Keith Cottingham [USA] :: Fictitious Portraits [1993]

Die drei digitalen Fotografien aus der Serie der Fictitious Portraits zeigen junge Männer, Knaben noch, »O.T. (Single)« einen, »O.T. (Double)« zwei und »O.T. (Triple)« drei, vor einem einheitlich schwarzen Hintergrund. Ihre Oberkörper sind nackt, die Beine und auch die Hände befinden sich außerhalb des Bildbereichs, bzw. werden in »O.T. (Triple)« aufgrund der pyramidenförmigen Anordnung von den anderen Körpern verdeckt.

Die Jungen sehen sich allesamt sehr ähnlich mit ihrem dunklen, vollen Haar, den ebenmäßigen Gesichtszügen, fast schwarzen Augen und dichten Wimpern, ihren fein geschwungenen Augenbrauen und den wohlgeformten Mündern, die sie ein wenig androgyn erscheinen lassen. Auf den ersten Blick könnten es also Geschwister, wenn nicht gar Zwillinge sein.
Etwas irritierend sind allerdings die teilnahmslosen Blicke der Dargestellten, die allzu ebenmäßige Schönheit und die fast zu perfekte Glätte der Haut, ein Eindruck, der durch die Hochglanzoberfläche der Bilder noch verstärkt wird. Die steifen Posen erinnern an die Frühzeit der Fotografie, als lange Belichtungszeiten die Portraitierten dazu zwangen, lange still zu verharren. Obwohl sie wie herkömmliche Fotografien - allerdings technisch äußert perfekt und in hohem Maße retuschiert - erscheinen, gibt der Titel der Serie einen Hinweis darauf, daß es sich bei den »Fictitious Portraits« nicht um das handelt, was üblicherweise unter einem fotografischen Portrait verstanden wird. »Fictitious« bedeutet frei erfunden, fiktiv, fingiert. Die Portraitierten sind keine realen Personen, keine tatsächlich existierenden Individuen.
Sie wurden mittels digitaler Techniken aus verschiedenen Elementen, Aufnahmen von Masken aus Ton, anatomischen Zeichnungen, Fotografien von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, verschiedenen Alters und beiderlei Geschlechts, einem Portrait des Künstlers selbst, wortwörtlich zusammengebaut. Die Abgebildeten sind selbst Bilder. Keith Cottingham stellt in den »Fictitious Portraits« den »Mythos Fotografie sowie ihren privilegierten Anspruch auf Wirklichkeit« , die angenommene Wahrheitsgetreue der Fotografie, in Frage.
Die scheinbare Realität der Fotografie war schon immer Manipulationen ausgesetzt, bei der Aufnahme z.B. durch die Wahl des Ausschnittes oder der Beleuchtung und in der Dunkelkammer etwa durch das Herausvergrößern von Bildteilen oder diverserer anderer Eingriffe wie Doppelbelichtungen. Die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung aber zwingen uns dazu, unsere Auffassung von Fotografie grundlegend zu überdenken, erlauben sie doch das Bildermachen ohne Abzubilden unter Beibehaltung der scheinbaren fotografischen Authentizität.

Text: Barbara Filser

Der virtuelle Körper :: der Körper als reines Bild

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