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Andrei Ujica zu seinem Film »Out of the Present« [BRD 1995]

Zu Beginn meiner Arbeit an Out of the Present hatte ich folgendes im Sinn: In einem Film die Geschichte des letzten sowjetischen Kosmonauten Sergei Krikalev zu erzählen. Mich faszinierte außerordentlich die Tatsache, daß sich da jemand aus der MIR-Station, dem astralen Denkmal der Oktoberrevolution das Ende ihrer Epoche auf der Erde anschauen konnte. Ungewöhnlicherweise hatte ich bereits vor meiner Ankunft 1993 in Moskau eine feste Vorstellung von der Form meines Films. Ich wollte den Flug Krikalevs ausschließlich unter Verwendung von Originalaufnahmen - d.h. Videobilder, die während jener Mission aufgenommen worden waren - erzählen. Ob überhaupt ausreichend Material vorhanden sein würde, wußte ich nicht, war jedoch entschlossen, den Film entweder so oder gar nicht zu machen. Dazu wollte ich zwei Sequenzen im All selbst drehen lassen - und zwar auf Film - die als Prolog und Epilog die Geschichte einrahmen sollten. Die Koordination dieser Aufnahmen sollte Vadim Yusov übernehmen, als Hommage an seine Kameraarbeit bei Solaris. Es ist uns tatsächlich gelungen, eine 35mm Kamera zur MIR zu schicken, mit der zum ersten Mal rein kinematographische Aufnahmen im Weltraum gemacht wurden. Folgende Überlegung stand dahinter: Wenn der Flug von Krikalev nur aus Bildern, die ohne mein Zutun entstanden sind, rekonstruiert werden sollte, also aus den Videoaufzeichnungen, die üblicherweise eine Mission dokumentieren, dann ist das wie in der Wirklichkeit: Das Leben ist Video, wohingegen Kino 35mm und chemische Farben ist. Es bedurfte einiger Anstrengung, bis ich das gesamte Bildarchiv der Krikalev-Mission zu sichten bekam, doch dann konnte ich mit Freuden feststellen, daß es genug Material gab, um daraus einen ganzen Film zu machen. Daraufhin habe ich mich in meiner Wohnung in Moskau mit all den Videokassetten und einem Monitor eingeschlossen und dabei etwas Seltsames empfunden: Ich hatte den Eindruck, den Flug selbst zu erleben und gelangte zu der Erkenntnis, daß der Aufenthalt im All eine elementare Erfahrung ist. Deswegen schildert Out of the Present diese Weltraumreise aus einer Ich-Perspektive, um jedem Zuschauer dieselbe Erkenntnis zu ermöglichen. So ließ ich mich auf ein Spiel zwischen Theorie und Kunst ein, bei dem es um die Frage ging: Wie verwandelt man Sekundärmaterial in einen Primärdiskurs? Das heißt in diesem Fall: zeitgenössische Bilddokumente in eine eigenständige Erzählung. Ich entschied mich, die Geschichte aus der Sicht eines der Kosmonauten erzählen zu lassen, bar jeglichen analytischen Kommentars. Er trägt sie mit seiner eigenen Stimme vor, aus dem Inneren der Handlung heraus. Dann habe ich die Musik so eingesetzt, daß sie zuweilen mit derjenigen von 2001 im Dialog steht. Das alles sind typische Spielfilmelemente. Letztendlich zeigt Out of the Present eine aus Dokumenten rekonstruierte wahre Begebenheit, die sich unverhohlen bei dem emontionalen Arsenal der Fiktion bedient.

[Andrei Ujica in einem Gespräch mit Paul Virilio am 7. April 1999.
In: 1 monde réel, Actes Sud, Fondation Cartier pour l'art contemporain, Paris 1999.

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[Veranstaltung am 16.01.2002 | ZKM_Medientheater]

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