Coplans John [GB/USA] :: Self Portrait [1994]

Ein Rückenakt: Beine, Po, die Arme lässig gekreuzt. Aber wer sanfte Schultern, rosige Haut und erotische Konturen erwartet, wird enttäuscht. John Coplans führt uns einen Körper vor, der gealtert, stark behaart, leicht füllig das großformatige Foto einnimmt. Der Künstler ist sogleich das Model, ein inzwischen 80-jähriger Mann, der seit 20 Jahren Selbstportraits anfertigt. Aufnahmen, die alles entblößen, alles bis auf eines – das Gesicht. In Isolation, Reihung und Sequentierung knüpft der amerikanische Künstler und Kunsttheoretiker ein neues Erscheinungsbild öffentlicher und somit populärer Nacktheit. Nicht die sterilen, Hollywood kompatiblen Stahlbodies werden uns als mögliche Objekte der Begierde vor Augen geführt, sondern der Durchschnittsleib eines gewöhnlichen New Yorkers. Coplans Arbeit ist nicht ohne Ironie und subtiler Kritik am amerikanischen „way of life" zu verstehen.
Obgleich er seine künstlerische Laufbahn in den 50er Jahren als abstrakter Maler begann, wechselte Coplans 1962 das Sujet - vom praktizierenden Künstler zum unabhängigen Kunstbeobachter. Als Mitbegründer der Zeitschrift „Artforum" begleitete er über Jahre die amerikanische Kunstszene in ihrem Wachsen und Gedeihen. Vor allem die Arbeiten Andy Warhols beeindruckten Coplans nachträglich, der von der Kunst drei Dinge einfordert: „Lebendigkeit, Sensibilität und Mysterium". Das Mysterium des menschlichen Körpers am Ende des 20. Jahrhunderts besteht aus nichts anderem als der Banalität seiner natürlichen Erscheinung. Während Werbung und Film den Rezipienten mit über - perfektionierten, Konfektions - adaptierten, schablonenhaften Schönheitsidealen drangsalieren, offenbart John Coplans den Blick auf das sündige Fleisch, das in dieser schutzlosen Unmittelbarkeit nunmehr auf unser genuin menschliches Mit – fühlen zielt.

Obgleich der Fotograf die Tableaux der einzelnen Körperpartien in konventioneller Weise montiert, also oben Arme und Bauch, unten Beine und Po ansetzt, durchbricht er dennoch die üblichen Schemata der Körperwahrnehmung, indem jeder Hautfalte die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wird, indem durch die vertikale Aufteilung der Fotopanels der selbstverständliche Lesefluß gestoppt wird. Hier beginnt die Alphabetisierung menschlicher Organe, die im Verlauf dieser Online – Ausstellung als Ausgangsmaterial für die Neukombination bzw. Digitalisierung menschenähnlicher Geschöpfe dient.

Text: Barbara Könches

Die Organe des Körpers als Buchstaben :: Vereinzelung

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