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Ausstellungen 11|2006

25.11.06–07.01.07
Lisa Schmitz. InVerse Bibliothek
ZKM_Museumsbalkon, Mediathek und Bibliothek
Eröffnung Fr 24.11. 19 Uhr auf dem ZKM_Museumsbalkon

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Einige Gedankenschnipsel zur Installation
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computo ergo sum

Der Ort
auf der einen Seite liegt die Mediathek/Bibliothek
auf der anderen Seite liegt das Medienmuseum
der Ort liegt dazwischen
Inter View
der Ort liegt zwischen den beiden Orten, die auf die theoretische und praktische Schaffung von ästhetischer Produktion verweisen. Beides sind Orte, die Depot- und Archivcharakter aufweisen.
Der Ort in der Mitte verbindet sie.
Verlässt man das Museum oder die Mediathek, so fällt der Blick jeweils auf eine der beiden Säulen, die statisch den Raum beherrschen. Stehe ich mittig im Raum und schaue Richtung Fenster, so stehen sie rechts und links von mir; so wirken die beiden Säulen wie jeweils zugehörig zum Medienmuseum links und zum Bibliotheks/Medienbereich rechts. Die Säulen erhalten Stellvertreterpositionen.
Avatare.

Ellipse im ZKM
Ich stehe in der Mitte zwischen zwei Brennpunkten. Als Betrachter liegt es an mir, mit der Fülle an Informationen rechts und links umzugehen.
Vorordnungen, Klassifikationen sind erfolgt, aber es liegt doch immer wieder am Betrachter und Leser selbst, die Dinge neu zu entdecken, zu begreifen und sie umschichtend neu zuzuordnen.

Ellipse im Sprachgebrauch
Was ist eine Ellipse im Sprachgebrauch?
Im Sprachgebrauch werden Wortlaut, Form, Ausbildung und Wirkung des nicht abstrakt Gesagten auf ein Substrat reduziert (s. Beispiele im Grimmschen Wörterbuch)

Ellipse beim Filmschnitt
Peter Weibel weist darauf hin.

Installation
Im Anschluss an die Realisierung der Photoserie in der ZKM-Bibliothek im Sommer 2005 folgt die Entwicklung verschiedener Entwürfe für die Installation auf der Empore in Anlehnung an: 1. die Projektion auf eine Bücherwand wie im FZ Jülich 2003, 2. die Installation im NCCA Moskau 2004, 3. den nicht realisierten Entwurf für Nishni-Nowgorod: Eine Projektion auf ein Environment mit großen räumlichen semitransparenten Stoff- und Photoobjekten und Projektion auf eine neu erstellte Glasinstallation.
Nach erfolgtem Gespräch mit Peter Weibel konzentriere ich mich auf die Erstellung eines neuen Konzeptes, das die Verwendung von Glas vorsieht.

1. Entwurf/Glas
Der Entwurf sieht die Realisierung von ca. 300-400 runden mundgeblasenen Glasbehältern vor, die jeweils an einem Ende nach der Blasprozedur konkav geschlossen bleiben, auf der anderen Seite in kubischer Form enden und von einer quadratischen Glasplatte abgedeckt werden; gemeinsam bilden sie eine Wand, mittig im Raum platziert von ca. 3x10x0,5m. Das dunkelgrün-schwärzliche Glas bildet die optimale Farbe für schwarz-weiße oder farbige Bildprojektion via Beamer. Es wird dadurch eine brillante Tiefenschärfe erreicht. Von 2 Seiten erfolgt eine Flächen deckende Projektion, die das dunkelgrüne Glas durchdringt und Licht-Schattenreflexe auf der anderen Seite auf die Erde wirft. Es erweist sich als technisch nicht realisierbar für die Glasbläser, im erhitzten Zustand die runde Glasform in eine eckige Form zu zwingen, da das Glas im erkalteten Zustand bricht. Die Spannung ist zu groß. Sehr schade.

2. Entwurf/Glas
Eine weitere Variante lässt das große Fenster mit mundgeblasenen dunkelgrünen Glasscheiben einschalen. Die Idee verwerfe ich, da die hervorgerufenen Effekte auf der rückseitigen Projektionsfläche und auf dem Boden, die aufgrund von durchgeführten Experimenten visuell enorm sind, aufgrund der Positionierung nicht in der von mir beabsichtigten Weise erfahrbar sein können. Mittig in den Raum verlegen will ich die dünne Wand nicht, da die Säulen störend wirken. Die Glaswand, schwebend 20 cm über dem Boden, benötigt ein freies Raumumfeld, was nicht gegeben ist. Auch bedauerlich.

3. Entwurf/Glas
Besonders interessant, aber finanziell nicht realisierbar ist meine Idee, eine konkave Ellipsenform aus opakem Glas, ca. 12 x 6 x 3m mittig unter der Decke zu befestigen. Das Glas dient als Projektionsfläche für die Digitalmontage. Bei Annäherung des Besuchers an die Skulptur wird das Glas transparent und die Bildinformation verschwindet, sodass der Blick auf die konkrete technische Konstruktion und die leere Raumdecke frei wird. Im Mai 2006 stellt sich heraus, dass die Arbeit zu teuer ist. Mehr als bedauerlich!

Die aufgeführten Skulpturentwürfe werde ich später an anderer Stelle realisieren, vermutlich auf der Basis weiterer eigener glastechnischer Experimente, um alternative Möglichkeiten (Glasguss etc.) zu entwickeln. Dafür ist ein größerer Zeitrahmen nötig.

4. Entwurf/ Papierlochstreifen
Der 4. Entwurf sieht die Realisierung einer ellipsenförmigen labyrinthischen Installation vor, bestehend aus Papierlochstreifen. Ich greife auf einen Entwurf zurück, der Anfang des Jahres während meines Aufenthaltes im ZKM entstanden war anlässlich der Realisierung der Photoserie in der Bibliothek des ZKM.
Im März 2006 lernte ich Hellmut Kammerer und seinen Kollegen Hans Baumann kennen, die den Zuse Rechner im Medienmuseum betreuen. Eine beeindruckende Apparatur! Sie erklären mir mit viel Hingabe die einzelnen Funktionen. Der Blick fällt auf das Schreib- und Lesegerät, und innerhalb von Sekunden steht die Installation vor meinen Augen: ZKM-Textdateien und einzelne konvertierte Photodateien werden auf tausenden von Metern Lochstreifen gestanzt.
In Anlehnung an die Moskauer Ausstellung »Labyrinth« [12/2005] in der Papierfabrik Oktober/Projekt Fabrika, in der tausende von dünnen technischen Papierstreifen ein begehbares Labyrinth der Größe 20x5x4m bildeten (Abfallprodukt von Diagramm-Papierrollen, gefertigt in derselben Fabrik für die Russische Eisenbahn zwecks Registrierung von Zug-Beschleunigungswerten), wird im ZKM eine ellipsenförmige labyrinthartige Form entwickelt, auf die von allen Seiten eine neu erstellte Digitalmontage projiziert wird: ⁄tmp⁄mapping_05⁄zkm_karlsruhe. Der Digitalmontage liegen primär folgende Photomaterialien zugrunde: ZKM Bibliothek, Peter Weibel Bibliothek, Zuse Computer ZKM, Lochstreifen, Aby Warburg Bibliothek.
Textura
text. textura. flechten. verbinden.
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mapping - die Kartenproduktion tastet Oberflächen ab und dringt ein. Es findet ja eine Penetration statt. durch dringen. drängen. drücken. schieben. stoßen. Die Penetration weist auf zwei Seiten einer Sache hin.

Email an Peter Weibel/29.6.06: »Dann folgt zur Vertiefung die labyrinthische Installation, und es geht weiter Richtung Bibliothek in eine andere Ordnung der komplexen Ding- und Gedankenwelt. Wir sind uns im Klaren, dass eine Bibliothek einem Schein von Ordnung unterliegt, denn wie koennte man die komplexen und teils recht komplizierten Gedankengaenge von abermillionen von Ideen angemessen erfassen?! Dass es dennoch geschieht, ist eine der erstaunlichen und wesentlichen Leistungen unserer Wissensgesellschaft, die nicht erst heute, sondern mindestens mit Aristoteles begonnen hat, indem er dem wilden Denken durch logisches Zuordnen ein archivierendes Terrarium verordnete. Vorhin habe ich noch einmal einen Aufsatz von Borges gelesen, indem er sich koestlich ueber die Ordnung von Bibliotheken auslaesst, die ja eigentlich enorm chaotisch sei...
Du hattest bei unserem letzten Treffen im April hingewiesen auf die Positionierung der Photos, und Deine Argumentation fand ich gut, naemlich dass fuer den Betrachter die Arbeitsraeume des Direktors, die man nie betreten kann, bildhaft praesent sind ... Dabei handelt es sich um eine Dislokation ... Im Grunde trifft dies auch auf die kleinen Photos in der Bibliothek zu und auf die Installation, die einen kaum entzifferbaren Text enthaelt, dessen Dechiffriermaschine einige Meter weiter im Museum steht: die Zuse.«

Aufbau der Installation
12 x 6 x 4 m groß nimmt die Installation etliche km gestanzter Lochstreifen auf. Das begehbare Labyrinth ist in 3 Bereiche aufgeteilt:
ovale Außenwände
Zwischenwände
Innenwände
Der Außen- und Innenraum wird von Photos bestimmt, der Zwischenbereich von Textdateien.

Photos
Folgende Photos stehen zur Disposition, um als Textdateien für die Installation gestanzt und als wesentliche Elemente der Skulptur eingesetzt zu werden:
Aby Warburg Bibliothek
Michelangelo Kapitol Platzgestaltung
meine Grundrissskizzen
5 Photos des leeren Raumes aus den Perspektiven der Standorte, wo sich die Videobeamer für die Installation befinden werden

Ich entscheide mich für die folgenden Photos:
Installation/außen: Photos der Aby Warburg Bibliothek
Installation/innen: Photo des leeren Balkonraumes/Blickrichtung zum Fenster

Aby Warburg
Monika Flacke und Thomas Hensel weisen mich während der ZKM Planungsphase auf die Hamburger Warburg Bibliothek hin. Aby Warburg ließ eine ovale Bibliothek erbauen. Das Laboratorium. Diese Institutsbibliothek war seinerzeit nach dem neuesten technischen Stand mit Geräten ausgestattet. Man arbeitete in einem ovalen Raum. Das ist ja auch eine Eiform. Die Ellipse bildete für Warburg eine wesentliche Denkfigur aufgrund der Zweipoligkeit, die seinen wissenschaftlichen Forschungsansatz charakterisierte.
Photos dieser Bibliothek bilden die ovale äußere Wandung der Installation. Das hintere, zum Fenster hin, zeigt die leere Bibliothek. Das zweite Photo, welches zur Balustrade hin die äußere geschwungene Wand bildet, weist Bestuhlung auf, ein gewelltes Photo, das mitsamt Knick aus einem Buch derart gescannt wurde, dass sein Dokumentationscharakter deutlich wird. Ein weiteres Photo zeigt eine weiße Projektionswand, die im Fußboden versenkbar war. Dann das Photo eines Arbeitstisches, der mittig eine helle Trennwand aufweist, sodass der Leser sich ungestört auf das Buch zu konzentrieren vermag und seine Gedanken auf die leere Tischwand projizieren kann. Und die Photos, die ein großes Epidiaskop über der Eingangstür wiedergeben und das Transportsystem der Bücher, vom Depot in den Lesesaal führend.
Aby Warburgs Bibliothek, die sich in Bezug auf die gedankliche und visuelle Objektwelt als permanent umgeschichtete und neu zugeordnete verstand, bildet also die äußere umgebende Haut der Installation, formt sie.

ZKM Textdateien
Diese dünne äußere, bildliche - nun vertextete - Hülle umgibt also die im Innern befindlichen Angaben zur ZKM Bibkliotheks-Datenbank, Videodatenbank und einige Texte (Baudrillard, Deleuze, Foucault, Weibel, Flusser, Belting, Daston, Ryklin, Zielinski, Pocock, Galison, Frohne, Groys, Sloterdijk, Ryklin, etc.), die zu verschiedenen Projekten, Konferenzen und Ausstellungen, die im ZKM in den vergangenen Jahren realisiert wurden, entstanden sind. Enthalten ist ebenfalls Peter Weibels Text und meine eigenen Aufzeichnungen zu der Installation sowie Erläuterungen zur Ellipse und einen abstract zur kulturhistorischen Geschichte des Labyrinths. Diese Texte hängen bis hin zum inneren Bereich, wo das ZKM selbst als vertexteter Ort abgebildet ist.

Photo der ZKM Empore ohne Installation
Was heißt es, wenn ich den Ort, wo die Installation aufgebaut wird, im leeren Zustand photographiere, und dann dieses Photo im weiteren Prozess per Telexverfahren als txt-Datei wiedergebe? Was ist schon ein leerer Ort? Und ein Photo ist ja selbst entstanden aus einer Reihe technischer und manueller Prozesse, quadratisch mit 4 definierten Ecken von je 90 Grad. Wo ist da die Leere!?
Das Photo verweist auf die Nichtexistenz der Installation und bildet, indem es als Text-Datei in die Lochstreifen übertragen gestanzt wird, als innere Wandung den Nucleus der Installation. Dieses Photo wird die innere Haut der Installation bilden.
ab Bilden
wider geben. abbilden. ab bilden ist ja auch wieder geben. Das ist ja Kunst. immer wieder/wider geben, nicht erneut sondern erneuernd. also aktiv.
Wenn man dann durch das Labyrinth ins Innere hineingeht, dann bestehen die Papierstreifen zuerst aus Daten von ZKM-Konferenzen und Vorträgen etc., und dann ist der Betrachter von der visualisierten Textdatei des Abbildes des Raumes selbst umgeben, in dem er steht.

Michelangelo
Warum dient eine Platzgestaltung des Frühbarock als Vorbild für die ellipsenförmige Installation im ZKM?
vor Bilden
Die historische Entwicklung des Platzes, eingebunden in den Ort, ist von großem Interesse, bildet jedoch nur sekundär einen Faktor bei der Auswahl.
Der Kapitolsplatz nach dem Entwurf von Michelangelo markiert den oszillierenden Ort des Übergangs zwischen antiker imperatorischer Machtausübung und Beginn einer bürgerlichen Gesellschaft. Das ist ein enormer Spagat, der da vollzogen wird. Michelangelo gelingt es, diese Spannungen zu erfassen und formal zu orchestrieren, indem er bestimmte Raumpunkte qua Linienführung miteinander verbindet. Ein gestalterisch äußerst reduzierter und nüchterner Vorgang, der den Ort erstaunlich vibrieren lässt.

Von herausforderndem Interesse für eine Adaption der ZKM Installation war vor allem der präzise Blick des Künstlers, die ornamentale Form zu nutzen, um neben ihrer anmutigen Ausstrahlung einem aktuellen kulturellen und besonders historisch-politischen Empfinden Ausdruck zu geben (zweifelsohne stellt Michelangelo hier einen wohl ausbalancierten Idealzustand dar, indem er ein bekanntes florales Gestaltungsmotiv, das sich der christlichen Tradition verpflichtet sieht, in situ aktualisiert: von hier geht die Botschaft aus in alle 12 Richtungen. Hinzu kommt die Lesbarkeit als 12-teiliges Gestirn, ferner die 12-teilige Zeitangaben etc.).
Rom ist nicht Karlsruhe. eine Raumverschiebung.
Eine Bibliothek ist immer auch ein Labyrinth, und so erfährt der römische harmonische Grundriss (eher Deckenriss) eine Veränderung im ZKM: projiziert auf die Decke der Empore weist der aktuelle Grundriss eine schlankere Gesamtform auf und durch die Hinwegnahme einzelner Teil-Linien entsteht eine labyrinthische Raumstruktur, der die ursprüngliche durchgängige römische Linienstruktur zugrunde liegt.

Vases Communiquantes
Heutige Wissensannäherung und -verarbeitung spiegelt sich als bewegliches Puzzle-Environment aus unzähligen Informationen wider; dies entspricht multiplen, teils unterbrochenen Diskursen, die es täglich zu erneuern gilt, um die Fäden nicht zu verlieren sondern sie neu zu knüpfen. Arbeit als Lustprinzip.
Eine Bibliothek ist ja doch nur dann sinnvoll in der Benutzung, wenn man immer wieder einen Freiraum schafft, also seinen eigenen Raum, seinen Denk- und Erfahrensraum in Bezug zum gelesenen erfahren kann.
Die ZKM Bibliothek als Netzwerk basiert auf einem Ordnungssystem, das den Diskurs der zeitgenössischen Kunst, Musik, Architektur, Design sowohl tief in die Geschichte hinein wie auch in verschiedene Richtungen transdisziplinär und wissenschaftsübergreifend in den heutigen Alltag verknüpft und aktuell verfügbar macht.

Die Installation mag dazu anregen, eine Bibliothek nicht als culture morte, sondern als ein lebendiges Gebilde zu betrachten, das nur dann atmet, wenn seine Benutzer aktiv mit dem geschichteten Wissen umgehen und neue Fragen formulieren. Und dies betrifft vor allem auch Fragen, die den technischen Umgang, den Schaffensprozess und die Rezeptionsgeschichte der Apparaturen und ihrer kulturgeschichtlichen Auswirkungen fokussieren.
Ohne techne keine Kunst.

Karlsruhe im November 2006
Lisa Schmitz

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