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ZKM_Symposien

Jean Baudrillard und die Künste

Eine Hommage zu seinem 75.Geburtstag

16.Juli 2004 ? 18.Juli 2004
ZKM_Medientheater und Projektraum im MNK

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Michel Régis
»Nullitas nullitatum, et omnia nullitas. Kunst als Komplott: Eine paranoide Ästhetik?«

Video [12:12 min]

Es ist ungefähr zehn Jahre her, dass Jean Baudrillard mit Getöse den Komplott der [zeitgenössischen] Kunst ankündigte. Diese Kunst, die sich für nichts hält und die, höchste Hochstapelei, wirklich nichts ist: Fatale Strategie der doppelten Verneinung. Der Artikel löste einen Skandal aus. Es war J?accuse. Nur ohne Dreyfus. Es ist gut den Verrat der Intellektuellen zu geißeln. Aber sie lieben nichts so sehr wie das Martyrium. Und das Risiko ist schließlich mit den Wölfen zu heulen, so iconophob ist die französische Kultur, und noch schlimmer: neophob. Dieser heftige Vorwurf ist zweideutig, denn er hört nie auf, die Nostalgie der Form anzurufen, die das Eigentliche der Ästhetik ist. Er schändet das Vergehen des Insiderwissenden, was der Ursprung der Paranoia ist. Man endet damit zu glauben, dass der Verfasser Nietzsche mit Hegel vertauscht : Ein Traum von Grösse und Magie, von Theater und Illusion, von Erhabenheit und Transzendenz. Die Kunst als Bestimmung. Zurück zu ? Malraux ?
Baudrillard, der Duchamp zitiert, weiß: 'Alles ist Kunst.' Und auch, dass das Ready-made der Supermarkt der Verbreitung ist. Die heutige Kunst erreicht ihren Höhepunkt im Video, was nicht wirklich das ist, was Baudrillard glaubt: Ein grenzenloses Bild von einem universellen 'Zapping'. Es werden, um ein Beispiel zu geben, einige starke Bilder einer schwachen Kunst gezeigt - Bilder, die uns heimsuchen. Und nicht ohne Grund: die Videokunst schafft nur Geister, im Sinne Derridas - Geister von Geistern. Die Videokunst ist das Medium der Spektralität, das nur aus seiner Auslöschung heraus überlebt: in der Rhetorik des Oxymorons, wo Baudrillard selbst seine eigene Einstellung wieder erkennt - im Nichts des Bildes. Man kann genau so gut sprechen von 'Postmedium', und besser von 'Immedium', wie Deleuze sagt [nach Couchot], worin, wenn man es zu sagen wagt, das Nichtigwerden des Subjekts gipfelt: Eine wahre Nichtigkeit, manchmal spielerisch, oft tragisch, immer kritisch.

Michel Régis ist Chefkurator am Musée du Louvre in Paris. Zusammen mit Françoise Viatte organisierte er dort eine Ausstellungsreihe mit dem Titel »Parti pris«, in deren Konzeption Gastkuratoren wie z.B. Jacques Derrida, Jean Starobinski, Julia Kristeva und Hubert Damisch eingebunden waren.
Am Louvre veranstaltete er außerdem große Symposien zu den Themen »David contre David« oder »Géricault« und Vortragsreihen wie z.B. »Où en est l'interprétation de l'ouvre d'art?«. Des Weiteren ist er Herausgeber von Büchern und Texten zu diesen Künstlern, Perioden oder Themen. Michel Régis kuratierte verschiedene Ausstellungen von »Le beau idéal, Géricault« oder »La Chimère de Monsieur Desprez« hin zu aktuelleren Projekten wie »Posséder et détruire« [über Sexualität] und »La peinture comme crime« [über Rationalität], beide mit dem Vorhaben eine kritische, kulturelle Anthropologie des Westens zu skizzieren.

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Michaela Ott

»Böse[s] Denken«

Baudrillard spricht im Zusammenhang mit dem Attentat des 11. September vom Beginn des vierten Weltkriegs, der nunmehr an keine konkreten Kräfteverhältnisse und ökonomischen Bedingungen mehr gebunden sei: Im Herzen der Globalisierung wüchsen Kräfte gegen diese, schneller vielleicht als diese selbst. Der vierte Weltkrieg sei das, 'was jede Weltordnung, jede Hegemonialherrschaft heimsucht - würde der Islam die Welt beherrschen, würde sich der Terrorismus gegen ihn richten. Denn es ist die Welt ['monde'] selbst, die sich der Globalisierung ['mondalisation'] widersetzt.'

Michaela Ott ist Philosophin, Filmwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Französischen. Sie wohnt in Berlin und arbeitet gegenwärtig am Institut für Grundlagen der modernen Architektur der Universität Stuttgart. Ihre wichtigsten Monographien sind: »Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren der Literarischen im Werk von Gilles Deleuze«, Wien 1998; in Vorbereitung: »Phantasma und symbolische Ordnung im zeitgenössischen [Hollywood]Film«. Folgende Bücher hat sie unter anderem übersetzt: Jean Baudrillards »Amerika«, München 1988; »Cool Memories«, München 1989; »Transparenz des Bösen«, Berlin 1992; Michel Foucaults »In Verteidigung der Gesellschaft«, Frankfurt am Main 2001; »Die Anormalen«, Frankfurt am Main 2003.

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Mario Perniola
»Die Zukunft einer Illusion: künstlerisches Handeln, Kommunikation, Pataphysik«

Video [3:23 min]

Ausgehend von Freuds bekannter Abhandlung über die Religion beschäftigt sich der Beitrag mit einer weiteren Illusion, nämlich mit der künstlerischen Illusion, die als Brennpunkt vieler Ideen Baudrillards angesehen werden kann. Aus epistemologischer Sicht darf die künstlerische Illusion allerdings nicht im Gegensatz zum Realen verstanden werden. Baudrillards Ansatz ist anthropologisch, und sein Begriff der Kunst steht der Magie nahe. Baudrillards kulturelles Interesse ist nicht auf Erkenntnis ausgerichtet, sondern auf das Handeln. Die künstlerische Illusion, die mit der Darstellung und der Bühne verbunden ist, wurde durch eine Massenkommunikation ersetzt, die hyperrealistisch und obszön ist. Trotzdem scheint die Kommunikation eine Art Faszination auszuüben, die der Grund für ihren Erfolg ist. Aber Baudrillards Denken ist nicht naiv, denn es fragt nach dem Grund für seine Möglichkeit, und dieser kann in einer Art von theoretischer Illusion gefunden werden [welche nach einem Ausdruck des französischen Schriftstellers Alfred Jarry als ?pataphysisch? bezeichnet wird].

Mario Perniola ist eine der führenden Persönlichkeiten in der heutigen Philosophie-Szene und hat in einem erweiterten ästhetischen Rahmen einen originellen, phantasiereichen und kritischen Schreibstil entwickelt. Er ist Professor für Ästhetik an der Universität von Rom II [Tor Vergata]. Er wurde in viele Länder zu Lehrveranstaltungen sowie Vorträgen eingeladen und bis vor kurzem war er Gastprofessor an der Graduate School of Humanities and Environmental Studies der Universität von Kyoto [Japan]. Im Deutschen sind von ihm unter anderem folgende Publikationen erschienen: »Der Sex-Appeal des Anorganischen«, Wien 1999; »Ekel«, Wien 2003; und »Die Kunst und ihr Schatten«, Berlin 2003. In Italien erscheint dieses Jahr »Contro la comunicazione«, Torino 2004 in der 3. Auflage. Weitere italienische Publikationen sind »I situazionisti«, Rom 1998; »Estetica del Novecento«, Bologna 1997; und »Del sentire«, Torino 2002.

- Vortrag in italienischer Sprache -

Florian Rötzer
»Virus des Terrors«
Video [2:07 min]

Terrorismus ist nicht nur eine politische Tat. Auch ein Verhalten, das man gemeinhin als Amoklauf bezeichnet und damit als durchgebrannte Aktion, gehört dazu. Die Anzeichen mehren sich, dass Terror zu einer Option für Aufmerksamkeitsattentäter jeder Art wird, dass sich vor allem Selbstmordanschläge epidemisch ausbreiten. Dabei ist mittlerweile Fantasie im weltweiten Wettbewerb gefragt. Wer keine ungewöhnliche Wege beschreitet oder die Aktionen der Konkurrenten überbietet, hat geringe Chancen über die regionalen Nachrichten hinaus wahrgenommen zu werden. Vermutlich dienen mehr und mehr spektakuläre Anschläge heute dazu, einen Selbstmord aufzuwerten und so wenigstens im Tod seine Spuren auf der Welt zu hinterlassen. Heute ist es zudem möglich, damit auch global Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Florian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München gearbeitet. Seit 1996 ist er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis [www.telepolis.de] und Herausgeber der Telepolis-Buchreihe im Heise-Verlag. Unter anderem wurden von und mit ihm folgende Publikationen veröffentlicht: »Französische Philosophen im Gespräch«, München 1986; »Denken, das an der Zeit ist«, Frankfurt am Main 1987; »Digitaler Schein«, Frankfurt am Main 1991; »Cyberspace. Auf dem Weg zum digitalen Gesamtkunstwerk«, München 1993 [mit Peter Weibel]; »Das Böse«, Göttingen 1995; »Cyberhypes«, Frankfurt am Main 2001 [mit Rudolf Maresch],; »TerrorMedienKrieg«, Heidelberg 2002 [mit G. Palm]; »Virtuelle Welten - reale Gewalt«, Heidelberg 2003; »Kunst und Krieg«, Kunstforum International Bd. 165, 2003; »Renaissance der Utopie«, Frankfurt am Main 2004 [mit R. Maresch].

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