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ZKM_Medialounge

Dennis Oppenheim :: Aspen Tapes der ZKM_Videosammlung

[Auswahl]

09. Mai - 27. Juli 2003

ZKM_Medialounge

Leafed Hand
1970, 4:24 min., stumm, 16 mm

Im Video Leafed Hand bedeckt der Künstler mit seiner rechten Hand langsam seine linke Hand, die auf einem Laubgrund liegt, mit einzelnen Blättern. Dabei legt er auf jeden Finger lange und auf die Handinnenfläche runde Blätter, so dass die Form der Hand erhalten bleibt. Blatt für Blatt verschwindet die Hand des Künstlers im Laub und wird zum eigentlichen Kunstwerk.
Oppenheim nutzt sehr geschickt den »Mangel« des Mediums Film, der darin besteht, ein Objekt, einen Raum oder ein Objekt im Raum nicht dreidimensional wiedergeben zu können. Dieser »Mangel« erschwert dem Betrachter, die »Blatt-Hand« als Teil eines Subjektes von den restlichen Objekten gesondert zu erkennen. In »Leafed Hand« wie auch in den Werken »Glassed Hand« und »Rocked Hand« thematisiert Oppenheim in umgekehrter Reihenfolge seinen künstlerischen Übergang von der Land Art zur Body Art.

Material Interchange
1970, 3:00 min., s/w, 16 mm

Der »Materialaustausch« findet in zwei Etappen statt: zunächst stößt der Künstler seinen zur Hälfte abgetrennten Fingernagel zwischen die Holzpaneele des Galeriefußbodens. In der zweiten Phase schiebt er sich einen Splitter des gleichen Bodens unter die Haut. Ein zunächst ganz banaler Materialaustausch zwischen Finger und Holz, menschlichem Körper und materieller Objektwelt. Doch der Galerieboden ist nicht zufällig gewählt. Bereits der Land Art Künstler Robert Smithson bemühte sich, mit sogenannten »Displacements« von beispielsweise Erde in den Galerieraum, die Land Art direkter in den Kunstkontext zu überführen. Es handelt sich hier jeweils um Fremdkörper, die in ein anderes System überführt werden. Dennis Oppenheim reibt nun den Nagel seiner Künstlerhand in den die Kunst an sich definierende Materialwelt und schiebt sich auf der anderen Seite einen Partikel dieses Raumes unter die Haut. Auch hier sind es zwei Systeme die ineinander verschoben werden.

2 Stage Transfer Drawing [Returning to a Past State, Advancing to a Future State], Erik And Dennis Oppenheim
1971, s/w, Super 8

Mit der Übertragung von Gesten über Oberflächen von einem Rücken zum anderen, vom Vater auf den Sohn oder – spiegelverkehrt – vom Sohn auf den Vater, erforscht Dennis Oppenheim die Übertragungsweisen nicht nur zwischen Oberflächen, sondern auch zwischen Generationen.

Dennis Oppenheim kommentiert diese Performance:
»Dennis to Erik Oppenheim. As I run a marker along Erik´s back he attemps to duplicate the movement on the wall. My activity stimulates a kinetic response from his sensory system. I am therefore, Drawing Through Him. Sensory retardation or disorientation make up the discrepancy between the two drawings. And could be seen as elements that are activated during this procedure. Because Erik is my offspring and we share the same biological ingredients, his back [as a surface] can be seen as a immature version of my own. In a sense, I make contact with a past state.«

Extended Armour
1970, 12:10 min., s/w., stumm, Super 8

In der Performance Extended Armour liegt Oppenheim mit dem Bauch auf dem Boden und blickt in einen Kanal, der aus drei Brettern besteht. Vom anderen Ende des Kanals filmt seine Frau mit einer Videokamera sein Gesicht in Nahaufnahme. Während dieser Aufnahme krabbelt eine Tarantel langsam auf Oppenheims Gesicht zu. Nach und nach reißt sich der Künstler seine Haare heraus und formt sie zu kleinen Knäueln. Gezielt bläst er die Haarbüschel in Richtung Spinne und versucht sie somit, von sich fern zu halten. Oppenheim benutzt seinen eigenen Körper als Waffe, um sein Leben zu schützen. Wie die Spinne ihr Netz als Falle für ihre Beute spinnt, formt Oppenheim seine Haare zu einem Knäuel, um das näher kommende Insekt auf Distanz zu halten. Sein Gesichtsausdruck verrät seine Konzentration und seine Anspannung, da er sich der unmittelbaren Gefahr bewusst zu sein scheint.

Nail Sharpening
1970, 3:34 min., s/w, 16 mm

1960 fiel Oppenheim ein Klotz auf die rechte große Zehe, an dem seither ein verformten Nagel wächst. In der Aktion Nail Sharping schmirgelt der Künstler mit einem Stein diesen verletzten Nagel ab. Durch diese Beseitigung eines unempfindlichen Körperteils führt uns der Künstler eine »self reduction« [Oppenheim] am eigenen Leib vor. Oppenheims Performance ist jedoch ein privater Akt, der erst durch die Dokumentation öffentlich, nachvollziehbar und wiederholbar wird. Da der Bildausschnitt nur die Zehe, den Nagel, den Stein und die schmirgelnde Hand zeigt, bleibt der Ausführende anonym und austauschbar.
Der wichtige Aspekt der Selbsterfahrung durch Schmerz entfällt hier, weil ein schmerzunempfindliches Körperteil abgeschabt wird. Insofern unterscheidet sich Oppenheim von anderen Vertretern der Body Art wie Acconci oder Burden, die das Verletzen von schmerzempfindlichen Körperteilen und die Erfahrung des Schmerzes zur zentralen Aussage ihrer Werke erklärt haben. Dennoch kann das Video, das den langsamen Verlust des schützenden Nagels dokumentiert, die Assoziation von Schmerz und Amputation verdeutlichen und auf die Verletzung verweisen.

Gingerbread Man #2
1970-71, 8.84 min., s/w, stumm, Super 8

In seiner Videoperformance Gingerbread Man verzehrt der Künstler einen Lebkuchenmann, nachdem er 24 Stunden gefastet hat. In zwei Diaprojektionen erhält der Betrachter einen Einblick in den Magen des Künstlers und wird Zeuge der Verdauung jenes Lebkuchenmannes. Der symbolische Tod des beliebten Lebkuchenmannes sorgt für das tatsächliche Überleben des Menschen Dennis Oppenheim. Die Form des Lebkuchens verweist auf einen anderen fiktiven »Menschen«, der vom »Kannibalen« Oppenheim verspeist wird und sich mit dessen vorverdauten Körperteilen den leeren Raum seines Verdauungsapparates füllt. Oppenheim thematisiert hier nicht nur körperliche Grenzerfahrungen, sondern auch die uralte Vorstellung der Einverleibung von Kraft und Geist eines anderen Menschen.

Dennis Oppenheim kommentiert diese Performance:
»A symbolic human form is subjected to the linearity of the digestive track and broken down by the activation of the digestive process. The gingerbread man is used to fill an internal space, and its process of change is linked to a life-sustaining interaction.«

Ground Gel
1972, 6:50 min., 35 mm, Diaprojektion

Der Künstler wählt für seine Performance mit seiner kleinen Tochter eine typische Kameraeinstellung aus der Land Art – nämlich von oben. Das zweidimensionale Medium Film erschwert dem Betrachter das Erfassen des Vorgangs. Mit seiner erhöhten Kameraeinstellung sorgt das Werk Ground Gel beim Zuschauer für Verwirrung, da erst bei genauerem Hinsehen die beiden Personen zu erkennen sind, die entgegen den Uhrzeigersinn rotieren. Der Vater, Dennis Oppenheim, hält seine Tochter, Chandra, an den Händen und dreht sich mit ihr im Kreis. Anhand der Aufnahmen kann man nicht genau bestimmen, wo diese Performance stattfindet. Doch die Bewegung und die Haltung der beiden Körper lassen vermuten, dass sich beide Akteure im Wasser befinden. Die homogene Form der beiden Personen erinnert an ein Chromosom und verweist auf die genetische Verbindung von Vater und Tochter. Der gesprochene Text: »I don’t want to be able to see you…[…] You’ve taken me with you …You’ve taken me past myself…« verdeutlicht die bildliche Verschmelzung der beiden Personen zu einem gemeinsamen Objekt, das wiederum Teil des darunterliegenden Erdboden wird. Diese Verschmelzung gibt sehr eindrücklich den fließenden Übergang von der Land Art zur Body Art in Oppenheims Œuvre wieder.

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