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ZKM_Ausstellungen 07|2006

21. Juli 200609. April 2007
Das Museum der zeitbasierten Künste.
Musik und Museum – Film und Museum

Ausstellung
ZKM_Medienmuseum
Eröffnung Fr 21.07 19 Uhr, ZKM_Foyer

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Darf zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Museum die vielleicht wichtigste Innovation der Kunst des 20. Jahrhunderts, das bewegte Bild, auch ständig zeigen? Darf ein Museum den Wechsel von den raumbasierten zu den zeitbasierten Künsten auch nachvollziehen? Darf ein Museum anders als der Markt handeln?

Das Museum als Ort für die Künste des Raumes
Wenn die klassische Ästhetik vom Bild spricht, meint sie das Gemälde. Wegen seiner Zweidimensionalität und seiner Bewegungslosigkeit ist das Bild als Gebilde des Raumes definiert worden. Lessings Definition in »Laokoon« (1776) lautete daher: »Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiet des Dichters, so wie der Raum das Gebiet des Malers« (18. Kapitel).
In dem Augenblick, als das Bild anfing, sich zu bewegen, wie im Film, dessen Bilder daher die »laufenden« Bilder genannt wurden, oder in dem Augenblick, als die Bilder aus beweglichen Teilen bestanden, wie in der Kinetik, ist das Bild aus dem Gebiet des Raumes migriert. Das Bewegungsproblem hat in die bildende Kunst das Zeitproblem eingeführt. Sprache und Musik waren immer Künste zeitlich aufeinander folgender Momente (Sequenzen von Buchstaben oder Tönen). Sprache und Musik waren daher immer zeitbasiert. Mit Film, TV, Video und digitaler Kunst ist das Bild in das Gebiet der Poesie und Musik eingetreten. Die bewegten Bilder des Films oder von Video sind der Musik genauso nahe wie der Malerei. Die klassische Ästhetik war allerdings aufgrund der jahrhundertelangen Hegemonie der Malerei so wirksam, dass die Museen der modernen Kunst sich noch im 20. Jahrhundert den eigentlichen Errungenschaften der Kunst des 20. Jahrhunderts verschlossen, nämlich der Bewegungs- und Zeitproblematik. Die Museen blieben lange Zeit die Orte für die Kunst des Raumes, nämlich Malerei, Skulptur, Fotografie. Die Museen wurden keine Orte für die Kunst der Zeit, Sprache und Musik, Film, Video etc. Die fortschrittlichsten Museen des Westens haben zwar eigene Filmabteilungen, aber die Filme werden außerhalb und nicht als Teil der ständigen Sammlung gezeigt. Das Centre Pompidou in Paris hat Kontakte zum Musikinstitut IRCAM, aber die Musik ist nur gelegentlich Teil des Ausstellungsprogramms. Das ZKM hat ein Filminstitut und ein Institut für Musik und Akustik als Abteilungen und will nun die Arbeitsfelder dieser Institute in die ständige Sammlung integrieren. Das ZKM ist dafür prädestiniert, da es schon seit seiner Gründung unter dem Titel »Meisterwerke der Medienkunst« die Kunst der bewegten Bilder und damit die Kunst der Zeit zeigt. Es möchte nun einen Schritt weiter gehen, sich als Museum vollkommen der Kunst der Zeit öffnen und in der ständigen Sammlungsausstellung auch die Werke des Films und der Musik präsentieren.

Das Museum als Ort für die Künste der Zeit.
Mit dem Einzug der Videokunst, von Videotapes und der Präsentation von computergestützten, interaktiven Environments hat sich das Verhältnis des Museums zur Zeit schon lange verändert. Der Besucher einer Ausstellung hat sich daran gewöhnt, nicht mehr nur die durchschnittlichen 7 Sekunden vor einem Gemälde zu verharren, sondern die Videobänder und die digitalen Installationen haben ihn eingeladen bzw. gezwungen, minutenlang ein Kunstwerk zu betrachten oder mit ihm im Dialog zu verbringen. Das ZKM hat mit seinen zahlreichen Ausstellungen von Video- und Computerkunst schon immer für die zeitbasierten Künste votiert. Wenn sich nun also der Museumsbesucher daran gewöhnt hat, Kunstvideos in Projektionen in ihrer vollen Länge, oft bis zu einer Stunde, anzuschauen, liegt die Frage nahe: Wenn schon zeitbasierte Kunst gezeigt wird, wie die Videokunst gelegentlich genannt wird, warum dann nicht gleich die Mutter aller zeitbasierten Künste, nämlich die Musik? So lange Malerei gezeigt wurde, war es klar, dass in Museumssälen Stille herrschte, aber wir wissen schon seit der Erfindung des Tonfilms, der Einführung des Fernsehens und des Erfolgs der Videokunst, dass das bewegte Bild nicht alleine daherkommt, sondern immer mit Sprache, Ton und Musik. Wenn schon zeitgenössische Video- und Computerinstallationen mit Musik arbeiten, warum nicht auch Ton-, Klang- und Musikinstallationen im Museum zu Gehör bringen und zeigen?

Musik im Ausstellungsraum Museum
Das ZKM hat sich daher entschlossen, Musik und Klangkunst nicht nur in temporären Ausstellungen zu präsentieren, was es schon von Anfang an getan hat, sondern auch in der Dauerpräsentation seiner Sammlung. Daher wird das ZKM – beginnend mit dem 21. Juli 2006 – in seinem Medienmuseum kontinuierlich der Musik einige Räume einrichten. Die Musik wird im Medienmuseum zu einem gleichrangigen Medium wie alle anderen dort ausgestellten Medien. Diese Gleichwertigkeit der Medien in der Dauerausstellung spiegelt den postmedialen Zustand unserer Welt, wo die Medien nicht mehr nur auf die Realität referieren, sondern vor allem Referenzsysteme für andere Medien sind und sich als solche wechselseitig aufeinander beziehen. Wenn Sie so wollen, finden Sie im ZKM das erste Musikmuseum im Rahmen eines Kunstmuseums. Bei dieser Musikpräsentation zentriert sich die Auswahl klarerweise auf jene Musik, die unter technischen Bedingungen produziert und reproduziert wird, also auf Musik mit, von und für Tonband, Computer etc. In Kooperation mit dem Experimentalstudio für akustische Kunst e.V. Freiburg wird das ZKM Ausschnitte aus Luigi Nonos epochalem Spätwerk auch visuell permanent präsentieren.
Ab September widmet sich das ZKM dem Werk des bahnbrechenden Komponisten/Architekten Iannis Xenakis. Die Bayerische Architektenkammer hat von dem von Xenakis konzipierten Philips-Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel ein Modell anfertigen lassen, das im Zentrum ihrer Ausstellung »Iannis Xenakis – Architektur und Musik« steht. Das ZKM präsentiert sie vom 09.09. bis 31.10.06 in der neuen Musikabteilung des Medienmuseums. Edgard Varèse komponierte sein »Poème électronique« für diesen Pavillon. Eine von der TU Berlin konzipierte akustische Simulation wird die damals innovativen Klangmöglichkeiten hörbar machen.
Die Gründung des Musikarchivs IDEAMA (Internationales digitales elektroakustisches Musikarchiv) 1990 war eine der wichtigsten Handlungen des ersten Leiters des ZKM | Institut für Musik und Akustik (IMA), Johannes Goebel. IDEAMA entstand als Gemeinschaftsprojekt mit dem renommierten Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) der Stanford University, wo Goebel vor seiner Berufung nach Karlsruhe mit Max Mathews und Patte Wood zusammenarbeitete. Das Gründungstrio wollte nichts weniger als die weltweit wichtigsten frühen Werke der elektroakustischen Musik vor dem Verfall bewahren, sammeln, erschließen, digitalisieren und – gemäß der Satzung des ZKM – der Öffentlichkeit zugänglich machen. Goebel, Mathews und Wood beriefen zwei kontinentale Auswahlgremien, wissenschaftliche Konferenzen wurden durchgeführt, um die Selektionsregeln zu diskutieren. Das ZKM-Gremium stellte die Liste der aufzubewahrenden Werke für Europa zusammen, das Mitte der 1990er Jahre das Projekt verlassende CCRMA-Gremium die Liste für Amerika, Kanada und Asien. Von 708 anvisierten Werken aus dem Zeitraum von 1929 (Walther Ruttmanns Hörstück »Weekend«) bis zum Jahr 1970 (Alvin Lucier »I am sitting in a room«) konnten im Laufe der Jahre 569 Werke tatsächlich aufgefunden, nach Klärung der rechtlichen Fragen digitalisiert und mit etwa 100 Stunden Musik zur weltweit wohl umfassendsten Datenbank für elektroakustische Musik zusammengeführt werden. IDEAMA ist mit eigenem Abspielraum das Herz und die Basis der neuen Musiklinie im Medienmuseum. Der Hörer hat die Möglichkeit, als emanzipierter Konsument mit Hilfe avanciertester Schnittstellentechnologien, sich ein Musikprogramm zusammenzustellen, wie er es im Zeitalter von MP3, portablen Musikgeräten etc., gewöhnt ist. Auch die eigenständige Richtung der Klangkunst wird, beginnend mit einer Arbeit von Bernhard Leitner, sukzessive präsentiert.

Film im Ausstellungsraum Museum
Ähnliche Argumente gelten für die Beziehung zwischen Film und Kunstmuseum. Bekanntlich haben das MOMA, New York, und das Centre Pompidou, Paris, eine Filmabteilung, aber abgesehen von temporären Wechselausstellungen, in denen Filme im Rahmen der Ausstellung projiziert werden, werden die gesammelten Filme nur nach Museumsschluss am Abend im Untergeschoss oder eigens eingerichteten Sälen außerhalb der Ausstellungsräume gezeigt. Das ZKM hat immer darauf Wert gelegt, in seinen thematischen Wechselausstellungen den Avantgardefilm gleichberechtigt zu behandeln. Gerade in seiner jüngsten Ausstellung »Lichtkunst aus Kunstlicht« zeigt es als Pioniere der Lichtkunst zum ersten Mal auch Filmkünstler, von den Avantgarde- Klassikern Viking Eggeling, Walther Ruttmann, Hans Richter, Oskar Fischinger, bis zu Tony Conrad, Paul Sharits, Anthony McCall, Woody Vasulka etc. Das ZKM, das sich seit 1999 unter meiner Leitung besonders dem künstlerischen Film geöffnet hat, siehe die Ausstellung »Future Cinema – The Cinematic Imaginary after Film« (16.11. 2002 – 30.03. 2003), geht neue Wege. Kunstfilme sind wie Gemälde, Skulpturen, Installationen, Klangkunstwerke etc. in der ständigen Sammlung zu sehen.
Der Film wird also so zugänglich gemacht, wie alle anderen Kunstwerke auch. Er führt kein Dasein mehr im Schatten der Videokunst, sondern er wird gleichwertig, wie alle anderen Kunstmedien behandelt. Diese Annäherung von Filmkunst und Kunstmuseum entspricht einer inneren Logik, da viele Filmkünstler, sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, ursprünglich bildende Künstler gewesen sind, und weil der Film, ob Kunstfilm oder Hollywood-Film, für viele zeitgenössische Künstler das primäre Referenzmedium darstellt. Es gibt aber auch eine äußere Logik, die diese Fusion von Film und Museum nahe legt. Einerseits das Erwachen des künstlerischen Dokumentarfilms aufgrund des qualitativen Niedergangs des öffentlichen und privaten Fernsehens, andererseits die Abwanderung des künstlerischen Spielfilms aufgrund des Niedergangs der Filmindustrie in das Museum, da viele bedeutende Filmautoren keinen Verleih mehr finden.
Drittens ist nach dem Erfolg der Videokunst, die sich in vielen Fällen auf die Erfahrungen und Experimente der Avantgarde-Filme der Zwischenkriegszeit und insbesondere der 1960er und 1970er Jahre bezog, auch die Bereitschaft gestiegen, dem Avantgarde-Film, der seinerzeit noch vor verschlossenen Türen stand und vom Kunstbetrieb exkludiert wurde (zum Schaden beider), die Tore zu den Museen und Galerien zu öffnen. Nachdem beispielsweise die kommerziellen Vertriebssysteme des Kinos für viele bedeutende Regisseure, seien es Jean-Luc Godard, Agnès Varda oder Artavazd Peleshian keine Plattform mehr bieten, tritt an seine Stelle das Museum. Andererseits drehen immer mehr bildende Künstler selbst Filme, seien es Matthew Barney, Ange Leccia, Pierre Huyghe und Philippe Parreno.
Das Museum wird also zur Schnittstelle und zur Plattform des Films, das Museum wird sogar zum Produzenten von Filmen. Das Filminstitut des ZKM hat unter der Leitung von Andrei Ujica bereits zwei Filme produziert, zusammen mit der »Fondation Cartier pour l’art contemporain« in Paris, den Film »7x3« (2004) von Raymond Depardon und den neuen Film von Artavazd Peleshian, der seit 15 Jahren keinen neuen Dokumentarfilm mehr machen konnte. Film und Kunst befinden sich also in einer ganz neuen Phase. Das Museum migriert in die Filmproduktion.
Das ZKM gehört zu den Pionieren der Annäherung zwischen dem Kinematographen und dem Ausstellungsraum. Deswegen eröffnet das ZKM im Juli sein museales Kinoprogramm. Dieser Prozess ist die natürliche Konsequenz einen Mehrfachentwicklung: zum einen ist er die Antwort auf die Verwandlung des Ausstellungsbetriebs in ein Massenphänomen. Die Fragen des Verhältnisses von Museum und Massen, von Kunst und Massen, können am deutlichsten am Massenmedium Film behandelt werden, vielleicht ebenso am Massenmedium Fernsehen, dem sich das ZKM in Zukunft auch spezifischer nähern wird. Zum andern ist dieser Prozess verbunden mit der Abwanderung eines großen Teils des kultivierten Publikums vom Kino ins Museum, das die Stelle von Programmkinos einnimmt, weil für viele Erwachsene das kommerzielle Kino keine Angebote mehr liefert. Drittens entspringt es der inneren Logik der Entwicklung der Künste, vom statischen zum bewegten Bild, vom Museum als Ort der Raumkünste zum Ort der Zeitkünste verwandelt. Unser Programm hat als Schwerpunkt Filme, die sich an der Grenze zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem bewegen, unter Einbezug der klassischen Avantgarde, und ist in zwei Teilen strukturiert. Es wird ein ständiges Repertoire geben und abwechselnde Titel, die in gewissen Abständen erneuert werden.

Text: Peter Weibel

 

Zum Eröffnungsprogramm gehören:

Agnès Varda: »Cléo von 5–7« (1961) und »Daguerrotypes« (1975)
»Die größte Regisseurin der Welt« (BNN, 01. 07. 2005)

Artavazd Peleshian: Werkauswahl
»Der bedeutendste europäische Filmregisseur der Gegenwart«
(Jean-Luc Godard, 1992)

Andrei Ujica: »Out of the Present«(1995)
»An epochal film from an epoch that has not yet occured.«
(Time Out, New York, 02.01.1997)

Peter Weibel, Werner Schimanovich:
»Kurt Gödel: Ein mathematischer Mythos« (1986)

Raymond Depardon: »3 x 7« (2004)

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