ZKM Veranstaltungen 11|2005
Art & Language & Luhmann III
What work does the artwork do?
Symposium im ZKM-Medientheater
05.11.-06.11.2005
Begleitende Ausstellung
Medienmuseum, Lichthof 8, EG
05.11.2005-08.01.2006
Symposium ::
Ausstellung ::
99 Thesen zur aktuellen Kunst
Second Order Art
1.
Das Altarbild des 21. Jahrhunderts ist der Desktop
2.
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Methodologie
3.
Die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine Methodologie der Produktion; die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Methodologie des Diskurses/des Systems
4.
Das Fortschreiten der methodologischen Analyse beschrieb sich selbst als Avantgarde; der Abschluß des Methodenprogramms beschreibt sich selbst als Postmoderne
5.
Aus der Beendigung des Methodenprogramms lassen sich keine Entwicklungen zukünftiger Kunst ableiten
6.
Die Ergebnisse des Methodenprogramms lassen ihre Nutzung/Anwendung offen
7.
Im Schatten der Methodenanalyse vollzog sich ein sozialstruktureller Prozess der funktionalen Ausdifferenzierung zur modernen Gesellschaft. Die Soziologie nennt diesen Prozess "operative Schliessung von Kommunikationssystemen". Sozialstrukturell ist die Kunst ein operativ geschlossenes Kommunikationssystem
8.
Zwischen dem Methodenprogramm und der Entwicklung der Sozialstruktur bestehen Zusammenhänge und Wechselwirkungen, aber keine Determinationen
9.
Die operative Schließung des Kunstsystems bringt einen Strukturwandel ästhetischer Öffentlichkeit hervor: Die Produktion implodiert in den Diskurs, Operation und Selbstbeschreibung des Systems fallen in eins, die Philosophie der Kunst demonstriert sich selbst mit Hilfe von Kunstwerken. Es interessiert uns nicht mehr das kommentierte Bild, sondern der illustrierte Text
10.
Das Kunstwerk wird zum bloßen Moment der Gesamtkonstruktion "Kunst". Rahmen-bedingungen, Institutionen, das Gespräch der Werke setzen sich an die Stelle des autonomen Werks
11.
Der Diskurs dringt ins Innerste des einzelnen Werks. Das kann im Werk reflektiert werden oder nicht
12.
Reflexionen stehen zur Verfügung; sie müssen nicht angewandt werden
13.
Auch die Theorie der Beobachtung zweiter Ordnung (Theorie beobachtender Systeme) steht zur Verfügung. Auch sie muss nicht angewandt werden
14.
Auch der Künstler erster Ordnung behält seine Berechtigung
15.
Er kann aber als Künstler erster Ordnung beobachtet werden
16.
Die Beobachtung zweiter Ordnung ist auf der Höhe der Sozialstruktur
17.
Die Erhöhung der Reflexion bringt keinen Vorteil für das Leben
18.
Die Kunst ist ein autopoietisches System, das Kunstwerk ein Moment der Selbstreproduktion der Kunst
19.
Die Kunst wehrt sich dagegen, ein autopoietisches System zu sein
20.
Die Kunst erfindet vielfältige Formen der Fremdreferenz, um dem Tod in der Selbstreferenz zu entgehen
21.
Weil die Kunst ein selbstreferentielles System ist, ist sie prinzipiell unpolitisch
22.
Um ihrer selbstreferentiellen Befindlichkeit zu entgehen, politisiert sich die Kunst
23.
Die Politisierung der Kunst vollzieht sich in der Ordnung des Symbolischen
24.
Kunst als Wirklichkeit wäre Terror
25.
Politische Kunst bewirtschaftet die Sehnsucht nach realer Veränderung mit symbolischen Mitteln, sie führt zur Ästhetisierung des Politischen
26.
Kunst und Kultur sind zum magischen Anziehungspunkt für alle kritische Intelligenz und Energie geworden
27.
Die ungeklärten Inhalte der Begriffe "Kritik" und "Reflexion" in der Kulturproduktion trägt dazu wesentlich bei
28.
Dekonstruktionsleistungen und künstlerische Praktiken als radikale Kunstmodelle stehen dabei selbst unter einem betriebsbedingten Steigerungsimperativ
29.
Dekonstruktionen (Dekonstruktion des Autors und des Werks, der Institutionen) und Modelle direkter sozialer Aktion sind symbolische Gesten der Ablehnung der modernen Gesellschaft in der Gesellschaft. Sie sind der Einbau der Negation in die Kommunikation
30.
Das Ausstellen der "Kritik" ist die Ästhetisierung der Kritik
31.
Institutionen bevorzugen radikale Gesten der Kritik. Institutionen ziehen Institutionenkritik an
32.
Bildende Kunst wird jetzt zu Kunst an sich
33.
Die bildende Kunst als bildende Kunst wird zum Spezialfall
34.
Die bildende Kunst franst aus in Filmkunst (ausgehend von der Videokunst als Mittelreflexion), ins Theater (Installation als Bühnenbild, Performance), in die Popmusik (Sampling, Retrostyle, Hype), Architektur (Skulpturalisierung) und Theorie (Demonstration der Reflexion)
35.
Das Theater ist eine Unterkategorie der bildenden Kunst
36.
Kunst an sich ist das Gegenteil der Idee des Gesamtkunstwerks
37.
Zentralkategorie der Kunst an sich ist die Installation
38.
Installation ist das Beobachtbarmachen von Beobachtungen, von denen abhängt, was beobachtet werden kann
39.
Der Künstler wird zum Plazeur/Installateur
40.
Der Wahrheitsbegriff der Kunst an sich ist aus dem Werk herausgetreten in den sozialen Prozess
41.
Es gibt auch noch den authentischen Künstler
42.
Der authentische Künstler kann jetzt gespielt werden. Individuum im modernen Sinne ist, wer sein eigenes Beobachten beobachten kann
43.
Im radikalen Konstruktivismus kann auch die Position des Konstruktionsverzichts
eingenommen werden (Heidegger, Buddha)
44.
All dies geschieht parallel zur normalen Gesellschaft
45.
Die Kunst untersucht und demonstriert die Beobachtungsverhältnisse der normalen Gesellschaft als Beobachtungsverhältnisse, sie findet darin ihr Thema
46.
Sie setzt damit die Arbeit an ihrem Zentralthema fort: Mehr Sehen, und das Sehen sichtbar machen
47.
Die Arbeit des Sehens ist übergegangen an das Sichtbarmachen der Beobachtungsverhältnisse
48.
Der Begriff der gesellschaftlichen Beobachtungsverhältnisse ist von fundamentalerer Bedeutung als der Begriff der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse
49.
Die Durchsetzung der modernen Gesellschaft vollzieht sich nach innen als operative Schließung, nach außen als Globalisierung
50.
Die Globalisierung des Kunstdiskurses bringt eine ungeheure Erweiterung des Horizonts und der Vielfalt der Kunst hervor
51.
Die alteuropäische Kunst und ihre Geschichte werden zum Spezialfall der Weltkunst
52.
Ihre Spezialität besteht in ihrer unterscheidungsbewussten Rationalität, in ihrem Methodenbewusstsein
53.
Der Weltkunst steht Methodenbewusstsein zur Verfügung; sie muss es nicht anwenden
54.
Der Effekt einer globalisierten, operativ geschlossenen Weltkunst ist eine epedemische Produktion, für die es keine Rezeption (und damit auch keine Bedeutung) mehr gibt
55.
Basismaterial der Produktionsepedemie ist das Junge und Jüngste
56.
Es besteht aus der unverdorbenen (unbelehrten) Produktion der jüngsten Generation
57.
und aus der unverdorbenen Produktion der jüngsten Völker (Fernost/Afrika)
58.
Die Bewirtschaftung des Jungen und Unverdorbenen bedeutet eine extreme Abwertung von Ausbildung / Akademie
59.
Das Weltkommunikationssystem Kunst funktioniert völlig abgekoppelt von jeder möglichen künstlerischen Biographie, von jedem Werk im Sinne eines biographischen Reifeprozesses. Besser: Die Künstlerbiographie kommt mit dem Weltkommunikationssystem Kunst nur noch sporadisch in Berührung
60.
Die Künstlerbiographie kommt nur als ready made vor
61.
Die wirkliche Biographie kommt im System nicht vor
62.
Unterhalb des Weltkommunikationssystems Kunst entsteht eine therapeutische Kunstarbeit, in der alle primären Erfahrungsqualitäten von Kunst wieder zu ihrem Recht kommen (sinnliche Qualitäten, Gestaltung, Reife, Spiritualität). In ihr steht der wirkliche Mensch im Mittelpunkt
63.
Weltkunst und Therapiekunst werden zu komplementären Formen dessen, was Kunst einmal war
64.
Surfen und Sampeln werden zu Basisoperationen der postproduktivistischen Weltkunst
65.
Surfen und Sampeln sind bereits Reaktionen auf die Produktionsepedemie
66.
L' Art pour L' Art ist eine frühe Form des Surfens und Sampelns
67.
Der postproduktionistische Künstler steht zwischen Weltkunstsystem und Therapiekunst. Er arbeitet an der eigenen Transformation
68.
Der postproduktivistische Künstler arbeitet an der Entkunstung und Entwerkung
der Kunst
69.
Entkunstung und Entwerkung sind Formen einer gelassenen Kunst
70.
Gelassene Kunst übt sich ein in die Differenz zwischen Kommunikation, Bewusstsein und Sein
71.
Gelassener Kunst bleiben Berührungen mit dem System äußerlich
72.
Der Diskurs hat die Werke nach innen blind gemacht, nach außen gestisch und modellhaft
73.
In der Kunstproduktion entsteht ein Dualismus von äußerem Diskursbezug (Kontext, Institution, System) und innerer Eigenkomplexität (Praxis, Konversation, Indexikalität, Personalität)
74.
Es entsteht ein Bedeutungsdualismus (Eigencharakter der Kunstwerke/Zuschreibungs- oder Interpretationsbedeutung durch den Diskurs)
75.
Das Kunstwerk entscheidet selbst über seinen Charakter
76.
Die Bedeutung des Betrachters hängt vom Charakter des Kunstwerks ab ( Personalität vs. Diskurs)
77.
Gelassene Kunst produziert gegenüber Systemkontext und methodischer Kontextreflexion einen echten eigenen Kontext/Gebrauch. Formen dafür sind Archive und Indexe.
78.
Das Publikum kommt für die Kunst nicht vor.
79.
An der Kunst sind nur Beteiligte beteiligt
80.
Das Publikum hat für die Kunst eine artifizielle Funktion; es ist seine subventionierte Erfindung
81.
Das Publikum ist die Umwelt (der Stellvertreter) des Gesellschaftssystems im Kunstsystem
82.
Das Publikum ist die Projektionsfläche der Geste der Kritik
83.
Ohne Publikum zerfällt die Konstruktion der "Kultur"
84.
Publikum, Subvention und Kulturpolitik sind identische Begriffe
85.
"Kulturpolitik ist die Höchstform des Nihilismus" (Heidegger)
86.
Kulturpolitik ist die Zentralagenda linker Intelligenz geworden. Sie ist reiner Wille zur Macht
87.
Kulturpolitik ist an die Stelle realer revolutionärer Utopie getreten
88.
Publikum, Subvention und Kulturpolitik sind kunstfeindliche Kategorien
89.
Das Theater ist die reinste Form der Inszenierung des Publikums; daraus resultiert die Höhe seiner Subventionierung und die Schwäche seiner Selbstreflexion
90.
Kunst ist chic; man kann an Kunst teilnehmen wie an Mode
91.
Kunst vollbringt das Wunder, trotz erwarteter Neuheit tatsächlich Neues hervorzubringen
92.
Kunst vollbringt das Wunder, trotz bewusster Ablehnung aller als Kunst akzeptierter Formen
Kunstformen hervorzubringen
93.
Das 20.Jahrhundert ist das Jahrhundert der Durchsetzung der modernen Gesellschaft und der Revolutionen dagegen
94.
Das 21. Jahrhundert beginnt als Jahrhundert der Ent-täuschung und Affirmation
95.
Kultur nimmt an der Enttäuschung und Affirmation als professionelle Negation teil
96.
Kultur absorbiert mit der Bewirtschaftung radikaler symbolischer Gesten und Kritik reale gesellschaftliche Veränderung
97.
Kultur absorbiert die reale Haltung und Form der Kunst
98.
Kunst muss sich gegen Kultur wehren
99.
Die Revolution muss sich gegen ihre Kulturalisierung wehren
Institut für Soziale Gegenwartsfragen Freiburg
Matthiessen-Wehmer-Gesellschaft
Eine Veranstaltung des ZKM, des Instituts für soziale Gegenwartsfragen Freiburg und der Jackson Pollock Bar
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