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FUTURE THEATRE

Symposium

Sa, So 18./19.01.2003
ZKM-Medientheater

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Herbert Fritsch ::

hamlet_X [(theater.film.internet).projekt]

Projekt der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Prof. Andrei Ujica

hamlet_x, ein großes Elektronisches Internet Mosaik, ein Labyrinth aus Szenen, Gesprächsreflexen, Interviews, Portraits von Menschen, die sich im Umkreis Hamlets befinden und ein Teil seiner Geschichte werden wollen. Es werden Requisiten gesammelt und Animationen entwickelt. Hamlet wird in unterschiedlichsten Formen in unsere Zeit geholt und zu einer Geschichte unserer Zeit gemacht. Hamlet als Modenschau, Hamlet als Werbefilm, als Schnulze oder als Krimi oder einfach als ein zu verkaufendes Produkt.

Der Hamlet vor Shakespeare, eine wilde Fantasie, die sich in verschiedenen nördlichen Kulturkreisen zusammenbraute. Die von Mund zu Mund weitergegeben wurde und immer wieder neue Bilder und Wendungen fand. Eine Legende, ein Mythos, der danach verlangt weitergesponnen zu werden. Ein Mythos, der sich nicht mit ein paar wenigen Interpretationen zufrieden geben kann. Hamlet sammelt sich bei Shakespeare, als zivilisierter Mythos und nach Jahrhunderte langer Verfestigung, Versteinerung durch falsch verstandene Werktreue und bigotte Exegese, will er wieder auseinander gerissen, in einzelne Teile zerteilt und durch verschiedene, viele Münder gesprochen werden. Da bieten sich die modernen Netze an.

Der Hamlet-Text in 111 Teile zerteilt. Jedes dieser Teile soll seine Eigene Auslegung erfahren und jedes dieser Teile entwickelt nochmals unterschiedlichste Referenzen. Auf diese Weise entstehen verschiedene 111er Ebenen. Die erste Ebene, die Grundebene, besteht aus den Szenen des Hamletstücks, die als Filme realisiert werden. Jede Szene ist unabhängig von den anderen, und in keiner dieser Szenen kommt ein Schauspieler ein zweites Mal vor. Sie sollen in möglichst unterschiedlichen Stilen und Genres gedreht werden und von unterschiedlichen Regisseuren. Es geht um die Vernetzung unterschiedlichster Talente zu einem Thema.

Eine weitere Ebene sind die so genannten Portraits oder Interviews von Menschen aus dem Umkreis Hamlets und dessen Geschichte, die einfach behauptet werden. Das kann der Frauenarzt von Gertrud, der Pförtner des Schlosses, der Vermögensberater von Claudius oder der Fechtmeister von Hamlet sein. Hier kann man sich hemmungslos durch die Zeiten bewegen und den Unterschied von gestern und heute getrost vergessen, hier kann die Geschichte ganz anders und völlig frei gesponnen werden. Auch hier handelt es sich um 111 Teile.

Es können immer mehr Ebenen hinzukommen. 111 Spiele, Animationen oder 3D Requisiten zum betrachten. All das wird verstrickt durch 111 Möglichkeiten der Navigation in diesen Inhalten. Im Internet sollte man sich nicht auf eine Lexikalische, feststehende, auf den ersten Blick überschaubare Website beschränken. Die Navigation soll gewissermaßen selbst zur Geschichte werden und die Neugier der Menschen und die Lust auf die Geschichte und die Künstler, die sie erzählen, anfachen. Gleichzeitig soll im Internet eine Kommunikationsplattform geschaffen werden, auf der die Freude an dem Stoff weiter getrieben wird. Institutionen und Privatleute sollen dann auf verschiedenste Art und Weise das Thema verhandeln können. In Foren, Chats und für alle sichtbare Live Video Konferenzen.

All diese Ebenen und Teile können dann in einer Internet Ausstellung wie auch in einem medialen Theater vielfach präsentiert werden. Es entsteht eine Hamletpyramide, ein Hamletlabyrinth oder ein großes Hamletgrabmal. Man kann da hindurch spazieren und sich darinnen verlieren. Jede Möglichkeit, ein Ende oder Ausgang aus der Geschichte zu finden, sollte vermieden werden.

- > www.hamlet-X.de/

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