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zum Werk von Gego

Gego ergriff bei ihrer Tätigkeit in Venezuela die Herausforderung und die Gelegenheit, die ihr das fabelhafte Wachstum der Hauptstadt Caracas und die Hochkunjunktur des Bauwesens boten. Sie brauchte Gelegenheiten, Bauprojekte und Geldmittel, um ihre großen öffentlichen Gebäude verwirklichen zu können, und hier hatte sie all dies in einem Maße, wie sie es fraglos nur in wenigen Ländern hätte finden können. Doch wenngleich ihr vom Banco Industrial 1961 bis zum Parque Central 1972 reichlich Aufträge zuflossen [sie also binnen zehn Jahren enorme Arbeiten bewältigen konnte], wurde ihre außerordentliche produktive Leistung seitens der Kritik mit Schweigen quittiert. Hier verfallen dieses Land und diese mit etlichen Spottnamen belegte Stadt - Darcy Ribeiro bezeichnete sie als »tabula rasa« und Isaac Chocrón sprach mit ätzender Intelligenz von einem »Saloon« vollends der kulturellen Indifferenz.

Beinamen wie »Wüste« oder »Wilder Westen« sind sicherlich harter Tobak; doch nur wenn man einräumt, dass in ihnen wenigstens ein Körnchen Wahrheit steckt, lässt sich das Schweigen über Gego erklären, hielt sich doch ansonsten die Macht habende Schicht in Caracas einiges auf ihre Schirmherrschaft über die avantgardistischen Projekte ihrer Lieblingskünstler zugute.

Sollte es daran liegen, dass Gego nicht avantgardistisch genug ist? Mit ihrem Werk betritt sie allerdings im besten erforschenden, ja auch wagemutigen Sinn des Wortes Neuland. Oder daran, dass ihr forschender Geist zu ernst ist, der da seine Arbeit als unablässiges, ausgefeiltes, schwieriges Konstruieren auffasst und deshalb mit ebenso viel Radikalität von der Leichtfertigkeit und der Improvisation auf Abstand geht? Oder daran, dass Gego wahrhaftiger ist als der Durchschnitt, tiefsinniger als der Durchschnitt, vielschichtiger und gebildeter als der Durchschnitt? Daran, dass sie über die »visuellen Spiele« hinausgeht und demzufolge den Rahmen einer Wahrnehmung überschreitet, die sich bequem in den besagten Spielen einrichtet? Ich glaube, von allen diesen Vermutungen trifft etwas zu. Venezolaner zu werden ist für einen europäischen Künstler förmlich ein ontologisches Ding der Unmöglichkeit: Gego, die Venezolanerin nicht sein kann, wird nie endogame, ethnische Beziehungen zum Nationalgeist haben. Die tonangebende venezolanische Kunst richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf die »chromointerferierenden« Türme, die effektverliebten Lichtbatterien von Ciudad Bolivar und andere gleichermaßen pyrotechnische Äußerungsformen: Nichts behagt ihr mehr als venezolanische Künstler, die keine gar zu merkliche Identität erkennen lassen und sich darauf verstehen, ihre Heimatorte anständig mit den verwegensten technischen Errungenschaften zu überziehen: Etwas anderes aber ist die gründliche Würdigung eines naturgemäß aus europäischem Geist entworfenen Werkes, in dem Technik und Wissenschaft nichts verkleiden, sondern Ausgangspunkte der Freisetzung schöpferischer Phantasie bilden.

Gego legte an der Technischen Hochschule Stuttgart ihr Diplom in Architektur und Bauingenieurswesen ab. Ohne diese technisch-professionelle Grundlage wäre es ihr nicht möglich gewesen, ihr Werk zu realisieren. Sie denkt als Architektin, löst die Probleme als Ingenieurin und konzipiert ihre Entwürfe als Künstlerin. Wenn sie als Architektin denkt, steht der Begriff des Raumes allen anderen voran, und es gibt keine Form, die nicht dem Verhältnis zum Raum untergeordnet ist, der sie umfasst; wenn sie als Ingenieurin tätig wird, gelingt es ihr, technische und wissenschaftliche Probleme so zu lösen, dass sie ihrem Ziel immer näher kommt, die Formen zunehmend unabhängig von Stützelementen im Raum anzuordnen; wenn sie ihren Entwurf als Künstlerin konzipiert, ist sie imstande, die wissenschaftliche Ordnung zu durchkreuzen, um einen Eindruck von Flüchtigkeit, Irrealität und Poesie zu erzeugen, Zufallsfunde einzubeziehen, verblüffende Dynamisierungen des Raumes und souveräne Beherrschung der Leerstellen zu erreichen.

Nur anhand dieser eher dialektischen als konvergierenden Stränge sind die durchgehende Spannung und Vielschichtigkeit ihrer Arbeiten zu erklären. Sie entstehen nicht aus einem bloßen Auftrumpfen mit Technik, wie man aufgrund der Exaktheit, mit der hier alles verbunden, vollendet, ineinander gefügt und in Spannung gesetzt ist, mutmaßen könnte: Sie sind keine Kombinationen von Räumen, die sich aus Gegos unzweifelhaft gegebenen architektonischen Verständnis von Fülle und Leere oder aus der Flächenvision herleiten lässt, wie sie alle großen Architekten auszeichnet. Gegos kühne Lösungen und geschickten Gliederungen sind durchwoben von der Geschmeidigkeit eines künstlerischen Temperaments, dessen Unwägbarkeiten und Überschwängen. Charakteristisch für Gego ist die außergewöhnliche Arbeit Reticulárea, die in Caracas im Museo de Bellas Artes und in New York im Center for Interamerican Relations gezeigt wurde und in der perfekte Verarbeitung und räumliche Klarheit mit einem geheimnisvoll-verrückten Wirrwarr einhergehen, das als eine Art Lebewesen in ein energievolles Gesamtgleichgewicht eingespannt ist. Ich nenne diese Arbeit noch einmal, weil in ihr meines Erachtens wie in keiner anderen die drei Wirkkräfte gleich stark gegeben sind, ohne dass die eine hinter der anderen zurückstünde.

Aus: Marta Traba, Mirar en Caracas, Caracas 1973, S. 5254.
Übers. von Stefan Barmann

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