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Veranstaltungen 12|2006

Freud 150. Immer noch Unbehagen in der Kultur?

Fr–So, 01.12.–03.12.2006
Veranstaltungsort: ZKM_Medientheater
Beginn: Fr, 16 Uhr, Sa+So ab 10 Uhr
Eintritt: der Eintritt zu allen Vorträgen ist frei
Vorträge in deutscher und französischer Sprache

Symposium ::::: Programm ::::: R e f e r e n t e n :::::

Jacques Aubert ⁄⁄ Bernard Baas ⁄⁄ Jean Bollack ⁄⁄ Pierre-Henri Castel ⁄⁄ Edmond Couchot ⁄⁄ Hubert Damisch ⁄⁄ Monique David-Ménard ⁄⁄ Daisuke Fukuda ⁄⁄ Nicole Gabriel ⁄⁄ Marcela Iacub ⁄⁄ Franz Kaltenbeck ⁄⁄ Patrice Maniglier ⁄⁄ Geneviève Morel ⁄⁄ Claus-Dieter Rath ⁄⁄ François Rouan ⁄⁄ Anne-Lise Stern ⁄⁄ Jacopa Stinchelli ⁄⁄ Klaus Theweleit ⁄⁄ Peter Weibel

Einige kleine Seitenwege, die uns vom Abgrund fortführen könnten

In Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind im Bereich der automatischen Informationsverarbeitung und der Kommunikation beträchtliche technische Fortschritte gemacht worden. Der Computer steuert unsere kompliziertesten technischen Aktivitäten und dringt in unseren banalsten Alltag ein; die digitalen Netze machen uns zu direkten Nachbarn unserer entferntesten Gesprächspartner.
Diese Fortschritte haben zwei Hauptmerkmale. Die Maschinen sind dabei, sich durch Simulation Eigenschaften anzueignen, die bis heute das unveräußerliche Eigentum ihrer Erbauer waren: Leben, Intelligenz und seit kurzem die Emotion. Sie tendieren dahin, uns immer ähnlicher zu werden, und zwar nicht wie Clone, sondern mit einer deutlich sichtbaren Autonomie. Sie haben auch gelernt, in »Echtzeit« auf unsere Wünsche zu reagieren, und sie versetzen uns in eine virtuelle Zeitlichkeit – in eine Zeit außerhalb der Zeit, die nicht mehr die der realen Welt ist, an die wir gewöhnt sind.
All diese Maschinen stehen im Dienste einer globalisierenden Ökonomie, deren Ziel darin besteht, die Produktion und Zirkulation der Information immer leistungsfähiger, schneller, sicherer und sauberer zu machen. Aber die perversen Auswirkungen, die diese Fortschritte für unsere symbolischen und sozialen Beziehungen haben, erzeugen ein Unbehagen von ungeahntem Ausmaß und Gewicht. Die Bilder reflektieren und setzen sich in Bewegung; die Schrift ist nicht mehr etwas, das Bestand hat, sondern etwas, das sich verändert oder ausgelöscht wird; die Gegenwart lässt uns in die Falle einer permanenten und verschlingenden Aktualität gehen; Vergangenheit und Zukunft folgen nicht immer in der gewohnten Reihenfolge aufeinander.
Es wäre allerdings falsch zu sagen, dass man nicht versucht, diese Krisen zu lösen. Aber es hat den Anschein, dass die Gegenmittel bis heute das Unbehagen nur vergrößern. Denn zumeist glaubt man die Krisen, die durch eine unzureichend kontrollierte Technologie ausgelöst werden, durch den Einsatz weiterer Technologie lösen zu können. Man schafft einen schwer zu durchbrechenden Teufelskreis. Vielleicht sollte man deshalb einen Blick auf die Kunst werfen. Nicht dass die Kunst die Absicht hätte, irgendeine wunderbare Lösung für dieses gewaltige Unbehagen zu liefern. Nicht dass die Kunst vor Krisen gefeit wäre. Aber indem die Kunst den Kommunikationsstrom umleitet, indem sie die neuen Zeitlichkeiten nicht einfach hinnimmt, sondern mit ihnen spielt, indem sie das künstliche Leben, die künstliche Intelligenz und die künstliche Emotion zähmt, zeigt sie uns einige kleine Seitenwege, die uns vom Abgrund fortführen könnten.

Edmond Couchot Emeritierter Professor, früherer Direktor des Studiengangs Arts et Technologies de l‘Image an der Universität Paris VIII, Künstler, Forscher am dortigen Centre Images Numériques et Réalité Virtuelle. Veröffentlichungen u.a.: »Images. De l‘optique au numérique« Paris 1988; »La Technologie dans l‘art« Nîmes 1998; »L’Art numérique« (mit N. Hillaire) Paris 2003.

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