: ZKM :: Artikel :: Deleuze | Videodokumentation
 
 

  

ZKM_Symposien

Gilles Deleuze und die Künste
Wiederholung und Differenz

»Eines Tages wird das Jahrhundert vielleicht deleuzianisch sein.«
[Michel Foucault]

Festival :: 24. - 26.10.2003
Ausstellung :: 24.10. - 07.12.2003

Die Rednerbeiträge von Michaela Ott, Henning Schmidgen und Joseph Vogl wurden während des Symposiums aufgezeichnet und sind hier auszugsweise abrufbar. Zusätzlich zu diesen Vorträgen stehen die Biographien der Referenten, Abstracts sowie Textauszüge ihrer Vorträge zur Verfügung:

»Virtualität in Philosophie und Filmtheorie von Deleuze«
Michaela Ott [26.10.2003]

Sein ontologisches Denken grundiert Gilles Deleuze mit der Annahme vorgängig gegebener präindividueller und asubjektiver Größen, auch Ideen genannt, die er nicht als transzendente Entitäten, sondern als unbestimmte, sich in der Zeit entfaltende, immanente Ereignisse denkt: Als Grenze zwischen Sein und Nicht-Sein, als das Infinite, reine Zeitlichkeit, versteht er sie als Bedingung der Möglichkeit der Trennung von Gegenständlichem und Sprachlichem; ihrer »Insistenz« spricht er eine virtuelle Gegebenheitsform zu, die sie real, aber nicht zwangsläufig aktualisiert sein lässt. Den Vorgang der Aktualisierung gibt er auch als Verhältnis von Differentialität und Differenzierung wieder.
Da für ihn das Virtuelle unendlich ist, bedeutet dessen Aktualisierung fortgesetzte Freilegung von Neuem, Artikulation von Zukünftigem, damit auch erneute Virtualisierung. Solche Umkehrprozesse sieht er vorzugsweise in Kunstwerken gegeben, da sie herkömmliche Strukturen zu unterlaufen und unbewusste Positionen mitzuartikulieren suchen.
Das Begriffspaar ist daher auch für seine Filmtheorie und die Entfaltung des filmischen »Zeitbildes« entscheidend; anhand gewisser Filme wie Michelangelo Antonionis »Il deserto rosso«, Atom Egoyans »Family Viewing« und David Lynchs »Lost Highway« soll das spezifische »Zeitbild«-Verfahren der Verkehrung des Virtuellen ins Aktuelle und umgekehrt expliziert werden.

> Textauszug
Video, 8 Min. [autom. Bandbreitenerkennung]

Dr. Michaela Ott, Philosophin, Filmwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Französischen, wohnhaft in Berlin, gegenwärtig tätig am Institut für Grundlagen der modernen Architektur der Universität Stuttgart.
Wichtigste Monographien: »Vom Mimen zum Nomaden. Lektüren der Literarischen im Werk von Gilles Deleuze« [Wien: Passagen Verlag, 1998]; in Vorbereitung: »Phantasma und symbolischeOrdnung im zeitgenössischen [Hollywood]Film«; Übersetzungen von Jean Baudrillards »Amerika"« [München: Matthes und Seitz, 1988], »Cool Memories« [München: Matthes und Seitz, 1989], »Transparenz des Bösen« [Berlin: Merve Verlag 1992], von Michel Foucaults »In Verteidigung der Gesellschaft« [Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag, 2001], »Die Anormalen« [Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag, 2003].

^

»Begriffszeichnungen. Über die philosophische Konzeptkunst von Gilles Deleuze«
Henning Schmidgen [26.10.2003]

Deleuze hat die Philosophie immer wieder als »die Kunst, Begriffe zu schaffen«, beschrieben. Diese Emphase auf den Begriff kann auf jene Tradition bezogen werden, die Foucault von der Phänomenologie als »philosophie du concept« [Cavaillès, Bachelard, Canguilhem] abgesetzt hat. Es geht nicht um das Subjekt und den Sinn, sondern um das Wissen und die Begriffe. Obwohl Deleuze sich an vielen Stellen seines Werks auf die Wissenschaften bezieht, geht seine Philosophie aber nicht in der genannten Tradition auf. Sie steht den Künsten näher als den Wissenschaften. Mit Paul Klee kann man sagen, die philosophische Begriffskunst von Deleuze »gibt das Sichtbare nicht wieder, sondern macht sichtbar«. Deleuzes Begriffe repräsentieren nicht, sie produzieren: Gegenstände, Bewegungen, Reisen...

> Textauszug
Video, 10 Min.
  [autom. Bandbreitenerkennung]

Henning Schmidgen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Veröffentlichungen u.a. [Hg.]: »Ästhetik und Maschinismus: Texte zu und von Félix Guattari« [Berlin 1995]; »Das Unbewußte der Maschinen: Konzeptionen des Psychischen bei Guattari, Deleuze und Lacan« [München 1997], »Figuren des Zerebralen in der Philosophie von Gilles Deleuze«, in M. Hagner [Hg.], »Ecce Cortex: Beiträge zur Geschichte des modernen Gehirns« [Göttingen 1999], S. 317-349.

^

»Was ist ein Ereignis
Joseph Vogl [26.10.2003]

Immer wieder hat Gilles Deleuze nach der Natur »reiner Ereignisse« gefragt. Dabei geht es nicht nur um die Theorie einer Singularität, die ein besonderes Verhältnis von Sinn, Zeit und Raum umschließt. Von Leibniz über Kierkegaard und Nietzsche bis hin zu Whitehead verfolgt Deleuze vielmehr die Spur einer Begebenheit, in der das Unpersönliche, die Auflösung der Subjekt- und Menschen-Form mit einem Augenblick von Freiheit und Befreiung verschmilzt: das »Ereignis« als äußerster Fluchtpunkt eines ebenso philosophischen wie ästhetischen Experiments.

> Textauszug
Video, 8 Min. [autom. Bandbreitenerkennung]

Joseph Vogl, Literatur- und Kulturwissenschaftler, seit 1998 Professor für Theorie und Geschichte künstlicher Welten an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar. Zuletzt erschienen u.a.: »Gilles Deleuze Fluchtlinien der Philosophie« [hg. mit F. Balke, 1996]; »Poetologien des Wissens um 1800« [Hg.; 1999]; »Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen« [2002]; »Europa: Kultur der Sekretäre« [hg. mit B. Siegert; 2003]. Übersetzungen von Deleuze bzw. Deleuze/Guattari: »Differenz und Wiederholung« [1992]; »Francis Bacon. Logik der Sensation« [1995]; »Was ist Philosophie?« [zus. mit B. Schwibs; 1996]; »Kritik und Klinik« [2000].

^

© 2014 ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe :: Impressum/Web Site Credits