: ZKM :: Artikel :: Veranstaltungen 10|2004 Shulie [Filmprogramm C.Ruhm]
 
 

  

ZKM_Filmprogramm:

Fate of Alien Modes

Fr-So 08.10.-10.10.2004

ZKM_Vortragssaal | täglich 19 Uhr |
Tagesticket 4,50/2,50; 3-Tagesticket 9/4

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Freitag, 08.10.2004 ::

Elisabeth Subrin : Shulie
[USA 1997, 36 Min.]

Shulie verwendet Konventionen aus dem Direct Cinema der 60er Jahre zur Untersuchung des noch vorhandenen Einflusses ebendieser Epoche sowie zur Hinterfragung der Parameter historischer Beweise oder Dokumente. Das Projekt geht auf einen obskuren 16-mm-Dokumentationsfilm von vier graduierten Filmstudenten zurück, der die junge Chicagoer Kunststudentin Shulamith Firestone [*] zeigt. Er wurde 1967 gedreht, nur Monate bevor sie nach New York zog, um dort ihre Revolution zu starten. Außer ein paar Vorführungen im Jahre 1968 blieb der Film 30 Jahre lang im Regal. Meine Shulie [nennen wir sie Nr. 2] ist eine Nachverfilmung der ursprünglichen Shulie [Nr. 1]. Der Film wurde mit SchauspielerInnen an vielen der Originalschauplätze in Chicago Szene für Szene nachgedreht. In ihm argumentiert eine 22-jährige, merkwürdig zeitgenössisch aussehende Frau so überzeugend wie zynisch für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Als der Originalfilm gemacht wurde, war ich zwei Jahre alt. Seine Neuschöpfung 30 Jahre später warf die komplizierte Frage auf, wie eine Generation die übrig gebliebenen Dokumente der vorhergehenden erbt und weiterverarbeitet, besonders wenn letztere ein so kritisches und mythisches Vermächtnis weitergibt. Das Nachdrehen von Shulie [Nr. 1] im Jahre 1997 wurde so zu einer gedanklichen Zeitreise. Sowohl mit der Produktion als auch mit der Verbreitung von Shulie [Nr. 2] hoffte ich, die BetrachterInnen dazu zu nötigen, Szene für Szene zu überlegen, was denn eigentlich die geschichtliche Gegenwart im Gegensatz zur abgesichert verorteten Vergangenheit im Sinne von Kultur, Ökonomie, Rasse, Sexualität, Generation und Form ausmacht. Auch wenn wir meinen Film als »Fälschung« erkennen können, so schwingt doch in jeder einzelnen Szene etwas nach. Beim Sehen der »Fälschung«, die wir als Nachstellung des »Originals« erkennen, entsteht der Eindruck, als sähen wir zwei Filme und zwei Epochen gleichzeitig. Hätte ich es beim bloßen Anschauen des Originals belassen, hätte ich Firestones Erfahrung nur als Teil der antiquierten Vergangenheit samt dazugehöriger Romantik, Fehlern und verblasster Logik begriffen. Als den Entstehungszeitpunkt verwischende Fälschung kann Shulie [Nr. 2] aber auch in der Gegenwart sprechen. Die amateurhaften, sexistischen und selbsterhöhenden Strategien der ursprünglichen vier männlichen Filmemacher und deren Inszenierung der Porträtierten in der Doku stellen kritische und problematische Dokumente aus einer Zeit dar, die nicht unbedingt vergangen ist.
[*] Shulamith Firestone ist bekannt für »The Dialectic of Sex«, 1970.

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