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Andrei Ujica : »Rough Notes 2 Pasolini«

Die sonderbare Frische, die Sopraluoghi in Palestina ausstrahlt, kommt vielleicht daher, daß es gar kein richtiger Film ist. Als der Produzent Alfredo Bini mit der Finanzierung von Il vangelo secondo Matteo nicht mehr weiter kam, besann er sich der Aufnahmen, die während der Prospektionsreise in Palestina entstanden. Er drängte darauf, sie in eine Form zu bringen, mit der man auf Geldsuche gehen kann. Das Material stammt nicht einmal von Pasolinis Kameramann, sondern von einem Wochenschau-Reporter [Settimana Incom], der die Reise dokumentierte. So wurde alles schnell und sehr lose montiert, sogar ohne Mitwirkung Pasolinis. Dieser kam lediglich zur Sprachaufnahme und improvisierte den Kommentar direkt ins Mikrophon. Es ist genau diese Spontaneität, die den Zeitgeist derartig lebendig einfangen konnte.

Was ist von Sopraluoghi im cinephilen Gedächtnis haften geblieben? Daß Pasolini den heiligen Orten mit marxistischem Vokabular begegnet, wobei seine politische Überzeugung ihn nicht im geringsten in seinem Gottesglauben zu stören scheint. Die ehemals so schmerzhafte Widersprüchlichkeit wirkt heute schon fast charmant. Dann erinnert man sich an den wunderbare Satz, den er Don Andrea Carraro, dem biblischen Reiseberater, sagt: 'Das, was Sie spirituell nennen, nenne ich ästhetisch.' Und sicherlich die Tatsache, daß die Entscheidung fiel, den Film in Süditalien zu drehen, weil nach der Gründung Israels Palestina im industriellen Zeitalter angekommen war. Eigentlich wußte er das schon vor der Reise: »Je savais que j'aurais situé le Vangelo par analogie. L'Italie du Sud me permettait de faire la transposition du monde antique au monde moderne sans devoir le reconstruire archéologiquement ou philologiquement«. [Synopsis d'apres l'auteur].

Die Direktheit von Sopraluoghi ist heute gar nicht mehr rein. Man kann sich diese Bilder nicht mehr anschauen, ohne daß die von Il vangelo durchschimmern. Wenn man irgendwas damit anfangen will, muß man sie wie ein Palimpsest behandeln. Und genauso werde ich es auch tun.

Im Kopf schneidet man schon existierendes Material am Besten, weil das Gedächtnis immer die Bilder zum eigenen Vorteil zurechtrückt. Ich habe erst vor zwei Wochen Sopraluoghi zum letzten Mal gesehen und trotzdem haben sich die Szenen, die ich bräuchte, etwas anders eingeprägt, als sie in Wirklichkeit sind.

Man könnte sie so aufbauen: Pasolini fährt im Fiat mit Don Andrea durch die Wüste und sinniert über die landschaftliche Bescheidenheit der heiligen Orte im Unterschied zur ihrer Erhabenheit in der biblischen Darstellung. Da hat er diesmal mit Wahrnehmung und Erinnerung zu kämpfen. Das Auto hält an, sie steigen aus und gehen ein paar Schritte. Pasolini erkennt, daß es unmöglich sein wird, den Eindruck der Wüste in Italien wiederzugeben. Man könnte ähnliche Landstriche in der Nähe des Etnas finden, doch diese Weite hier ist unnachahmbar. Vor allem die des Horizontes.

Sie steigen wieder ins Auto, fahren aber nicht gleich los. Pasolini sitzt am Steuer, Don Andrea auf dem Beifahrersitz. Keiner sagt etwas. Pasolini dreht sich um und blickt durch das Heckfenster zurück in die Wüste. Dort kniet Jesus und betet mit erhobenen Händen. Was er da sieht, ist eine Szene aus Il vangelo secondo Matteo.

Es geht weiter mit Bildern aus Il vangelo: Jesus steht jetzt auf und läuft durch die Wüste. Er schweigt. Doch wir können seine Gedanken hören. Und als würde Er gerade seine Rede gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer vorbereiten, blendet man den Ton jener Szene ein: Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen's zwar, tun's aber nicht.

Dann läuft Jesus zum Meer und geht über das Wasser. Die Gedanken werden zorniger: Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen.

Für Pasolini ist diese Rede die wichtigste Botschaft des Matthäus-Evangeliums und so ist sie auch die seines Films geworden. Und es ist nicht weiter verwunderlich, daß er sich vor allem von dem revoltierenden Jesus angezogen fühlte. Insofern hat das klassische, russische Revolutionslied, mit dem die Szene musikalisch untermalt wurde, weniger mit künstlerischer Provokation zu tun, als vielmehr mit der logischen Konsequenz, daß an dieser Stelle der Schrift der politische und der mystische Glaube Pasolinis zueinanderfinden.

Man sieht immer noch Jesus auf dem Meer und die Wut des inneren Monologs steigert sich: Ihr Narren und Blinden! Was ist mehr: das Gold oder der Tempel, der das Gold heilig macht? Auf dem Meer kommt Sturm auf.

Ich muß mir gute Meeresbilder besorgen - die in ganz unterschiedlichen Texturen die zeitlose Reinheit des Elementes wiedergeben.

Jesus verschwindet aus dem Bild. Es stürmt immer heftiger. Die Rede setzt sich fort und es ist als würde sie das Unwetter antreiben. Im schlimmsten Zorn nimmt der Sturm apokalyptisches Ausmaß an: Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

Dann beruhigt sich die Stimme Jesu und so auch das Meer. Man ist wieder im stillen Gewässer angekommen, als der letzte Satz fällt: Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Überblendung: Das ruhige Meer geht in die Wüste von Sopraluoghi zurück. Man befindet sich wieder im Auto. Pasolini schaut nach wie vor durch das Heckfenster und sagt: »Er ist verschwunden.« Don Andrea hört ihn nicht.

Jetzt fahren sie los und es ziehen wellenartige Sanddünen an ihnen vorbei. Abspann. Dazu ist ein Remix von 2Pac Shakurs hit 'em up in voller Lautstärke zu hören: »Fuck you all, you motherfucker...!« Wutentbrandte, verdammte Rebellen finden so oder so meist zusammen. Und letztendlich hat die Hip Hop-Ikone seine Provokationen auch mit einem gewaltsamen Tod bezahlen müssen. Pasolini dürfte zufrieden sein: 2Pac war ein Subproletarier.

Ich weiß noch nicht, ob ich auch andere Musik benutzen sollte. Etwas Symphonisches von Bruckner würde sicherlich gut dazu passen. Weil er die tautologische Vollkommenheit Gottes [Gott ist vollkommen, weil Er vollkommen ist] so meereshaft nachahmt.

Das Imponierende an Il vangelo secondo Matteo - über das ästhetische Meisterwerk hinaus - ist die schonungslose Offenheit, mit der Pasolini sich zu seinem Glauben bekennt. Es war an der Zeit, mich selbst daran zu erinnern. Und ich tue es in aller Demut des Kleinformats.

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[Veranstaltung am 16.01.2002 | ZKM_Medientheater]

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