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ZKM_Symposien

Jean Baudrillard und die Künste

Eine Hommage zu seinem 75.Geburtstag

16.Juli 2004 - 18.Juli 2004
ZKM_Medientheater und Projektraum im MNK

in Anwesenheit von Jean Baudrillard

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Am 27. Juli 2004 wird Jean Baudrillard 75 Jahre alt. Grund genug, ihm eine Hommage zu widmen.
Baudrillard ist einer der produktivsten und meist übersetzten Autoren des gegenwärtigen Frankreichs. In Französisch liegen bislang 34 Titel vor, in deutscher Übersetzung mittlerweile 24, und dies, obwohl er erst relativ spät, 1968 mit fast 40 Jahren, sein erstes Buch »Le système des objets« [dt. »Das System der Dinge«, Wien 1974] publizierte. Zuvor war er Lehrer gewesen, hatte Brechts »Flüchtlingsgespräche« und Peter Weiß’ »Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats...« übersetzt, 1962 in Sartres »Les Temps modernes« einen langen, immer noch sehr lesenswerten Text über Uwe Johnson veröffentlicht, und seit 1966 lehrte er als Assistent von Henri Levèbvre an der Universität Paris-Nanterre Soziologie, wo der in Talkshows unvermeidliche Dany Cohn-Bendit sein Schüler war.

Jean Baudrillard ist keiner Richtung oder Schule zuzuordnen, er ist weder Strukturalist noch Prä- oder Poststrukturalist, weder Fürsprecher der Moderne noch der Postmoderne. Er ist ein Einzelgänger, ein Solitär. Seinen Werdegang beschreibt er selbst, wie folgt - ich zitiere aus dem zweiten Band der »Cool Memories«, der bislang nicht auf deutsch vorliegt:

»Pataphysiker mit zwanzig Jahren -
Situationist mit dreissig -
Utopist mit vierzig -
transversal mit fünfzig -
viral und metaleptisch mit sechzig -
das ist meine Geschichte«

Dennoch könnte man sagen, dass ein einziges Thema Baudrillards Denken seit jeher okkupiert: das Objekt. »Alles hat vom Objekt seinen Ausgang genommen«, sagt er. In einer ersten Phase, beginnend mit »Le système des objets « [s.o.] und endend in seinem dicksten Buch »L'échange symbolique et la mort«, 1976, [dt. »Der symbolische Tausch und der Tod«, München 1982], gibt es noch so etwas wie eine Dialektik von Subjekt oder Objekt und das Drama der Entfremdung. In einer Gesellschaft des Spektakels wird alles zu Zeichen, die nicht mehr auf Reales verweisen, sondern nur noch gegeneinander austauschbar sind – das nennt er Simulation. In der Politik zum Beispiel geht es nur noch scheinbar um Meinungsbildung und Repräsentation, in Wirklichkeit darum, eine schweigende Mehrheit qua Meinungsumfrage, Tests, Einschaltquoten zu regieren.

In seinem ersten Buch versucht Baudrillard dieser Gesellschaft des Spektakels mit einer kritischen Begrifflichkeit beizukommen, die Marcel Mauss, Roger Callois und George Bataille entlehnt ist: Gabe, Verausgabung, Potlach, verfemter Teil, symbolischer Tausch. Diese Logik des Opfers nennt er heute einen anthropologischen Traum, den Traum von einem Status des Objekts jenseits von Gebrauch und Tausch, jenseits von Wert und Äquivalenz. Es ging ihm also um eine Überschreitung der Kategorien der politischen Ökonomie, um eine Erweiterung der marxistischen Kritik des Kapitals durch eine radikale anthropologische Kritik. Ziel ist eine Subversion der Codes und die Wiederherstellung einer symbolischen Ordnung, die auf Reversibilität beruht, »zuallererst auf der Umkehrung der Opposition von Leben und Tod, die den Anschluß des Todes zur Folge hat«, aber gleiches gilt vom Subjekt und Objekt, männlich und weiblich, Signifikant und Signifikat. Das also zu Baudrillard als Situationist und Utopist.

In der zweiten Phase, die 1979 mit dem Buch »De la séduction« [dt. »Von der Verführung«, München 1992] beginnt, fällt dieser Bezug auf den symbolischen Tausch weg. Er schreibt: «Das Objekt selbst ergreift die Initative der Umkehrbarkeit, ergreift die Initative zu verführen und zu verleiten. Bestimmend wird eine andere Verkettung, nicht mehr die der symbolischen Ordnung [die Verkettung eines Subjekts und eines Diskurses ist], sondern die rein willkürliche einer Spielregel. Das Spiel der Welt ist das Spiel der Umkehrbarkeit. Im Mittelpunkt der Welt steht nicht mehr das Begehren des Subjekts, sondern das Schicksal des Objekts.«
»Les stratégies fatales«, 1983, [dt. »Die fatalen Strategien«, München 1991], »La Transparence du Mal«, 1990, [dt. »Die Transparenz des Bösen«, Berlin 1992], »L´illusion de la fin ou La grève des événements«, 1992, [dt. »Die Illusion des Endes«, Berlin 1994], »Le crime parfait«, 1995, [dt. »Das perfekte Verbrechen«, München 1996], »L´Echange impossible«, 1999, [dt. »Der unmögliche Tausch«, Berlin 2000] - das sind die Titel der nächsten Bücher, und Fatalität, Transparenz, Illusion deren zentrale Begriffe.

Wir befinden uns in den achziger Jahren und Baudrillard gehört [mit Virilio und de Certeau] zur Redaktion der Zeitschrift »Traverses«, wo seine wichtigsten Texte erscheinen.
»Die Theorie kann sich nicht damit zufrieden geben zu beschreiben und zu analysieren, sie muß im Universum, das sie beschreibt, selber zum Ereignis werden. Um dies zu erreichen, muß sie sich auf dieselbe Logik einlassen und diese beschleunigen. »L’autre par lui même«, Paris 1987 [ dt. »Das Andere selbst«, Wien 1987, S.77]
»Die Theorie kann lediglich der Welt die Steigerung abtrotzen: das Objektivere, das Ironischere, das noch Verführerischere, das Realere oder das Irrealere...« ebd.S.79

Jean Baudrillard schrieb bereits 1975 seinen Text »Kool Killer ou l´insurrection par les signes« [dt. »Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen«, Berlin 1978], zu einer Zeit, als hierzulande noch kaum Graffities an den Wänden zu sehen waren. Und während heute die Vernetzung, die Datenautobahnen als Utopie verkauft werden, analysiert er die Folgen. Er untersucht das Heute, indem er extreme Phänomene seziert: Börsenkrach, islamischen Fundamentalismus, Aids, Terrorismus, Geiselnahme, Politiker-Korruption, Pornographie und Fettleibigkeit. Baudrillard entwickelt eine eigene Begrifflichkeit, um diesen Phänomenen beizukommen: Simulakra, Präzession, Ekstase, Metastase, Obszönität, Viralität, Transpolitik, Transökonomie, Promiskuität, Exorzismus, Hysterese.

»Baudrillard und die Künste« - das meint hier im Gegensatz zu den vorangegangenen Veranstaltungen über Foucault und Deleuze nicht nur, dass Jean Baudrillard sich kritisch oder interpretierend mit den Künsten befasst, sondern dass er selbst in einem Künstler-Werden begriffen ist.
Man könnte ihn einen Künstlerphilosophen nennen und ihn neben Nietzsche, Adorno, Klossowski, Roland Barthes, Peter Weibel u.a. stellen.
Und so wollen wir zur Feier seines 75. Geburtstages nicht nur den Denker Jean Baudrillard treffen, sondern auch den Künstler: Eine Ausstellung seiner Fotografien, seiner Aphorismen, eine Lesung aus seinen Büchern.

    Peter Gente, im Mai 2004

-> Text in english


Konzept: Peter Gente, Merve Verlag, Berlin,
und Peter Weibel, ZKM, Karlsruhe
Projektleitung: Barbara Könches, ZKM
Assistenz: Thomas Thiel, ZKM
mit freundlicher Unterstützung von Marine Baudrillard

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