: ZKM :: Artikel :: Veranstaltungen 10|2004 Geschichtsunterricht [Filme C.Ruhm]
 
 

  

ZKM_Filmprogramm:

Fate of Alien Modes

Fr-So 08.10.-10.10.2004

ZKM_Vortragssaal | täglich 19 Uhr |
Tagesticket 4,50/2,50; 3-Tagesticket 9/4

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Samstag, 09.10.2004 ::

Jean-Marie Straub/ Danièle Huillet : Geschichtsunterricht
[1972, 85 min]

Die Arbeit beruht auf Bertolt Brechts Romanfragment »Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar«. Sie handelt von den Zusammenhängen zwischen Wirtschaft, Demokratie, Kapitalismus und Imperialismus. Der Roman »Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar« ist wie »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« ein Versuch, den Führerkult zu entmystifizieren. In diesem Fall handelt es sich um eine Attacke auf den Cäsarismus durch die Bloßstellung von Cäsar selbst. Der Roman skizziert eine vorbereitende Untersuchung zu einer offiziellen Cäsarbiografie in erster Person und unter Verwendung von Einschüben aus dem Tagebuch von Cäsars Sekretär. Der Film von Straub und Huillet geht noch weiter auf Distanz. Die Untersuchung wird ins moderne Italien verlegt, und so werden auch die Einschübe zu Autofahrten durch das heutige Rom. Der Film beginnt mit jenen Landkarten des expandierenden Römischen Reichs, die Mussolini auf die Wand an der neuen Straße von der Piazza Venezia zum Kolosseum plakatiert hatte. Dann ein Schnitt auf die Terrasse der Villa Aldobrandini in Frascati, wo ein älterer Mann mit Toga einem jungen in T-Shirt und legerer Hose seine Version vom Aufstieg Julius Cäsars zu Ruhm und Reichtum erklärt.
Es muss wohl kaum erwähnt werden, dass Brechts Version anders als alles ist, was man in der Schule gelernt hat: Sie stellt eine durchgehend ökonomische [marxistische] Lesart der römischen Geschichte dar, die Brecht zum wohlbekannten Kampf zwischen der Stadt und dem Senat bündelt.

Große Teile des Films bestehen aus Monologen, zuerst vom Bankier Mummlius Spicer, später von anderen Repräsentanten der Zeit, einem Rechtsanwalt, einem Schriftsteller. Nach und nach wird so die Geschichte von Julius Cäsars unaufhaltsamen Aufstieg nachgezeichnet. Der Film besteht aber nicht ausschließlich aus Monologen. Er ist auf verschiedene Weisen aufgebrochen, am auffälligsten durch drei lange Kamerafahrten [die erste sieben Minuten, die beiden anderen jeweils zehn Minuten lang]. In allen dreien befindet sich die Kamera auf dem Rücksitz eines Autos, das von dem jungen Mann gesteuert wird, der von Spicer die Geschichtslektionen erteilt bekam. Das Auto rollt unerbittlich durch das Straßenlabyrinth des heutigen Roms.
Text: Constanze Ruhm

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