: ZKM :: Artikel :: Das Bild in der Gesellschaft | Abstracts der Referenten O-Z
 
 

  

Veranstaltungen 01|2006

ZKM Symposien

Das Bild in der Gesellschaft.
Neue Formen des Bildgebrauchs

Ein interdisziplinäres Symposium

20.01.-22.01.2006
ZKM|Medientheater

[=> Intro: dt. | engl.]
[=> Referenten: Abstracts | Biografien]
[=> Diskutanten]
[=> Programm]

Abstracts der Referenten ::::

Hubertus von Amelunxen | Volker Böhnigk | Cornelius Borck | Horst Bredekamp | Peter Chelkowski | Michael Diers | Thomas Dworzak | Tom Fürstner | Jim Gehrz | Philip Jones Griffiths | Boris Groys | Wilhelm Krull | Armin Linke | Scott Mc Kiernan | Klaus Neumann-Braun | Susanne Regener | Hans-Jörg Rheinberger | Birgit Richard | Florian Rötzer | Rolf Sachsse | Peter Weibel

Susanne Regener :: »Gouvernementale Bilderwanderung. Politische Bildstrategien zur Kriminalisierung von Menschen«

-> Biografie
-> Abstract in English

Im Sommer 2005 interpretieren Dänemarks Medien die Bilder eines Hiphop-Videos als Indizien für geplante Terroranschläge von Immigranten. Im selben Jahr veröffentlicht eine dänische Zeitung ein Überwachungsvideo-Bild einer Managerin als Steckbrief doch die Polizei hatte sich bei der Rekonstruktion des Bankraubs in der Zeit geirrt. Zwei Fälle, in denen veröffentlichte Bilder unschuldige Menschen diskriminieren und kriminalisieren. Diese Bilder funktionieren in diesem Sinne, weil ihr Erscheinen Assoziationen und Kontexte wachruft, die auf dem (unbewussten) Allgemeinwissen über visuelle Regierungstechnologien gründen.
Während die Hiphopper bewusst mit dem Klischee der Gangster spielen und eine xenophobische Gesellschaft, weil sie um die Herkunft der Bildstory nicht weiß, in die Falle verkannter Selbststilisierung läuft, dient das blurred image einer privaten Überwachungskamera als polizeilicher Beweis einer Tat, die die Abgebildete nicht begangen hat. In beiden Beispielen sind intermediale Bilderwanderungen am Werk, die ich mit einer Bilddiskursanalyse untersuche. Im Regieren der Gegenwart eignen sich die Disziplinarmächte die Bilder nicht nur auf traditionelle Weise an, sondern es sind längst auch die Subjekte selbst, die in großem Stil zu Produzenten von Bildern werden und sie affirmativ an der Kontrollgesellschaft teilnehmen lassen. Bilder, so banal es klingt, sind als intermediale Objekte politisch besetzt und darum ohne Kenntnis umfassender historischer und gesellschaftspolitischer Kontexte nicht mehr hinreichend zu deuten. Besonders auch für die so genannten technischen Bilder sind zwei Fragen zu diskutieren: Wer regiert die Bilder? Und vor welchen politischen und technischen Voraussetzungen ist das überhaupt möglich?

^


Hans-Jörg Rheinberger :: »Die Evidenz des Präparates«

-> Biografie
-> Abstract in English

In diesem Vortrag wird eine Kategorie von Wissensobjekten näher beleuchtet, die in den empirischen Wissenschaften und insbesondere in den Biowissenschaften über die Geschichte hinweg in ganz unterschiedlichen Formen auftreten. Es sind dies die sogenannten Präparate. Präparate sind eine bestimmte Klasse von Gegenständen, an denen sich der epistemische Prozess der Erkenntnisgewinnung abspielt. Die Besonderheit von Präparaten besteht darin, dass sie an der Materialität des zu Erforschenden partizipieren. Sie figurieren diese Materialität auf eine Weise, dass sie sinnfällig wird, sich zu sehen gibt. Das Präparat repräsentiert nicht, es exponiert. Das Paradox des wissenschaftlichen Präparates besteht darin, dass die Arbeit der Zurüstung, die in seine Darstellung gesteckt wird, genau dann erfolgreich verlaufen ist, wenn man den Eindruck gewinnt, dass die Anstrengung der Zurüstung im Objekt zum Verschwinden gebracht wurde. Denn es soll im Idealfall »nichts als sich selbst« vorstellen. Ein Präparat zählt, insofern es in diesem Sinne als authentisch gilt. Zu fragen ist, wie sich in der Figur des Präparates Epistemisches und Ästhetisches miteinander verbinden und verbünden.

^


Birgit Richard :: »Bild-Battle und Happy Slapping. Strategien der Auflösung des feindlichen Körpers im Bild«

-> Biografie
-> Abstract in English

Die letzten Jahrzehnte einer virtuellen Geschichte des medialen Bilds sind durch technisch bedingte visuelle Zäsuren im Bilderuniversum bestimmt. Bildstrategien wie »Embedded Journalism« zeigen einen veränderten gesellschaftlichen Umgang mit Bildern an. In der jüngsten Vergangenheit brachten die Folterbilder von Abu Ghraib und das Enthauptungsvideo der amerikanischen Geisel Nick Berg (2004) den Bilderkrieg, wie er in der Presse genannt wird, in eine neue Dimension: Hier treten zwei Bildformen - die Fotografien der US Soldaten und die Videos der Geiselnehmer - in ein unmittelbares Duell, in eine »Battle«. Terroristische und individuelle Gewalt dient nur einem Zweck: der Erzeugung von Bildern. Weitere mediale Phänomene, wie das lange Sterben Papst Johannes Paul II. und jugendliche Gewalt vor laufender Kamera, zeigen Verschiebungen im Verhältnis von Bild und Täter/Opfer und der Relation Blick und Körper/Medium an. Die Verbindung des technisch apparativen Bildes zur materiellen Realität scheint gerissen, das Indexikalische verschwunden.

^


Florian Rötzer :: »Die Schönheit des brennenden Auots. Bilder als Waffen«

-> Biografie
-> Abstract in English

Bei jedem großen Ereignis der letzten Zeit konnten wir damit rechnen, dass wir in kürzester Zeit Bilder sahen, die von sogenannten Amateuren stammen und über das Fernsehen, vor allem über das Internet verbreitet wurden. Uns spätestens seit den Anschlägen vom 11.9. und dem Krieg im Irak wissen wir, dass Bilder von Drohnen, Satelliten, Raketen, Kameras und anderen Sensoren ebenso wie Simulationen nicht nur für den unmittelbaren Kampf unverzichtbar wurden, sondern dass sie direkt als Waffen wirken und eingesetzt werden, mit denen Schlachten gewonnen und verloren werden.
In den letzten Jahren gab es zwei ineinandergreifende technische Trends, die einen neuen Bildraum eröffnet haben. Die Digitalkameras sind besser und billiger geworden und haben sich besonders mit den Kamerahandys weit verbreitet. Digitale Fotografien sind sofort verfüg- und versendbar, billig zu speichern oder auch sofort wieder zu löschen. Das steigert die Bereitschaft, mehr Bilder spontan und »undiszpliniert« - »just for fun« - zu machen. Anlass ist dazu keiner notwendig, Sinn oder Bedeutung sind nicht mehr erforderlich, das Bild erzeugt selbst den Sinn oder es wird sofort in das digitale Nirwana versenkt. Wir nähern uns mit der permanenten Aufmerksamkeit des Bilder-Schießenden damit noch ein Stück weiter der Haltung an, die Welt zu ästhetisieren, sie durch ein Objektiv zu sehen und damit Bildausschnitte zu selektieren oder auch zufällige Impressionen zu erzeugen. Die Flut der Bilder, mit der wir die Welt vervielfältigen und uns ihr zugleich nähern und entfernen, hat mit den Digitalkameras und Kamerahandys noch einmal eine explosive Steigerung erfahren.
Neu aber ist auch die Möglichkeit, die Bilder sofort vom Handy aus zu verschicken oder sie in das Internet zu posten, gleich ob auf die eigene Website oder auf einen eigenen Blog, auf irgendwelche Foren oder auf Photo-Sharing-Seiten wie flickr.com, auf denen sich die eigenen Bilder über tags mit denen von anderen vernetzen lassen. Überdies können digitale Bilder problemlos kopiert, verändert und weiter verbreitet werden. Damit wird das globale Bewusstsein oder die globale Wahrnehmung permanent erweitert und aktualisiert, zudem können sich einzelne Bilder mit hoher Geschwindigkeit viral ausbreiten und die Wahrnehmung von vielen Menschen wie ein Mem infizieren, was vor dem Internet und den Handy-Netzen praktisch nur über den Durchlauf durch den Flaschenhals der Massenmedien möglich war.
Der Effekt von diesen beiden ineinandergreifenden und verstärkenden Techniken und Tendenzen ist ein zunehmender Verlust der Kontrolle des globalen Bilderstroms, in den von immer mehr Quellen Bilder in den öffentlichen virtuellen Bildraum eingespeist werden. Dazu gehören natürlich auch die Bilder, die von nicht durch Menschen bedienten Kameras und anderen optischen Sensoren stammen. Zu diesem Kontrollverlust gehört, dass auch immer Bilder in Umlauf geraten, die entweder mangels Chance oder herrschender Moral nicht gemacht wurden oder nur heimlich in kleinen Kreisen zirkulierten. So zirkulieren immer mehr Bilder, die wir früher nicht in den Medien gesehen hätten. Bilder von Misshandlungen von Abu Ghraib, von den Schrecken von Terroranschlägen und Exekutionen, von den blutigen Folgen des Kriegs, von grausamen Handlungen, von obszönen Darstellungen, von der Schönheit der Zerstörung oder auch von alltäglicher Banalität. Wir befinden uns mitten in einer Revolution der Bild- und Wahrnehmungswelt, die natürlich auch uns und die reale Welt verändert.

^


Rolf Sachsse :: »The Masters Vanish. Zum Verschwinden der Photographie aus Kunst und Design«

-> Biografie

Technisch gesehen ist die Photographie noch ein Protomedium; medial nutzbar wurden zunächst nur die Reproduktions- und Distributionstechniken aus ihr. Diese Differenz, die Walter Benjamin bei der Abfassung seines Essays vom »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« konstant gegenwärtig war, ist in jüngeren Debatten immer nur gegen den technischen Zeichencharakter photographischer Bilder gewendet worden, in der reichlich überflüssigen Frage nach dem Kunstwerk unter den photographischen Bildern. Vom Kunstwerk weiß man seit Marcel Duchamp, dass es sich gleich in welchem Medium ohnehin selbst generiert, autopoëtisch bis autokonstruktiv. Und für die Kunst sind Fragen der reproduktiven Eigenschaften der Photographie spätestens seit dem Werk von Thomas Ruff erledigt.
Komplexer erscheint die Situation im Universum der Bilder, das ähnlich Henri Lefaibvres Universum der Dinge ständig schwindet. Die Bilderflut des Internets ist nichts als ein Tsunami der Wiederholungen von ewig gleichen Motiven, deren semantische Differenzierung bei zunehmender Syntaktisierung zwingend abnimmt und eine Semiosphäre aus versprengten Partikeln erzeugt. Die nachlassende Glaubwürdigkeit des einzelnen Bildes wird durch zunehmende Kontextualisierung in psychologischen Methoden der Aufmerksamkeitsökonomie aufgefangen und führt zur Atomisierung des Gesehenen. Kein Bild wird mehr als Ganzes gesehen, sondern einzig als Träger einer bedeutenden Details, von dem nicht abzusehen ist, welche Wirkung es entfalten kann und soll. An spezifischen Formen des visuellen Terrors von Werbung, Pornographie, politischer Inszenierung und krimineller Selbstdarstellung kann diese Partikularisierung aufgezeigt und als heute wesentliches Moment einer »Front der visuellen Kommunikation« dargestellt werden.

^


Peter Weibel

-> Biografie

^

© 2017 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe :: Impressum/Web Site Credits