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Gregor Jansen

»Die Medienkunst wird nur wichtig vor und mit dem Hintergrund des klassischen Kunstverständnisses«

Interview
Die Fragen stellte Heike Borowski

Du hast im Jahr 2001 als Projektleiter für die ZKM_Ausstellung »Iconoclash« gearbeitet und kommst jetzt als Leiter der Abteilung Museum für Neue Kunst zurück. Was ist deine stärkste Erinnerung oder Empfindung?

»Iconoclash« war ein sehr komplexes Unternehmen mit einer spannungsreichen Thematik und einer Vielzahl von unterschiedlichen Bezügen zwischen Religion, Wissenschaft und Kunst, nicht zuletzt mit zahlreichen Mentalitäten, die ganz nach meinem Geschmack waren. Dieses habe ich genossen und obwohl es auch an die Grenzen ging, hat es (fast immer und dank des professionellen Teams) grosse Freude gemacht und das Ergebnis, die Ausstellung selbst, war ja in vielen Beziehungen sensationell. Insofern ist meine stärkste Empfindung Freude und Dankbarkeit.

Dein Tätigkeitsfeld als Ausstellungsmanager, Kurator, Dozent, Kunstkritiker und Publizist ist breit gefächert. Gibt es ein Thema oder eine Botschaft, welche/s sich durch deine Arbeit zieht?

Die Leidenschaft, die feinen Unterschiede zu suchen! Kunst ist sicher keine isoliertes Phänomen oder als solches zu betrachten, sondern ist, darum die soziologische Anspielung, eng verknüpft mit Technik und Natur, mit wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen und natürlich nicht zuletzt mit dem Menschen selbst.

Welcher Kunstbegriff ist für dich von zentraler Bedeutung?

Vielleicht der erweiterte

Der traditionelle Stellenwert des Museums hat sich durch den technologischen Einfluss der Kommunikationsmedien auf die Kunst verändert. Welches sind die Aufgaben eines Museums für zeitgenössische Kunst im 21. Jahrhundert?

Ich weiß nicht, ob sich der traditionelle Stellenwert des Museums verändert hat. Ich bin da manchmal gerne Traditionalist, jedenfalls gehe ich sehr gerne ins Museum und auch in die ohne Moderne oder gar Medienkunst. Es ist geradezu ein Genuss, einmal ohne den Zwang zur (interaktiven) Kommunikation ein Bild zu betrachten, welches nicht an die Steckdose angeschlossen ist. Die Aufgabe des Museums hat sich m.E. auch im 21. Jahrhundert nicht gewandelt, nur die Museumstypen sind stark ausdifferenziert.

Welches Bild des »Museums der Zukunft« zeichnet sich durch die neuen Technologien ab?

Wir erleben das am ZKM - diese faszinierende Maschine als ein Ort der Betrachtung, des Sammelns und Bewahrens, der Bildung, steht sicher für eine neue Ausrichtung, und da finde ich wiederum positiv, wenn die Bildermaschinen mit den Steckdosen verbunden sind. Von einem neuen Typ Kunstinstitut hat bereits der Hannoveraner Kunsthistoriker Alexander Dorner (1893 - 1957) gesprochen und es kann wirklich kein Kunst-Museum im bisherigen Sinne sein, sondern gar kein Museum. Dorner sagte: Der neue Typ wäre eher ein Kraftwerk als einem Erzeuger von neuen Kräften. Darin möchte ich das ZKM_Museum für Neue Kunst verankert sehen wie einen Spannungswechsler, einen Transformator.

»Musealisierung versus Digitalisierung« - wie erklärt sich die Zurückhaltung, beispielsweise Net-art in Öffentliche Sammlungen aufzunehmen?

Sicher durch mangelnde Institutionen, die dies entsprechend vertreten könnten, aber auch durch ein öffentliches Verständnis einer virtuellen Net-Art, in der das Internet die per se öffentliche Plattform darstellt, die keiner musealen Betrachtung und Vermittlung bedarf. Eine Meinung, die ich nicht teile.

Welches sind deine Charakteristika der Sammler und des Sammelns?

Ich würde vom Sammler sehr allgemein als dem Typ des rastlosen Spurenlesers und Beutejägers sprechen, der seinen alten Instinkten vertraut, um ein in die Zukunft gerichtetes und mitunter wissensdurstiges, lust- und machtvolles Verständnis der Gegenwart auszuloten. Ein wahrer Sammler ist manisch, leidenschaftlich, ein im besten Sinne Verrückter, der sein Interesse auf ein Objekt richtet, welches es zu besitzen gilt. Das ist Obsession und Passion, die ich im Kunstbereich staunend und mit großem Respekt beobachte und mitunter bewundere. Das Resultat des Sammelns ist die Beute der Jagd; Besitzen ist insofern auch immer Machen, Einmischen, Risiko tragen und Handeln. Es geht um die Lust nach dem Materiellen mit einer Besonderheit in der Kunst, der Aneignung auch des Immateriellen. Eine Art historische Human-Entropie, in der man mit faszinierenden, vernunftbegabten und leidenschaftlichen Menschen zu tun hat. Harald Falckenberg hat mal gesagt: das Depot ist die Gräuelvorstellung für jeden Sammler und zwischen Sammler-Sammler und Sammlungs-Sammler unterschieden. Da ist was sehr Wahres dran, wie die neuen Schaulager offenbaren.

Ergebnisse des Projekts »Beijing Case« der Kulturstifung des Bundes, an dem du aktiv beteiligt bist, werden nächstes Jahr im ZKM vorgestellt. Verbunden werden damit die künstlerische und kulturelle Szene zweier Länder - was macht dieses Zusammentreffen für ein Medienzentrum so interessant?

Allein der Blickwinkel China ist ein faszinierender Fokus, auf den ich mich ungemein freue, da ich bislang nur mit Japan und Korea zu tun hatte. Gerade die Miniaturisierung, die Technisierung und Digitalisierung sind dort Fortschritt, da sind wir hier eher ein Entwicklungsland. Wie das für das bevölkerungsreichste Land der Welt China aussieht, wird meine Recherche vor Ort erbringen und für das ZKM_Museum für Neue Kunst »intermedial« aufbereitet.

In wenigen Wochen wirst du Karlsruher. Was verlässt du und was hoffst du zu finden?

Ich bin Rheinländer und insofern bleibe ich dem Fluss erstmal treu. Ich verlasse eine wunderschöne, selbstverliebte, mitunter sympathisch selbstüberschätzte Domstadt zwischen Tradition, Thermalquellen und innovativer Moderne im Dreiländereck, in der ich mich an der Grenze lebend und der Nähe zu Belgien und den Niederlanden immer sehr wohl gefühlt habe. »Karls Ruhe hat nichts mit gekrönten Häuptern aus Aachen zu tun« geben mir Gaby und Wilhelm Schürmann mit auf den Weg. Dennoch hoffe ich, ebenjenes Umfeld für Entdeckerfreude, Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Fröhlichkeit auch hier zu finden und in den nährstoffreichen Humus von Karlsruhe einbringen zu können.

Linkempfehlungen:
· Biographie
· Projekt Beijing Case der Kulturstiftung des Bundes
· ZKM_Ausstellung Iconoclash - Jenseits der Bilderkriege in
  Wissenschaft, Religion und Kunst
  [04.05. - 01.09.2002]
· Pressemitteilung vom 13.01.2005:
  Gregor Jansen neuer Abteilungsleiter
  des ZKM_Museum für Neue Kunst
· ZKM_Museum für Neue Kunst

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