongo heißt. Eines meiner Ziele war, die Berg-Gorillas im Virunga National Park, im Osten von Zaire, zu besuchen. Diese Region wurde zum Schauplatz einer extremen menschlichen Katastrophe. Die Gorillas lebten tief im Dschungel, und um sie zu finden, musste man mit begleitenden Rangern, die die Aufenthaltsorte der Gorillas kannten, in den Dschungel wandern, man musste nur den Rangern in dieses abgelegene Gebiet folgen. Man musste einige Stunden bergauf steigen, bevor man ein sehr dichtes Dschungelgebiet betrat. Plötzlich befand man sich in einer dunklen Umgebung, wo man die Dinge, die um einen herum waren, nicht mehr unterscheiden konnte. Der Erfahrung, die am entfremdendsten war, war aber der Klang. Es war ein Klang, den ich nie zuvor gehört hatte.

Wie kann ich diesen Klang beschreiben? Er bestand aus einer zahllosen Masse von mikro-intervallischen Schichten mit scharfen Frequenzen. Die Farben und Eigenschaften dieser Klänge hörten sich nicht natürlich an. Es klang sehr synthetisch und sehr technisch und ich bekam sofort den Eindruck, mich in einem elektronischen Studio zu befinden, mit einer Menge von verschiedenen Oszillatoren. So etwas hatte ich noch nie zuvor gehört. Die Klänge waren befremdlich und abstrakt. Mit der Welt, die ich bisher kannte, hatten diese Klänge wenig oder keine Ähnlichkeiten. So befremdlich war es. Es war nicht einfach, die Ehrfurcht und die Angst zu überwinden, um für diese Laute so empfänglich zu werden, wie man das bei einem mit Musikstück sein kann. Schließlich wurde mir bewusst, das ich Klänge gehört hatte, die so schienen, als seien sie organisiert. Die Laute entwickelten sich. Die Klänge folgten einer gewissen dramaturgischen Route. Die Ursache für diese Dramaturgie war direkt mit meiner Präsenz und Bewegung im Dschungel verbunden.

Je tiefer ich in den Dschungel kam, desto näher kam ich zu den Schlupfwinkeln der Gorillas, umso dichter und vibrierender wurden die Klänge. Jedes Geräusch, das ich beim Gehen oder bei irgendeiner Bewegung machte, wurde durch eine Vielzahl der Dschungelklänge beantwortet. Es war eine Komposition, die Augen und Ohren hatte, und es war etwas, was man heutzutage eine interaktive Klangumwelt nennen würde, die mir antwortete. Meinem Präsenz und Aktivität hat die kompositorische Entwicklung beeinflusst, obgleich die Effekte unvoraussehbar waren.

Man konnte vorher nicht wissen, was genau passieren würde, wenn ich dieses und jenes machte, oder nur um eine Ecke herum gelaufen wäre, und so weiter. Es war völlig überraschend was geschah. Die Klänge, die ich bereits erörtert habe, schienen synthetisch; keine natürliche oder konkrete Assoziation war ersichtlich.

Leider hatte ich zu dieser Zeit kein Aufnahmegerät, und habe nichts davon festgehalten. Mein erstes Klang Beispiel ist eine Aufnahme von einem Dschungel, aufgenommen von dem Anthropologen Steven Feld. Diese stammt aus dem Bosavi Regenwald, Neuguinea. Die Klänge sind weniger dicht, weniger fremd, weniger elektronisch, als meine Erfahrung, aber seine Aufnahme hat anderen Zwecken gedient. Als Anthropologe erforscht Steven Feld die interaktive Beziehung, und die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Klängen der Umwelt und dem gesellschaftlichen und kulturellen Alltag der Bosavis.

SOUND: Steven Feld, Voices of the Rainforest

Kurz nach meinem Aufenthalt 1988 in Zaire, bekam ich zufällig die deutsche Übersetzung von Murray Schafers Buch, "The Tuning of the World", und ich entdeckte, dass es einen Namen dafür gibt, einen Ausdruck, ein systematisch ausgedachter Begriff, für das, was ich klanglich im Dschungel erlebt hatte; dieser Ausdruck heißt "Soundscape".

Für mich war es sehr interessant, dass Murray Schafer jedes Soundscape für eine Komposition hält, und dass die Welt durch Hören auch kritisch wahrgenommen werden kann und die Klänge der Welt etwas über die Gesellschaft und Zivilisation verraten.

Was bedeutet nun "Soundscape" genau? Ich denke, das ist ein Ausdruck den man oft hört, und es ist ein künstlicher Begriff. Wie viele von Ihnen wissen, kombiniert dieser Begriff zwei Worte: "Landscape" und "Sound", was als zusammengesetztes Wort, schwierig in andere Sprachen zu übersetzen ist. In Deutschland haben wir uns nach vielen Auseinandersetzungen auf das Wort "Klanglandschaft" geeinigt. Auf Französisch heißt es "Paysage Sonore", aber auf keinen Fall halte ich es für dasselbe Wort wie Soundscape, das anders zusammengesetzt ist, und deshalb von speziellerer Bedeutung ist. Es ist also mühsam, diesen Begriff in anderen Sprachen verfügbar zu machen.

Dieser Ausdruck wurde von dem Komponisten und Forscher Murray Schafer Mitte der sechziger Jahre geprägt, und dazu habe ich gehört, dass andere Leute dieses Wort auch benutzt haben. Ich habe außerdem gehört, dass auch andere Leute behaupten diesen Begriff geprägt zu haben. Ich kenne keine Namen, aber vielleicht kennen Sie jemanden, der auch behauptet das Wort Soundscape erfunden zu haben? Vielleicht weiß es jemand von Ihnen. Was ist mit Ihnen Barry, wissen Sie es? Nichts definitives. Aber ich glaube der Begriff ist so assoziativ, das die Sache recht klar ist, dass wenn man diese zwei Wörter kombiniert, sich dieses Wort ergibt. Also gut, es ist wahrscheinlich nicht so besonders wichtig zu untersuchen, dass diese 2 Wörter kombiniert wurden. Also, Soundscape weist auf das Klangbild der Umwelt hin. Ich werde gleich ins Detail gehen. Lassen Sie mich sagen, dass der Ausdruck Soundscape heutzutage etwas lässig verwendet wird. Und das, ohne dass die Benutzer wissen, dass dieser Begriff eine Geschichte hat, und dass eine ganze Reihe von begrifflichen Definitionen existieren. Und eine ganze Menge von Ideen, und damit vielleicht ein ganzes Weltbild. Also lassen Sie mich ein paar Beispiele aufstellen, die den inflationären Gebrauch dieses Ausdrucks darlegen. Ich erinnere mich, dass in den späten Neunzigern ein Computerladen gegenüber meiner Wohnung in B. Sound Karten mit dem Markennamen "Soundscape" verkaufte; vielleicht kennen einige von Ihnen dieses Produkt? Wie ich mich erinnern kann, waren sie besonders geräuschhaft - also nicht das Beste, man sollte sie lieber meiden! Oder vielleicht hat jemand von Ihnen andere Erfahrungen gemacht, ich kann es nicht wissen. Oder, wenn Sie ins Internet gehen werden Sie, wenn Sie "www.soundscape.com" eingeben, einen Hersteller aus Florida finden bei dem Sie Außenlautsprecher kaufen können.

LACHEN

Oder, wenn man "soundscape-online.de" eingibt, dies wird besonders überraschend, weil Sie auf eine Cover-Rock Band aus der schwedischen Provinz stoßen, die auf Bierfesten spielt.

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Und wenn Sie auf "soundscape.tk" gehen, werden Sie eine Hardrock Band finden aus...

MURMELN

Ah. OK, T.Tk. T wie "Theodore"! OK. Sie werden eine Hardrock Band aus den Niederlanden finden die im Stil der früheren Achtziger spielt. Und Sie finden schlecht kodierte MP3s auf deren Website.

LACHEN

Also, wie Sie sehen können, wird der Ausdruck "Soundscape" sehr, sehr absichtlich benutzt, und es scheint, als gebe es keine gemeinsame Definition und vielleicht auch kein Interesse zu hinterfragen, was dieser Ausdruck wirklich bedeutet. Von vielen meiner Studenten, die Visuelles Design studieren, habe ich mitbekommen, dass der Ausdruck "Soundscape" benutzt wird, um klangliche Eigenschaften zu visualisieren. Durch klicken einer Bildschirmikone kann man einen Klang produzieren; dieses Vorgehen wird "Soundscape" genannt. Auf diese Art von Terminologien Missbrauch reagiere ich sehr empfindlich und ich denke, das ist eine Sache die man unbedingt klären sollte. Dazu müsste man, besonders die Studenten, sich damit vertraut machen, was "Soundscape" wirklich bedeutet. Gut! Was bedeutet es wirklich, Soundscape? Wie hat Murray Schafer (der dieser Ausdruck geprägt hat) diesen Begriff definiert? Auf jeden Fall, möchte ich keine vorschnelle Definition oder ein Zitat verabreichen, sondern ich möchte Ihr klangliches Vorstellungsvermögen herausfordern. Erinnern Sie sich an die klangliche Beschreibung, bei meiner Erzählung über den Dschungel?

Ich erzählte Ihnen von dem seltsamen elektronischen Klang, der sich bei jedem Schritt, den ich tat und bei jeder Körperdrehung, änderte. Vielleicht können Sie sich vorstellen, wie diese Klänge geklungen haben. Nur viel radikaler als die Klänge, die vorhin hier gespielt wurden. Stellen Sie sich diese Klänge jetzt vor ... und dann, nur zum Vergleich, versuchen Sie sich die Klänge eines kanadischen Bergwaldes vorzustellen. Oder, man könnte die Geräusche an einem Strand in Deutschland mit den Geräuschen einer Wüste, zum Beispiel der Sahara vergleichen.

Was Sie sich gerade vorgestellt haben, waren alles Soundscapes, aber warum habe ich nicht gesagt das Sie sich Klänge vorgestellt haben? Weil Soundscapes, eine Analogie zur Landschaft voraussetzten und ein Soundscape eine Art Darstellung der Landschaft ist. Und das finde ich interessant, weil die klangliche Darstellung einer Landschaft bedeutet, dass eine Landschaft statisch ist. Eine visuelle Landschaft, ist mehr oder weniger statisch, wenn Sie sie betrachten. Letztendlich denken Sie so. Dagegen muss eine klangliche Darstellung oder eine Soundscape dynamisch sein, weil ohne jede Bewegung nichts hörbar wäre. Also, braucht man Bewegungen, man benötigt Abweichungen, Aktivitäten, Vibrationen, Prozesse, und so weiter.

Sonst könnte man keine klangliche Darstellung einer Landschaft wahrnehmen. Soundscape beinhaltet grundsätzlich die Natur und einen Standort. Allerdings kann er in einer natürlichen Umgebung gemacht werden, es könnte auch jede Art von Vertonung sein. Er impliziert eine Vertonung eines Ortes, mitsamt Geographie, der Physik und der Topographie. Soundscape hat auch mit Materialien, Formen und Architektur zu tun, dazu dreidimensionale Räume wie zum Beispiel Echo und so weiter. Und Soundscape impliziert auch Bewegungen, maschinelle-, menschliche-, lebendige- Tätigkeiten, Tiere und Pflanzen und so weiter. Und all diese Faktoren, die ich hier erwähnt habe, gestalten und produzieren Klänge. Und tragen dazu bei, eine besondere klangliche Umwelt zu errichten. Sie gestaltet eine klangliche Totalität, eine große Menge an Klängen. Also, ein Soundscape bedeutet, um hier Murray Schafer zu zitieren, die ganze akustische Hüllkurve der Umwelt, die uns umgibt.

Es ist ein Konzept, das sich nicht auf einen einzigen, isolierten Klang konzentriert, sondern auf alle Klänge die sich in einem spezifischen Zimmer, Raum oder Situation befinden. Eine weitere Implikation ist, dass ein Soundscape Klänge beinhaltet, die wir nicht wollen. Klänge, die wir nicht mögen und Klänge, die wir normalerweise aus unserer bewussten Wahrnehmung wegradieren. Und ich glaube, das dies sehr, sehr wichtig ist. Also das Konzept der Soundscapes impliziert, dass die Klänge den Zuhörer als eine Summe erreichen, als eine Totalität von allen Richtungen eines Raumes ohne Selektion. Jeder einzelne Klang, den man hört ist wichtig um ein Soundscape zu kreieren.

Und es ist weder der Fall, dass man bestimmte Klänge mehr oder weniger als relevant betrachtet, noch dass man sich auf bestimmte Klänge fokussiert, um den relevanten Klang zu unterstützen. Auf der einen Seite der Dichotomie liegt die Musik und auf der anderen der Klang des Alltags, hier ein Signal, da ein Geräusch ... findet bei einem Soundscape keine Geltung, eher integriert Soundscape diese Begriffe. Ergo Soundscape impliziert oder integriert die Klänge, wie ich Ihnen schon vorher gesagt habe, die wir zu ignorieren gelernt haben.

Ich möchte Ihnen nun ein anderes Beispiel von meiner nächsten CD vorspielen, eine sehr interessante CD, sie wurde 1976 produziert und ich glaube Barry hat diese Tatsache schon erwähnt. Das Stück heißt "Vancouver Soundscapes, 1976" und dies waren, dies sind alle Aufnahmen die während dem "World Soundscapes Project" aufgenommen wurden. Was ist das World Soundscape Project? Es war ein Projekt das von einigen Leuten die ich hier schon erwähnt habe initiiert wurde; Hildegard Westerkamp und Barry Truax, zusammen mit Murray Schafer. Hildegard und Barry sind zwei davon, aber ich glaube es waren insgesamt 5 oder 6 Leute. Nein, 5 Leute. Das Ziel des World Soundscape Projects war es, die Klangerscheinungen von Räumen und Orten überall auf der Welt aufzuzeichnen und zu katalogisieren, um deren Veränderungen über die Zeit zu studieren und um herauszufinden wie ähnlich sie sich sind, oder was sie voneinander unterscheidet, ein schlüssige Beschreibung zu erstellen, um besser Vergleiche anstellen zu können. Und natürlich, um kritisch analysieren zu können ob sie ästhetisch befriedigend sind oder nicht.

Auch mit Hinblick auf Geräusche, dazu komme ich später. Also, Ich werde Ihnen eine Kassette vorspielen. Dies ist eine Mischung vieler, vieler Klänge. Anders als gewöhnlich, hatte ich die Mikrofone so platziert, dass ich nicht nur die spielenden Kinder aufgenommen hatte, sondern auch die Klänge der Umgebung dazu, hierunter tiefe Frequenzen oder Klänge die von Nah und Weit herkommen und so weiter, damit alles gemischt wurde, damit man den Eindruck einer spezifischen Situation, zu einer spezifischen Zeit gewinnt, und nicht das eliminiert was in diesem Moment passiert. Nur aufzunehmen und sich allem bewusst zu werden, was da überhaupt geschieht. Nicht um eine saubere Aufnahme zu machen, wie man sie aus dem Radio kennt, darum geht es nicht.

Wir haben die Aufnahmen professionell aufbereitet, in diesem Sinne sauber. Aber die Aufnahmen sind nicht in dem Sinne gesäubert, dass einzelne Klänge aus ihrem Kontext entfernt werden, damit sie irgend woanders erscheinen um sich selbst darzustellen.

Soundscape wie ich schon erklärt habe, beinhaltet die Summe, die Totalität der Klänge, die an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Raum stattfinden. Man kann, allerdings vom Soundscape eines Zimmers sprechen, oder vom Soundscape eines bestimmten Raumes, vom Soundscape einer bestimmten Stadt, oder einer natürlichen Umgebung und selbstverständlich auch vom Soundscape eines Mediums, vom Radio, Fernsehen, Internet, von einem data Spaces zum Beispiel, wie Cave, oder Listen. Diese data Spaces sind Projektionen und sind hoch virtuelle data Spaces zum Beispiel Murray Schafer hat dies sehr betont, man kann auch vom Soundscape einer Komposition sprechen.

Wie ich sagte, haben elektronische Räume auch ihren Soundscape wie zum Beispiel, Radio, oder Internet, oder auch elektroakustische Orte. Und dazu dies ist kein dreidimensionaler Ort, Radio zum Beispiel, besitzt eine Kommunikationsarchitektur, beinhaltet Materialien, er hat Absichten und Traditionen, und die Klänge gestalten und charakterisieren sich gegenseitig und haben eine typische Produktionsästhetik entwickelt. Und deshalb kann man zum Beispiel auch von einem Soundscape im Radio sprechen. Was sind die Bedingungen des Radios, um Klang zu kreieren und zu gestalten? Ein Soundscape des Radios wäre durch sein Material charakterisiert. Meistens besteht er aus menschlichen Klängen, Stimme, gesprochenem Wort und Musik. Dazu ist er charakterisiert durch Nahaufnahmen von Stimmen. Oder Klangerlebnisse, die die fragilen Klänge ausgelöscht haben, die sowieso schwer hörbar sind. Das Verschieben und Versetzen des Mikrofonabstandes zwischen Nah und Fern existiert hier normalerweise nicht; im allgemeinen wird die Bewegung im Raum vermieden, der Raum wird mehr oder weniger neutralisiert damit keine Ablenkung durch überflüssige Bedeutung und Interpretation entsteht.

Eine weitere Charakteristik ist die hohe Dichte von aufeinander folgenden Klängen, natürlich hat dies mit der Zeitlinie zu tun. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Vermeidung längerer Pausen und Funkstillen eine charakteristische Eigenschaft des regulären Rundfunks sind. Ich sehe viele Rundfunkarbeiter, die genau deshalb hier sind, weil sie so nicht arbeiten. Selbstverständlich arbeiten sie nicht für den herkömmlichen Rundfunk. Sie arbeiten für sehr spezielle Rundfunkprogramme und besondere Rundfunkproduktionen. Natürlich betrifft sie das nicht so sehr und vielleicht könnte man sich vorstellen, dass es in diesen kreativen Rundfunkprogrammen eher möglich ist solche Bereiche zu öffnen, die in herkömmlichen Soundscapes gemieden werden. Ich meine nicht den kreativen Rundfunkstil. Aber ich spreche davon, was 98% des Radios überall auf der ganzen Welt praktiziert. Und dies wird durch die Punkte die ich hier erwähnt habe charakterisiert. Die Gründe weshalb der Rundfunk Soundscape diesen Charakter hat, sind die Marktstrategien, die einem immensen Teil des Radios dominieren und beeinflussen.

Wo die Zeit in Sekunden gemessen wird, würde eine Funkstille einen Geldverlust bedeuten. Die Angst davor, dass der Zuhörer den man eigentlich unterhalten sollte, ausschalten würde, entsteht aus einer Unterhaltungsideologie oder den Aufgaben denen sich der Rundfunk angenommen hat, und so weiter. Auf jeden Fall, sind die Pausen beim normalen Rundfunkproduktionen nicht vorgesehen.

Ein weiterer Grund hat mit der originalen Botschaft und Nachrichtenorientierung des Rundfunks zu tun, der eine klare Trennung zwischen Signal und Geräusch macht, damit das Signal ohne überflüssige Irritation oder störende Nebenbedeutungen mitgeteilt wird. Hinzu müsste ein Sprecher nah zum Mikrofon stehen, damit kein äußeren Störungen mit aufgenommen werden. Ich werde Ihnen als Beispiel noch einen Sound vorspielen, es ist eine Komposition von Murray Schafer, eine Komposition, die speziell für das Radio entwickelt worden ist. Der Titel ist Winter Diary, und das Stück wurde mit Assistenz von Claude Schreier 1997 produziert. Es hat einen wichtigen Deutschen Preis gewonnen, und zwar den Karl-Sczuka-Preis, ein Preis für das Experimental Radio. Ich spiele Ihnen die ersten paar Minuten dieses Stückes vor.

SOUND

Also dies war ein Rundfunkproduktion, eine Radio Komposition, die die Regeln des Rundfunks in ganz verschiedener Art und Weise verwendet, als es normalerweise der Fall ist; meiner Meinung nach treibt das Stück diese Regeln richtig an die Grenze, und das wollte ich Ihnen präsentieren, nur um einen Eindruck zu vermitteln. Das ganze Stück dauert 59 Minuten lang. Dieses Stück geht gegen die Regeln der üblichen Rundfunkproduktionen, die ich vorhin erwähnt hatte. Jeder Soundscape klingt wie er klingt, deshalb, weil er seine natürliche, kulturelle, soziale, und technische Kondition der ursprünglichen Herstellung widerspiegelt.

Und man könnte wohl sagen, dass ein Soundscape etwas erzählt, er kann gelesen werden, er spricht etwas an. Wenn man einen Soundscape hört, kann man zum Beispiel Materialien lesen, drei-dimensional Gestalten, kulturelle Aspekte, Bewegungen die er durchschreitet, verstehen. Hören Sie Frauen bei einem Soundscape von einem bestimmten Dorf oder einer Stadt. Was ist mit der Religion, was ist mit den sozialen Verhaltensweisen, und so weiter. Es ist möglich einen Soundscape auf diese Art und Weise zu lesen und zu verstehen. Eine anderer Möglichkeit zum besseren Verständnis, wäre die Rolle und der Stellenwert der Technologie zu hinterfragen. Die Klänge der Schritte, Autobremsen, Baustellen und so weiter stellen ein Zeichensystem dar. Und allerdings wurde dies schon elaboriert. Deshalb haben wir beim World Soundscape Project bestimmte Ausdrücke entwickelt, wie Kino Sound zum Beispiel, oder andere Worte die dazu behilflich sind einen Soundscape zu beschreiben. Also Soundscape ist ein bestimmtes Zeichensystem; ein Zeichensystem, das sogar jenseits von dem was das Auge sehen kann als Zeichen wahrnehmbar ist. Ich wollte jetzt gerade erwähnen, dass die meisten von Ihnen Bench kennen, das ein sehr interessantes Dorf, in den Rocky Mountains in Kanada, ist. Bench ist sehr pittoresk, wenn man Postkarten anschaut, sieht es wirklich wunderhübsch aus, als ob man sich mitten in der Natur befindet. Aber wenn man selbst dort hinwandert, und bergauf klettert, hört man plötzlich die Militärflugzeuge und deshalb, weil sie so hoch fliegen, hört man sie sehr plötzlich und laut. Trotz ihrer Unsichtbarkeit sind sie extrem laut und stark hörbar. Wenn man die Landschaft nicht nur anschaut, sondern auch hört, merkt man, dass diese Idyllische Situation in Bench durch die konstante Anwesenheit der Militärflugzeuge, die über diese Landschaft fliegen, überhaupt nicht idyllisch ist.

Dieses Beispiel spiegelt die Tatsache wieder, dass es Macht gibt, und demzufolge Machtverhältnisse. Murray Schaefer verwendet den Ausdruck "sakrales Geräusch" (Sacred Noise) um Momente zu beschreiben, wenn Klänge ihre Umwelt offensichtlich dominieren dürfen. Diese "sakralen Geräusche" können zum Beispiel, Kirchenglocken oder religiöse Klänge sein. Es kann aber auch ein Geräusch von einer Fabrik oder einer Baustelle sein. Es könnte aber auch eine Sommerkneipe im Freien sein. In Berlin gibt es große Diskussionen über die Gartenkneipen, die sich in bewohnten Gebieten befinden, wo sie die ganze Nacht offen bleiben dürfen, daher können die Anwohner nicht schlafen. Die Frage ist, warum sind diese Geräusche von der Regierung toleriert und nicht vom Gericht sanktioniert - all diese Klänge die ich erwähnt habe?

Hier, die lauten Kirchenglocken, der Baustellenlärm, und so weiter; warum werden diese vom Gesetz nicht bestraft? Das wird nicht passieren, weil diese Klänge Werte repräsentieren, die sozial und politisch abgesegnet und geschützt sind. Und genau das findet in vielen Gesellschaften statt, und ist Teil eines allgemeinen Glaubenssystems, das mit Effizienz, Mobilität und Konsum und so weiter, zu tun hat.

In dieser Hinsicht informiert der Soundscape, besteht aus Zeichen und ist lesbar. Natürlich werden Klänge von dem abgeleitet was wir als Realität erachten in der einen oder der anderen Hinsicht dargestellt, und deshalb können sie als Teil einer Sprache des Soundscapes verstanden werden. Es geht nicht nur um die Klänge selbst, sondern, um die Art und Weise wie sie geschnitten, editiert, gemischt und aufgenommen sind. Wie wir bei der Untersuchung der Radio Soundscapes gesehen haben, sind letztlich die abwesenden Klänge eloquent und sehr aufschlussreich. Bezüglich der Klänge zum Beispiel (wie ich hier schon gesagt habe), nehmen wir einen Soundscape einer Stadt irgendwo auf der Welt. Wenn die Klänge von den Frauen fehlen, weist das auf etwas hin und hat eine Aussage, genauso wenn technologische Klänge in einem gewissen Umfeld der Natur fehlen. All dieses hat seine Signifikanz und man könnte behaupten, seine Lesbarkeit; man muss lernen wie man einen Soundscape richtig lesen kann, um ihm zu verstehen. Die Frage ist, ob man so weit gehen kann, dass man sich durch einen Soundscape über eine politische Situation informieren kann? Klingt eine Diktatur anders als eine Demokratie? Wie klingt ein Parlament zum Beispiel? Wie klingt das öffentliche Leben? Und jeder, der Ende der Achtzigerjahre oder Anfang der Neunzigerjahre den Soundscape von Burma gehört hat, weiß wie ruhig ein Land unter einer sehr strengem Diktatur sein kann.

Oder jemand der öfter in Ost-Berlin war, wie ich an einem Ostertag, 1989. Es war ein sehr sonniger Ostersonntag, in West-Berlin waren viele Leute in Cafés, oder in den Gärten; es war sehr, sehr lebendig. Als ich nach Ost-Berlin ging, war es auf der Strasse komplett anders; es war sehr ruhig, die Sonne hat geschienen, genau wie in West-Berlin, aber es war ganz, ganz anders.

Die Frage bleibt dieselbe, und müsste diskutiert werden. Wie klingt eine politische Situation und wie kann ein Soundscape politisch durchdacht werden? Diejenigen, die die Erfahrung von einer militärischen Ausgangssperre gemacht haben, wissen was charakteristisch dafür ist, und dass er die Implikation in sich trägt, dass jeder Klang der von draußen kommt, sofort eine dramatische und profunde Bedeutung bekommt. Hildegard Westerkamp sagte einmal dass (ich muss hier vom Deutschen ins Englischen übersetzen, und bitte um Korrektur): "So bald Du bereit bist deinen Ort intensiv hören zu können, wirst Du ein komplett anderer Mensch an diesem Ort sein, deshalb weil Du anfangen wirst, jeden Klang wie ein Wort zu verstehen. So verstehe ich den Begriff Soundscape; es ist eine andere Art von Sprache, die wir haben." Ich möchte ein Exzerpt aus ihrem Stück "Into India" spielen. Sie hat uns vorhin schon ein Auszug vorgespielt, aber ich möchte eine andere Stelle spielen. Hier verwendet sie eine Andeutung durch die sich eine subtile Erzählung entfaltet. Es sind mechanische und metallische, hohe Frequenzen. Hildegard Westerkamp befindet sich in Indien und ich möchte zu der Charakteristik der Radio Soundscape zurückkehren. Es ist interessant dass fast alle Features die den Radio Soundscape charakterisieren, auch die Charakteristik einer urbanen Landschaft enthalten.

Die Dominanz menschlicher Klänge, der Mangel an entfernten und fragilen Klängen, der Mangel an Ruhe und die ständige Präsenz von Klangereignissen, die unaufhörlichen Klangereignisse. Also, ein urbanes Soundscape scheint die Ästhetik der herkömmlichen Rundfunkproduktion wiederzuspiegeln. Sogar Murray Schafer geht so weit, dass er sagt, die urbanen Soundscapes haben Standards der Klanglichen Wahrnehmung geschaffen, die das Radio bestätigt und als grundsätzliche Normen benutzt. Und wieder rede ich vom normalen, alltäglichen Rundfunk und natürlich nicht vom kreativen Radio, womit die meisten hier anwesenden Leute involviert sind. Murray Schaefer geht davon aus, dass die urbane Erfahrung sowohl die Prinzipien für Sonic Design, wie auch die Erwartungen der Zuhörer geprägt hat. Wie wir gesagt haben ist Soundscape ist ein Ergebnis von den Existenzformen einer Gesellschaft, oder wie Murray Schaefer sagt ein Ergebnis der Prioritäten und Defizienzen einer Gesellschaft, ein Ergebnis der Machtverhältnisse.

Wenn Sie glauben, dass die Werte, die unsere tägliche Klangwelt und wiederum unsere Gewohnheiten beim Hören prägen, erhalten diese Werte ihren Effekt durch ihre klangliche Erscheinung in den Medien. Das was ich an dem Soundscape Gedanken interessant finde ist, dass er versucht einen kritischen Blick auf die Gesellschaft, mit einem kritischen Blick auf ein ästhetisches Phänomen, zu verbinden. Und dieses ästhetische Phänomen heißt Klang und Musik.

Politische und soziale Mangelhaftigkeit ergibt eine mangelhafte Kultur des Gehörs. Dies ist die Botschaft des Soundscape Gedankens, und einer mangelnden Kultur des Klangschaffens. An dieser Stelle sind wir gezwungen darauf hinzuweisen, dass der Ausdruck Soundscape sehr eng mit dem Ausdruck "Acoustic Ecology" (Akustische Ökologie, hier als AE abgekürzt) verwandt ist. Die beiden Begriffe wurden parallel voneinander entwickelt. Besonders in Deutschland in den späten neunziger Jahren, wurde AE sehr umstritten und viel diskutiert. Ein bekannter Vorwurf war, das AE sein kompositorisches Material ideologisiert; ein prinzipieller Unterschied wurde zwischen ökologisch richtigen Klängen, und ökologischen unkorrekten Klängen gemacht. So wie die Kritik lautet, waren technologische Klänge unkorrekt und Klänge aus der Natur waren ökologisch korrekt. Ich halte diese Kritik für vereinfachend und überflüssig. Dennoch war sie zu dieser Zeit ziemlich populär. Es war aber ein sehr oberflächliches Verständnis von AE und ihr Bezug zum künstlerischen Gebrauch das Klanges. Vielleicht diese Kritik durch die Angst verursacht, als Künstler in ein strenges Werte System involviert zu sein, das besonders in Deutschland mit einer politischen Partei synonym wurde, deren Profil einen reduzierten Lebensstil repräsentiert.

Aus meiner eigenen Erfahrung von der Grünen Partei in Deutschland und ihren Kultur Politikern, weiß ich, dass es Ihnen völlig egal ist, was die AE tut, mit welchen Problemen sie sich befasst und mit was für einem Kulturellen Verständnis sich die AE beschäftigt. Die Haltung der Grünen Partei ist wirklich nicht sehr offen und meiner Meinung nach, sehr begrenzt. Und vielleicht ist dies noch einmal ein Grund wieso die AE so vereinfachend beurteilt wird. Notwendig ist es, eine Definition der AE zu klären!

Hier sind einige Vorschläge:

AE gründet sich auf die Unzufriedenheit der klanglichen Umwelt, und sie findet die Soundscape des Alltags hässlich, zufällig, und ästhetisch unbefriedigend.

Es gibt keine versteckten Absichten und wenn man einen Vergleich machen will, sind die meisten visuellen Erscheinungen in unserer Gesellschaft sehr, sehr bewusst ausgedacht.

Ob sie gut ausgedacht sind, ist eine andere Frage, aber ich finde visuelle Erscheinungen sind zu 99% designed.

Also, dies bedeutet, wenn es ein unbefriedigendes alltägliches Leben um uns gibt, heißt das, dass sie die Gesundheit und Qualität des Lebens mindert.

Das hat Auswirkungen auf die Autonomie der Menschen, ihrer Fähigkeit zu Hören oder nicht Hören zu können.

Jeder wird mit einer sehr unbefriedigenden ästhetischen Erfahrung konfrontiert.

Man ist ständig mit Klängen, die man wirklich nicht hören will, umgeben.

Diese Unzufriedenheit ist eine Art Grundgedanke der AE.

Diese Kritik ist kein System um die Klänge in Gut oder Schlecht zu klassifizieren.

Sie ist ein Gedankensystem, das die gegenseitigen klanglichen Einflüsse zwischen allem Lebendigem untersucht, Menschen, Tiere, Pflanzen und ihre Umwelt.

Dies kann eine natürliche Umwelt sein, oder eine vom Menschen gemachte Umwelt, elektronisch, urban und so weiter.

Also die Frage die AE stellt ist, welche gegenseitige Wirkung zwischen den Menschen und ihrer physischen oder virtuellen Umgebung stattfindet?, wie kommunizieren sie miteinander, und in dieser Hinsicht, wie kommt dadurch ein bestimmter Soundscape zustande?

Sie fragt nach den Abhängigkeitsverhältnissen und kybernetischen Naturen.

Diese Bereiche sind in der Theorie der akustischen Kommunikation von Barry Truax, besonders erklärt und betont.

Dies ist ein sehr, sehr gutes Buch und ich möchte es jedem hier weiterempfehlen.

Alle meine Studenten müssen dieses Buch lesen.

Also, interessant ist, dass bei all diesen Theorien über AE und Soundscape, die Fähigkeit der Menschen und ihr Wille zuhören zu wollen, nicht primär als Form- und Inhaltsproblem behandelt wird, sondern als etwas, was elementar mit der Gesellschaft und ihrer sozialen Werte zu tun hat, die wiederum den Soundscape prägen.

Ein Gedanke der AE ist, dass die Aufnahmefähigkeit vermindert wird, wenn nicht sogar vollkommen zerstört wird, wenn der Bereich von dem was gehört und erfahren werden kann zu klein wird.

Die Erwartung, dass es etwas jenseits unserer Gehörgewohnheiten gibt, geht selbstverständlich verloren; die Aufnahmefähigkeit verschwindet, wenn man nicht mehr erwartet, dass es etwas gibt, das einen Wert darstellt um zu Hören.

Um die Leute wieder mit ihrer direkten Wahrnehmung, die sie bereits verloren haben in Berührung zu bringen, empfehlen Schaefer und AE nachdrücklich "Sonic Education" (abgekürzt als SE).

Jemand der für SE sehr berühmt geworden ist, ist Hildegard Westerkamp, die viele kreative Workshops auf der ganzen Welt geleitet hat. Sie hatte Erfolg damit die Menschen zurück zu ihrem Wahrnehmungsvermögen zu bringen; sie hat den Kursteilnehmern Klänge vorgeführt die sie nie zuvor gehört haben.

Dazu müsste ich die Bemühungen des Barry Truax erwähnen, der als Universitätsprofessor das Selbe tut. SE ist ein unabdingbarer Bestandteil des AE.

Durch das Stärken des klanglichen Wahrnehmungsvermögens und das Verbessern des kritischen Gehörs, wird die ästhetische Qualität einer Soundscape im Alltag, in der Kunst und der Medien, wieder gewonnen und zurückerobert. Das ist es, was AE als Grundssatz hat, und es ist das was AE aktiv vermittelt.

Gleichzeitig ist die Idee die Leute mit einem bestimmten Bereich von klanglichen Ausdrucks- und Kreativitätsmodi bekannt zu machen.

Der Teil der Erziehung ist ein sehr wichtiger für AE: ihr Hauptanliegen ist es das Zerstören der Umwelt, Industrialisierung und das Konsumverhalten als die Hauptursachen für die Armut der klanglichen Umwelt, aufzudecken.

Sie nimmt an, dass diese Faktoren eine mögliche Vielzahl von Klang Tempeln verhindern und unterdrücken, und dies betrifft auch die Mannigfaltigkeit der akustischen Perspektiven.

Der Brief der gegen die AE verfasst wurde, mag mit den Vorwürfen stimmig sein, dass AE eine anti-technologische Bewegung ist. Bei näherer Betrachtung, ist der Gedanke von AE nicht, dass die Technologie an sich dieses Unheil angerichtet hat, sondern, dass die Rolle die die Technologie spielt, sowieso politisch und sozial bestimmt wird und dadurch gezwungen wird diese Effekte zu erzeugen.

In dieser Hinsicht gibt es viele Missverständnisse aus der Vergangenheit.

Ich muss an dieser Stelle einen letzten aber durchaus wichtigen Aspekt der AE und des Soundscape Systems erwähnen.

Es hat mit der Idee zu tun einen Soundscape selbst als eine Komposition zu verstehen, wie ich ganz zu Anfang gesagt habe, als ich meine Erfahrung im Dschungel beschrieb.

Soundscape als Komposition ist eine Komposition zu der jeder Beteiligte durch seine Stimme, Kommunikation, Bewegung, der Physischen Präsenz, Gebrauch der maschinellen zum Beispiel Gebrauch der elektroakustischen Werkzeuge, und sogar durch die Entwicklung und Realisation der "space machines" beiträgt.

Letzteres möchte ich mit zwei Beispielen erklären:

Urbane Planung hat einen extremen Effekt auf den Soundscape. Man könnte sagen Landkarten und Pläne sind eine Art Partituren für eine Soundscape Komposition.

Vielleicht könnte man so weit gehen.

Wer auch immer das Mobil Telefon entwickelt hat, hat durch die Klingeltöne ein neues Kommunikationsverhalten und einen starken Einfluss auf unsere klangliche Umgebung ausgeübt.

Aber im Widerspruch zu John Cage, mit seinem berühmten Satz, "alles ist Musik", beurteilt Murray Schaefer alles und jede Komposition kritisch, die Stücke wirken oft verstimmt, und müssen, wie er sagt "reorchestriert" werden, um ein bewusstes elaboriertes und wohlklingendes Ergebnis zu erhalten.

In dieser Hinsicht spricht die Komponistin Hildegard Westerkamp über das Komponierende Ohr.

Wenn man einen Soundscape als eine Komposition konzipiert, dann hat man eine Haltung, eine Haltung des Zuhörens, dementsprechend ist man in der Lage diesen Soundscape überhaupt als eine Komposition betrachten zu können.

Es ist letztendlich keine tatsächliche Komposition; das eigene Hörvermögen macht sie zu einer Komposition und ist dadurch fähig diese Art von Form zu schaffen und das herauszuziehen was schon als Form vorhanden ist, und sie benutzt die Klänge, die Sie in einer kreativen Art und Weise hören.

OK, nun muss ich mein Gelb wegwerfen....also, man kann sagen, dass der Soundscape kein objet trouvé, sondern composition trouvé ist, und sie ist oft verstimmt, wie ich schon vorhin erwähnte.

Murray Schaefer hat dieses Problem anders formuliert: Es muss je nach den Werten der AE anders formuliert werden. Besonders für eine neue Generation; dieses "Verstimmt sein" wird sehr unterschiedlich beurteilt, und es wird als ästhetisch interessant erachtet.

Viele würden die Kriterien von einem Hi-Fi Soundscape nicht verfolgen, der ein sehr transparentes Soundscape ist, bei dem man alle klingenden Elemente hören kann. Einen solchen Hi-Fi Soundscape kann man einem Lo-Fi Soundscape vorziehen, der dicht ist und von Signalen überfüllt, es gibt keine Klarheit der Klänge, wie Murray Schaefer in seinem Buch, "The Tuning of the World", offen legt.

Viele der jüngeren Leute sind sich dieser Kriterien gar nicht bewusst. Sie würden sich auch nicht entmutigen lassen den Lo-Fi Soundscape zu Hören.

Es gibt verschiedene Diskussionen darüber, ob es möglich ist die Paradigmen der Soundscapes kritisch zu akzeptieren, vielleicht gerade die der kybernetischen Prinzipien der AE, und gleichzeitig nicht alle Absichten zu teilen, oder die generellen Absichten von AE.

Die Frage ist ob man ein Soundscape Komponist sein kann, und gleichzeitig dazu fähig ist zum Beispiel, Musik, Club Musik und Techno genießen zu können? Können Sie die kybernetischen Zirkel anerkennen, das kybernetische System und gleichzeitig an interaktiven Soundsettings des Data Spaces, wie Cave oder wie Internet Aktionen interessiert sein, die schon in Cyberspace gemacht wurden, und so weiter??? Ich persönlich finde dass es doch möglich ist und wenn man Soundscape und AE nicht als Wertsystem, sondern als Paradigma nimmt, denke ich, dass es wirklich funktionieren sollte. Allerdings braucht es viele Diskussionen mit den Leuten, die die Terminologien für AE und Soundscape geprägt, erfunden und erzogen haben. Also eine richtige Definition für Soundscape bleibt immer noch aus. Und bevor ich versuche weitere Fragen zu beantworten, gibt es noch ein anderes Klangbeispiel das ich Ihnen gerne vorspielen will, das letzte, es ist von Barry Truax, eine Komposition die "La Sera di Benevento" heißt.

UNTERBRECHUNG

Was ist eine Soundscape Komposition? Wir haben gerade ein Stück von Barry Truax gehört. Er hat einmal geschrieben, und ich zitiere: "Um Soundscape von Akusmatik und Konkreter Musik zu unterscheiden, müssen die originellen Klänge erkennbar bleiben, damit die kontextuellen und symbolischen Assoziationen für den Leser noch zu evozieren sind."

Das schlägt Barry vor, um eine Soundscape Komposition zu identifizieren.

Hildegard Westerkamp hat ähnliche Dinge vorgeschlagen, und Barry hat sich auf die reale Welt und eine Auseinandersetzung mit der inneren Welt bezogen, auf eine Traumwelt, die dadurch zustande kommt.

Die Spannung die zwischen beiden Welten entsteht, durch beide Klangtypen, die originalen Klänge und die bearbeiteten Klänge deren Schattierungen und Gradierungen die dazwischen liegen, ist nach Barry und Hildegard, eine zentrale Eigenschaft der Soundscape Komposition.

An dieser Stelle müssen zwei wichtige Dinge erwähnt werden. Das Stück Winter Diary von Murray Schafer funktioniert mit einer elektro-akustischen Klangbearbeitung überhaupt nicht. Dennoch schafft es eine reflektierte und fantasiereich, gefüllte Klangwelt, weit entfernt von einer naturalistischen Darstellung. Sein Stück funktioniert nicht mit einer konventionellen Klangbearbeitung, es handelt sich um Klänge die dis- und rekontextualisiert sind. Natürlich ist dies eine andere Art die Klänge elektroakustisch zu manipulieren.

Der zweite Punkt, den ich in dieser Hinsicht erwähnen wollte war der, dass die Spannung zwischen natürlichem und manipuliertem Klang eine der grundlegendsten Formen der heutigen allgemeinen radiophonischen Kunstformen ist, die hier als Ars Acoustica (hier als AA abgekürzt) in Europa bekannt ist.

Die feine und öfter sehr umstrittene Grenze zwischen AA (radiophonischer)-Kunst und Musik liegt im Verwischen der Semantik und Konnotation durch Strategien des Widerstandes ohne den Zugang zu den Originalklängen und ihren Bedeutungsmengen zu verlieren.

Wir begegnen wieder verwischten Grenzen, weil sich die Soundscape Komposition und diese AA sehr ähnlich sind. Und darauf möchte ich Sie an dieser Stelle aufmerksam machen.

Es ist wirklich nicht einfach eine Soundscape Komposition zu definieren. Wir können schon eine gewisse Grenze erkennen, die die Soundscape Komposition von einer anderen akustischen Musik unterscheidet, nur beim Soundscape existieren zwei Arbeitsvorgänge: originaler Klang und elektroakustischer bearbeiteter Klang. Ich halte dies für eine sehr interessante Diskussion und die Computer Programmierer, die hier sitzen, wissen selbstverständlich, dass diese Diskussion für das heutige Radio so relevant ist.

Es gibt einen weiteren Gedanken. Es scheint mir nahe liegend und konsequent die Idee Hildegard Westerkamps zu verfolgen, wenn sie sagt die Soundscape Komposition hat das äußerste Potential das Bewusstsein des Hörens zu schärfen. Das sollte und könnte zu Ideen von Soundscape und AE inspirieren.

Demzufolge sollte sich, nach Aussage von Hildegard Westerkamp, die Soundscape Komposition auf das System und den Wert des Soundscape und AE beziehen. Ich halte das letztere für schwierig und sogar problematisch.

Man kann Wahrnehmung und Interpretation eines Zuhörers niemals bestimmen.

Persönlich würde ich das als eine Art zusätzlich gewonnenen Wert betrachten, der dann entsteht wenn beide, Komponist und Zuhörer, sehr viel Glück haben, und wenn die Situation sagen wir sehr "harmonisch" läuft.

Man könnte diesen Effekt sichern, wenn man zunehmend didaktisch arbeiten würde, aber wer will das schon?

Welcher Künstler will didaktisch werden, damit er den Effekt der "Nähe-zur-Idee" des Soundscapes und AE sichert und erreicht.

Und muss beim Soundscape wirklich zwanghaft die Elektroakustik miteinbezogen werden?

Wenn Ja, was hat das mit der These Murray Schafers zu tun, dass ein Soundscape eine Komposition ist? Ist die Hauptidentität eines Soundscape nur sein Material, oder können andere Parameter eine Rolle spielen, könnte es der Prozess sein, andere nach Parameter orientierte Arbeitsweisen, wie zum Beispiel Moment gegen Dauer zum Beispiel oder Klang als Produkt gegen Klang als Aktivität?

Was ist zum Beispiel mit "I am Sitting in a Room" von Alvin Lucier?

Allerdings ist er weder ein Soundscape Komponist noch AE orientiert, aber ist dieses nicht eine Soundscape Komposition, weil er das Wahrnehmungsvermögen zwischen Klang, Media und Raum verschärft?

Ich denke wir sollen diese Dinge diskutieren.

Und was ist mit der Klanginstallation von Rolf Julius zum Beispiel, der naturähnliche Klänge benutzt, die mit Zikaden, Vögeln, und so weiter, leicht ausgetauscht werden können?

Ist die neueste Arbeit von Christina Kubisch, "Electrical Works", nicht eine Soundscape Komposition? Hier wird eine Stadt gezeigt, es werden jedoch nicht die Klänge der Stadt verwendet, sondern die Klänge der elektromagnetischen Induktionen, die dadurch entstehen; ist dies keine Soundscape Komposition?

Und wie groß oder klein ist die Distanz zwischen einerseits Akusmatik und andererseits Soundscape?

Wo überschneiden sie sich, und wo trennen sie sich?

Dies sind all die Fragen die ich mit Euch diskutieren möchte. Leider ist es schon sehr spät, und ich glaube alle hier wollen nach Hause, um das nächste Konzert vorzubereiten. Also muss ich diese Frage noch offen lassen, für eine späteren Diskussion. Vielen Herzlichen Dank!

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