Gerhard Rühm [A/D]

In Österreich wurde die Moderne des 20. Jahrhunderts im wesentlichen von zwei unabhängigen, zeitlich aufeinander folgenden Künstlergruppen getragen: zunächst in den 50er Jahren von der legendären »Wiener Gruppe« mit Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Oswald Wiener, H.C. Artmann und Gerhard Rühm, anschließend in den 60er Jahren von den »Wiener Aktionisten«, zu denen Otto Mühl, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch und Günter Brus gehörten.

Beide Gruppen zeichnen sich durch stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen aus, die fast die Vermutung nahe legen könnten, es bestünde so etwas wie eine historische Konvergenz. Oliver Jahraus beschreibt diesen Sachverhalt: »Schon bei der Wiener Gruppe, nicht erst beim Wiener Aktionismus wird sichtbar, daß Destruktion für eine - wie Oswald Wiener es nennt - De-Identifikation funktionalisiert wurde. ... Identifikation war das Schlagwort für - ein anderes Schlagwort - die staatlich - sprachliche Adjustierung des Bewußtseins [Oswald Wiener]. De-Identifikation mittels Destruktion solle de-justieren, d.h. die Wirklichkeitswahrnehmung nachhaltig irritieren, die gesellschaftliche Determiniertheit nicht nur der Kunst, sondern des Individuums selbst subversiv unterlaufen«. Obgleich man heute meinen könnte der »Wiener Gruppe« habe es im Vergleich zu den »Wiener Aktivisten« an Radikalität gefehlt, so gilt es, die historische Situation vor Augen zu halten: »Das waren spektakuläre Veranstaltungen, wie man sich das heute nicht mehr vorstellen kann. Mit Innovationen rennt man heute offene Türen ein. Damals regten sich die Leute maßlos auf«, erklärte Gerhard Rühm.

1964 verläßt er Österreich um bis 1975 in Berlin, anschließend in Köln zu leben. Auch der acht Jahre jüngere und den Aktivisten zugehörige Günter Brus verläßt 1969 die Heimat um einer Verurteilung wegen Herabwürdigung der Staatssymbole zu entgehen. Im folgenden Jahr kommt es zur Zusammenarbeit zwischen Brus und Rühm. Sie publizieren gemeinsam die Zeitschrift »Die Schastrommel, Organ österreichischer Exilregierung«. Nicht alleine die gemeinsame Erfahrung verbindet die zwei Männer in der Fremde, darüber hinaus zeichnet beide eine künstlerische Mehrfachbegabung aus. Während Brus dem Wort und dem Bild verpflichtet ist, begeistert sich der studierte Musiker Rühm für Lyrik und Grafik.
Ernst Jandl charakterisiert sein Arbeiten als grenzüberschreitend und Christina Weiss präzisiert: »Er liebt die raffinierte Permutation ebenso wie die Kombination von Sprache mit Bild- oder Lautelementen«. Kein Wunder also, dass Rühm die Besonderheit des Anagramms als eine sinnstiftende Permutation in Bildern umzusetzen weiß, wobei seine Collagen nicht als konkrete Sinnbilder eines Begriffes zu verstehen sind, sondern vielmehr als sinnliche Erinnerung dessen, was sich in Worten nicht fassen läßt.

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers

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»i am [not] here« 1993
»Wurfzeichnung« 1975
-> Biographien museum moderner poesie
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