Günther Brus [A] :: Kritik der unerziehbaren Vernunft [1999]

»Aus dem Sumpf baut sich der ehrliche Rumpf. Es ist eine Freude, den Kopf einmal obenauf und ein andermal zwischen die Knie zu setzen.« Dieses Zitat von Günter Brus passt hervorragend zu seiner Bild - Dichtung »Kritik der unerziehbaren Vernunft« 1999, die den »Anagrammatischen Körper« metaphorisch als aus Seh- und Denkgewohnheiten zusammengefügtes Ensemble versteht.

Wer aber meint, der 1938 in der Steiermark geborene Künstler und frühere Wiener Aktionist sei ein Illustrator gewitzter Sentenzen, der irrt. Brus beendete 1970 seine künstlerischen Erfahrungsperformances am eigenen Körper, wechselte zu Wort und Zeichnung ohne deshalb die inhaltliche Dimension zu ändern. Nach wie vor kämpft Brus »gegen die assoziative Trägheit angestammter Betrachtungsweisen« [Peter Baum] an.
Das Programm der Bild - Dichtung, nämlich die parallele und unabhängige Entwicklung von Sprache und Bild vereinigt auf einem Blatt Papier, entstand zufällig, kam den Neigungen Brus jedoch entgegen.
In einem Interview mit Johana Schwanenberg erläuterte er seine Arbeitsweise: &raqu;Reine Zeichnung im Sinn von Kommentar- oder Behauptungslosigkeit befriedigen mich nicht.&raqu;
Vielmehr will er die Bildhaftigkeit durch Gedankengänge ergänzen. In Anlehnung an große Vorbilder wie William Blake und Alfred Kubin erschafft Günter Brus eine mitunter surrealistisch anmutende Text - Bildcollage, deren Teile sich ergänzen, herausfordern widersprechen. Sein Repertoire reich von alten Märchen, Kalauern, lyrischen Wortkaskaden bis zum ironischen Weichzeichnen skurriler Körperlichkeit.
Treffend bezeichnet Arnulf Meifert den Künstler als »ein Skalpjäger verzopften Denkens und unlieb gewordener Gewohnheiten.« Aus dem einstigen Staatsfeind ist inzwischen ein Staatskünstler geworden, ohne dass Brus sich wider seines Naturells angepaßt hätte. Nach seiner letzten Extremaktion »Zerreissprobe«, 1970 in München, nach drei Filmen über Furzen, Kotzen und Scheissen, nach einer Anklage wegen Herabwürdigung von Staatssymbolen in Österreich, führt Brus die anarchische Auseinandersetzung mit Körpern, Kunst und Öffentlichkeit auf dem Wege seiner gemalten Dichtung und seiner prosaischen Zeichnungen weiter. Mit seiner Hommage auf Francisco Goya, auf Leonardo da Vinci oder Redon setzt der Künstler die Erkundungsreise durch den eigenen Körper fort: »Ich stülpe mir das Fell alter Meister über, um wie ein Irrer durch meine Person zu rasen.«

Text: Barbara Könches

Die multiplen Organe :: Rekombinationen des Körpers

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