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Ausstellungen 11|2007

23.11.2007-06.01.2008
Natur und Umwelt in Armenien
ZKM_Musikbalkon
Eröffnung: 22.11.2007


© FPWC

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»Following the Sun«
armenische Kinder und Jugendliche zeigen ihre Welt

In Armenien, dem Land am Fuße des mythischen Berges Ararat, wo Noah mit seiner Arche gestrandet sein soll, kreuzen sich die Wege der Kulturen Europas und Asiens. Uralte Kirchen und Klöster sowie die einzigartigen Kreuzsteine prägen das Gesicht des Landes. Naturliebhaber können in den Bergregionen des südlichen Kaukasus eine einzigartige Flora und Fauna entdecken. Der Sewansee auf 1.900 m Höhe ist der größte Hochgebirgssee Europas.

Doch diese weltweit einzigartige Synthese von Natur und Kulturlandschaft ist in Gefahr. Mehr und mehr Müllhalden verschmutzen die einst idyllischen Bergwiesen, Abwässer vergiften Bäche und Flüsse, seltene Tiere wie das armenische Mufflon oder die Bezoar Ziege werden durch Wilderer schonungslos dezimiert und die Abholzung grosser Waldflächen zerstört das empfindliche Ökosystems des Landes. Die Wirtschaft des Landes wächst - eine grundsätzlich erfreuliche Entwicklung, die jedoch leider nicht mit einem wachsenden Umweltbewusstsein einhergeht. Im Gegenteil: Die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche führt zu immer mehr Gleichgüligkeit der armenischen Gesellschaft gegenüber ihrem Natur- und Kulturerbe. Diese Einstellung ist auch ein Resultat der politischen und sozialen Veränderungen des Landes in den letzen 20 Jahren. In der Wirtschaftskrise nach dem Zerfall der Sowjetunion und während des Krieges um Berg-Karabach in den 1990er Jahren kämpften die meisten Menschen in Armenien täglich um ihr Überleben. Das zu Sowjetzeiten noch stark entwickelte Bewußtsein für die eigene Kultur und die Besonderheiten des Landes wich einer Mentalität, die die kurzfristige Befriedigung eigener Bedürfnisse in den Vordergrund stellte. Diese Haltung wandelte sich auch nicht nach dem Ende der politischen und ökonomischen Krise. Zu schnell und zu radikal sind die Veränderungen, die die dynamische Wirtschaftsentwicklung, die Kinderkrankheiten des jungen demokratischen Systems und die Lasten der Vergangenheit verursachen.

Insbesondere die heranwachsende Generation orientiert sich stark an materiellen Werten und Konsum. Armenische Kinder und Jugendliche wissen wenig darüber, dass letztlich nur die Erhaltung des emfindlichen Ökossystems des Landes auch ihre eigene Zukunft sichert. Hinzu kommt: Die meisten jungen Menschen aus ländlichen Regionen zieht es in die Hauptstadt Jerevan - der Natur, die sie umgibt und mit der sie aufgewachsen sind, schenken sie nur noch wenig Beachtung. Diese Entwicklung lässt sich langfristig nur mit erzieherischen Methoden aufhalten. Doch von der Einführung wissenschaftlich fundierter Lehrpläne zur Umwelterziehung ist das armenische Schulsystem noch weit enfernt.
Angesichts dieser Situation entwickelte die gemeinnützige armenische Stiftung FPWC (Foundation for the Preservation of Wildlife and Cultural Assets in the Republic of Armenia) das Umwelterziehungsprojekt »Following the Sun«. Grundlage ist die Idee, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu eröffnen, durch Film- und Fotokameras ihre Umwelt neu zu entdecken.

Dabei geht es buchstäblich darum "sehen zu lernen" und die über Jahre enstandene Blindheit für die Welt der Natur zu überwinden. Nachdem die FPWC mit dem lokalen Telekomanbieter Vivacell einen Sponsor gefunden hatte, der bereit war, das Pilotprogramm finanziell zu fördern, begann die praktische Umsetzung im Herbst 2006 mit der Gründung von SunChild Eco-clubs in sechs armenischen Kommunen. Inzwischen besuchen über 600 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren regelmässig die SunChild Eco-clubs. Sie erhalten dort zweimal in der Woche Unterricht von Biologen und Vogelkundlern sowie von Filmemachern, Fotografen und professionellen Kameraleuten. Die Beobachtung von Tieren und Pflanzen in der freien Natur wird dabei ergänzt durch fachlich fundierte Informationen über die ökologischen Zusammenhänge der armenischen Bergwelt und die zahlreichen Kulturdenkmale in dieser einzigartigen Landschaft.

Die umweltpädagogische Arbeit der Fachleute in den SunChild Eco-clubs vermittelt den Kindern und Jugendlichen einen lebendigen, kreativen Zugang zu ihrer Umgebung. Der Blick durch die Kamera, die Darstellung und Spiegelung der eigenen Lebenswelt in selbst produzierten Fotos und Filmen schärfen sowohl den ästhetischen Blick als auch das analytische Denken der jungen Eco-club Mitglieder. So entstanden schon im Laufe des ersten Projektjahres ganz eigenständige Werke, die - mit durchaus künstlerischem Anspruch - dem Betrachter überraschende, bewegende und vor allem völlig ungeschminkte Einblicke in die Realität des heutigen Armenien ermöglichen.

Das Projekt beeinflusst jedoch nicht nur die Haltung der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen zu ihrer Umwelt, sondern befähigt sie auch zum bewußten Umgang mit neuen Medien. Die praktische Arbeit mit Film- und Fotokameras sowie die Vermittlung moderner Bildbearbeitungstechniken am Computer bietet die Chance, Medienerfahrungen zu sammeln, die über den puren Konsum von Filmen und Videospielen hinausgehen. Die Filme und Fotos der Kinder wurden im Oktober 2007 erstmals im Rahmen des ebenfalls von der FPWC organisierten SunChild First Regional Environmental Festival einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Die Filme der Kinder stiessen auf grosses Interesse und erhielten von den internationalen Gästen des Festivals Einladungen zu Umweltfilmfestivals in Griechenland, Estland, Italien und Finnland. Dies gilt ebenfalls für die Foto- und Video austellung, die nun ab dem 22. November 2007 im ZKM zu sehen sein wird.

Noch vor einem Jahr hätten weder die Organisatoren des Projektes noch die jungen Fotografen und Filmemacher gewagt, von einem derartigen Erfolg zu träumen. Die Ergebnisse des Projektes »Following the Sun« haben die Organisatoren ermutigt, eine größere, grenzüberschreitende Perspektive zu entwickeln. Ziel ist, langfristig ein Netzwerk von SunChild Eco-Clubs in Armenien, Georgien, der Türkei und hoffentlich auch in Aserbaidschan zu etablieren. So soll letztendlich eine von der jungen Generation getragene Umwelt- und Friedensbewegung im Südkaukasus initiiert werden, die dazu beitragen kann, die Spannungen zwischen den Ländern und Völkern der Region abzubauen.
(Text: Barbara Siebert)

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