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ZKM Veranstaltungen 11|2005

Art & Language & Luhmann III
What work does the artwork do?

Symposium im ZKM-Medientheater
05.11.-06.11.2005,
Sa 14:30 Uhr, So 10:00 Uhr
Eintritt frei

[=> Intro]

Abstracts der Referenten

Art & Language | Chris Gilbert | Charles Harrison | Matthew Jackson



Charles Harrison : »Der Diskurs und das Objekt«

Der zufällige Vergleich zweier Buntglasfenster in einer englischen Kirche gibt Anlass zu einer Hypothese. Das erste wurde 1856 in Auftrag gegeben. Es ist in einem einheitlichen neumittelalterlichen Stil gehalten, sodass eine gewisse Einheit zwischen den formalisierten Figuren und dem dekorativem Hintergrund besteht. Das zweite Fenster wurde 1872 in Auftrag gegeben. Während der Hintergrund und die dekorativen Details zu einem einheitlichen Muster tendieren, hat der Versuch der Gestalter, mittels der Figuren psychologische Inhalte und Gefühle zu vermitteln, zu einer naturalistischen Darstellung geführt. Das Ergebnis ist ein lähmender Mangel an stilistischer Einheitlichkeit. Es liegt nahe, dass die beiden Tendenzen die zur dekorativen Einheit und die zum psychologischen Inhalt im Jahr 1872 in entgegengesetzte Richtungen wirkten. Das Scheitern des Werks besteht in seiner mangelnden Modernität. Pissarros Rauhreif von 1873 leidet unter einer ähnlichen Spaltung. Bestimmte Formen interessanten Scheiterns scheinen auf Momente hinzudeuten, in denen der historische und kulturelle Boden sich unter der künstlerischen Praxis zu verschieben beginnt.

Es besteht hier ein Zusammenhang mit den Snow-Gemälden von Art & Language aus den Mitt-1980ern. Diese können als Versuche begriffen werden, nicht so sehr die beiden voneinander abweichenden Tendenzen zur ästhetischen Einheit einerseits und zur theoretischen Schlüssigkeit andererseits miteinander zu versöhnen als selbst-bewusst mit dem Zustand ihrer Getrenntheit zu arbeiten und sozusagen aus dem Problematischen ausstellbares Material zu machen. [Man stelle sich vor, wie es gewesen wäre, wenn die Gestalter des Fensters von 1872 die stilistische Spaltung in ihrem Werk verstanden hätten und sie absichtlich betrieben hätten; vermutlich wäre das Ergebnis eine mit der religiösen Funktion unvereinbare Form von Modernismus gewesen.] Es liegt nahe, dass es im Fall von A & L eine durchgängige Tendenz gibt, gegen die Selbst-Bilder des [jetzt »postmodernen«] Zeitalters zu arbeiten, indem sie das mutmaßlich Unversöhnbare in einer Art selbst-bewussten praktischen Spannung hielten. Die Portraits of V.I. Lenin in the Style of Jackson Pollock sind deutliche Beispiele hierfür. Allgemeiner gibt es eine Tendenz, sich der mutmaßlichen Dichotomien von intellektuellem »Diskurs« und praktischen »Objekt« zu befleißigen [Formen des praktischen Diskurses mit Spielarten des intellektuellen Objekts zu verbinden] und dabei vorherrschende Vorstellungen davon herauszufordern, wie Inhalt aus der Kunst heraus oder in sie hineingelesen werden soll.

In einer aktuellen Serie von Gemälden besteht jedes Werk aus einem dekorativen Schottenmuster, d.h. einem Muster einander überschneidender horizontaler und vertikaler Streifen. Der Eindruck einer »Textur« in den Streifen wird nicht durch das Gewebe der Leinwand erzeugt, sondern durch tausende Worte gedruckten Textes - Schriften von Art & Language - bis an die Grenze der Lesbarkeit verkleinert. Jedes dieser Gemälde wird von plakatgroßen Papierbögen begleitet, die Zusammenfassungen der Texte enthalten. Die Wirkung besteht nicht darin, die mutmaßlichen Dichotomien zwischen »Schauen« und »Lesen« oder zwischen dem Dekorativen und dem Intellektuellen aufzulösen, sondern vielmehr darin, die Herausforderung für jede Kulturtheorie zu steigern, die sich um eine Thematisierung ihrer Beziehungen bemühen sollte.

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