: ZKM :: Artikel :: Veranstaltungen 09|2004 extern | Stuttgart 1960
 
 

  

Stuttgart 1960. Computer in Theorie und Kunst

Akademie Schloss Solitude, Stuttgart
Symposium »Stuttgart 1960.
Computer in Theorie und Kunst«

30.09. - 02.10.2004

[-> Projektwebsite]

Im Rahmen des Programms »art, science & business« der Akademie Schloss Solitude, fand vom 30.09. - 02.10.2004 ein Symposium statt, welches unter dem Titel »Stuttgart 1960. Computer in Theorie und Kunst« das Verhältnis von Technologie, Theorie und Kunst, das in Stuttgart eng mit dem Namen Max Bense und der »Stuttgarter Schule« verbunden ist, in seinen zentralen Mittelpunkt stellte. Die im Umkreis Benses entstandenen künstlerischen Arbeiten - vor allem computergenerierte Poesie und Graphik - wurden als frühe Beispiele digitaler Medienkunst und als Impulsgeber für neue Wissenskonfigurationen vorgestellt.

Eines der zentralen Gespräche, das Podium zur Eröffnung am 30.09.2004 zwischen Joseph Vogl [Literatur- und Kulturwissenschaftler, Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar] und dem Vorstand des ZKM, Peter Weibel steht hier als als Videomitschnitt in voller Länge zu Verfügung:

-> Video [60 min.]

-> Einführende Rede von Hans-Christian von Herrmann:
    [gekürzte Fassung]

»Die öffentliche Rezeption literarischer und philosophischer Werke ist Wechselfällen unterworfen, die nicht immer leicht nachzuvollziehen sind. Im Fall von Max Bense beispielsweise hat man es mit einem Autor zu tun, der in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine maßgebliche Position in der kulturellen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland eingenommen hat. Die meisten, die diese Jahrzehnte erlebt haben, werden sich, auch wenn sie keine Zeile Bense gelesen haben, doch an seine, immer wieder auch umstrittene, publizistische Präsenz erinnern, die im Übergang von den sechziger zu den siebziger Jahren dann aber ein jähes Ende gefunden hat. Ohne an dieser Stelle in eine Diskussion der Gründe einzusteigen, die für diesen Rezeptionsbruch verantwortlich waren, so ist doch festzustellen, daß das Denken des Philosophen und engagierten Essayisten Max Bense sich in sehr starkem Maße aus dem Impuls heraus speiste, die Antwort auf die Katastrophe des II. Weltkrieg könne nur ein vollkommener Neubeginn auf dem Wege der Herausbildung einer, wie er es nannte, »höheren Rationalität« sein. In deutlichem Unterschied etwa zu seinem Zeitgenossen Theodor W. Adorno wandte sich Bense dabei nicht in negativ-theologischer Polemik gegen die wissenschaftlich und technisch entzauberte Welt, sondern suchte, gerade umgekehrt, mathematische Wissenschaft und Technik, wie sie sich seit der frühen Neuzeit in Europa herausgebildet haben, als antitheologisches Projekt einer »Selbsteinrichtung des Menschen in der Natur« zu deuten, und zwar auf dem Wege einer affirmativ-ästhetischen und damit antifunktionalistischen Haltung gegenüber ihren Formalisierungen und Apparaten.

Genau dies ist der Punkt, an dem das Symposium »Stuttgart 1960. Computer in Theorie und Kunst« den Faden wieder aufnehmen will. Wie der Titel schon sagt, haben wir dazu nicht die Form einer Tagungsveranstaltung »über« Max Bense gewählt, etwa im Sinne einer historischen Bilanz oder im Sinne der Frage nach der Aktualität seines Denkens. Stattdessen wollen wir eine archäologische Grabung unternehmen, die weniger die Konturen eines philosophischen Werkes, sondern eher eine signifikante historische Konstellation freilegen soll, in der Technik, Theorie und Kunst zusammenwirkten. Wir haben daher auch für die drei morgen und übermorgen stattfindenden Diskussionsrunden keine Bense-Forscher, sondern überwiegend Zeitzeugen eingeladen, die auf die eine oder andere Weise mit Bense in der uns interessierenden Zeit um 1960 verbunden waren, sei es als Kollegen und Mitarbeiter, sei es, daß er sie zu eigenen Kunst- und Ausstellungsprojekten angeregt hat. Um Ihnen allen einen anschaulichen Einstieg in das Thema des Symposiums zu bieten, haben wir die Urszene der Stuttgarter Computerkunst hier und heute noch einmal nachgestellt. 1959, also vor 45 Jahren, hat der Programmierer und Bense-Schüler Theo Lutz im Recheninstitut der Universität Stuttgart, das seinen Sitz damals noch nicht in Vaihingen, sondern im Herdweg hatte, »stochastische«, also auf Zufallsprozessen basierende, »Texte« generieren lassen, ausgehend von einem Vokabular, das auf Max Benses Vorschlag hin Franz Kafkas Schloß-Roman entnommenen war. Lutz hatte zu diesem Zeitpunkt gerade sein Studium der Mathematik, Physik und Elektrotechnik an der TH Stuttgart abgeschlossen und war dabei, eine Stelle bei SEL in Zuffenhausen anzutreten. Er war also, wie man sagen muß, hinsichtlich seiner Situation und Ambition alles andere als ein Künstler. Das von ihm geschriebene Programm enthielt einen Generator für [Pseudo-]Zufallszahlen, der den Computer aus dem eingegebenen Wortrepertoire Sätze von konstanter Länge und gleicher grammatisch-logischer Struktur »erwürfeln« ließ und damit Stéphane Mallarmés poetisch-typographischen coup de dés in einen Rechenprozeß überführte.

Den von Lutz verwendeten elektronischen Röhrenrechner Zuse Z 22 hier an der Akademie Schloss Solitude aufzubauen wäre, abgesehen von allen logistischen Schwierigkeiten, schon daran gescheitert, überhaupt noch ein funktionstüchtiges Exemplar aufzutreiben. Aber selbst wenn wir das damals von Theo Lutz geschriebene Programm heute auf einer Z 22 hätten ablaufen lassen, wäre die Ausgabe nur ein für die meisten von uns unlesbarer Lochstreifen gewesen. Erst die Eingabe dieses Lochstreifens in einen Fernschreiber ließ auch damals die »stochastischen Texte« in buchstäblicher Lesbarkeit erscheinen. Und genau diesen Vorgang der Übersetzung einer maschinensprachlichen in eine natürlichsprachliche Ausgabe wollen wir heute noch einmal wiederholen, nicht, um damit einmal mehr die elektronischen Rechenmaschinen mit ihren nicht-numerischen Anwendungen zu verwechseln, sondern um dieses jedenfalls in Stuttgart erste Auftauchen von Kunst aus dem Computer noch einmal vorzuführen. Was Sie gleich zu sehen bekommen, ist insofern mehr als der bloße Ausdruck digital gespeicherter Daten, als sich in der inneren Ordnung der »stochastischen Texte« ein [vorgängiger] Rechenprozeß als Bedingung ihrer Möglichkeit zu lesen gibt.

Der heutige Abend bildet den Auftakt zu dem Symposium »Stuttgart 1960. Computer in Theorie und Kunst«, dessen archäologische Grabungsarbeit morgen früh beginnen wird. Demgegenüber soll es jetzt darum gehen, das Thema zunächst einmal aus der Gegenwart heraus gesprächsweise einzukreisen. Mit Peter Weibel und Joseph Vogl haben wir dazu zwei der augenblicklich produktivsten deutschsprachigen Theoretiker im Überschneidungsbereich von Kunst-, Medien- und Wissenschaftsgeschichte eingeladen und sie gebeten, hier zum Thema »elektronische Kunst« in den Ring zu steigen. Das Fragezeichen hinter dem im Programm angegebenen Titel »ars electronica?« signalisiert eine Fragwürdigkeit, die nicht erst heute von uns an das Thema herangetragen wird, sondern von den Akteuren der sechziger Jahre selbst immer wieder artikuliert worden ist. Bense hat angesichts der Texte und Graphiken aus dem Computer von »künstlicher Kunst« [im Gegensatz zur herkömmlichen, menschengemachten »natürlichen Kunst«] und von Simulationen oder mathematisch-technischen Annäherungen an die abstrakte Kunst der Moderne gesprochen. Was von heute aus einfach als Beginn der künstlerischen Nutzung des Computers erscheinen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen vor allem als Moment einer Kollision zuvor getrennter Praktiken und Diskurse, deren Effekte sich keineswegs auf den Kunstbereich beschränkten«.
Text: Hans-Christian von Herrmann

Anläßlich des Symposiums ist ein ausführlich kommentierter und bebilderter Materialienband erschienen: Barbara Büscher, Hans-Christian von Herrmann, Christoph Hoffmann [Hg.]:
»Ästhetik als Programm: Max Bense/Daten und Streuungen«
[=KALEIDOSKOPIEN 5], Berlin 2004
ISBN 3-00-014180-4, 308 Seiten, zahlreiche s/w-Abbildungen, Ladenverkaufspreis EUR 15

^

© 2017 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe :: Impressum/Web Site Credits