Lia Menna Barreto [BR/USA] :: Untitled 01 [1993]

Paradigmatisch ist in den Arbeiten von Hans Bellmer die Isolation einzelner Körperteile mit der Fetischierung der Puppe verbunden. Erst durch den Nachbau, die mimetische Abbildung vom Menschen, wurde so etwas wie eine distanzierte Wahrnehmung möglich, eine Tendenz zur Abstraktion des eigenen Seins.
Daher vermag kaum ein Gegenstand so geeignet erscheinen, menschliches Leben zu repräsentieren wie die Puppe.

Ob aus Porzellan, aus Kunststoff oder Gummi, die Nachbildung wird entsprechend ihrer Funktion zum Objekt der Begierde, der Neigung und Emotion. Die Puppe wird in der Erwachsenenwelt zum Objekt subjektiver Entäußerung; ein Gegenüber, welches rücksichtslos der Befriedigung der eigenen Wünsche dient. Eigenartiger Weise unterscheidet sich hiervon der Umgang von Kindern mit Puppen. Ob bewußt oder unbewußt dienen die künstlichen Spielgefährten dazu, soziales Verhalten zu konditionieren. Die Puppe wird gehätschelt und getätschelt, gepflegt und gehegt. Fliegt sie dennoch einmal rüde zur Seite, so folgt eine Ermahnung der Eltern zur Sorgfalt. Aus nostalgischer Verklärung späterer Jahre erscheint uns die Puppe als Inbegriff der &eaquo; heilen Kindheit« , einer Zeit zögerlicher Erkundungen in der Welt, beschützt und behütet. Frech und provokant durchkreuzt die brasilianische Künstlerin Lia Menna Barreto diesen romantisierenden Blick, und führt beide Aspekte zusammen. Die Puppe, das künstliche Wesen, wird zerlegt und zerteilt, entstellt und entfremdet. In »Untitled 01«, 1993, sondert die Künstlerin die Oberteile von den Unterteilen ab. Die plüschigen Puppenköpfchen hängen von der Decke herab, daneben die aufgeschnürten Beine und Füße gerade so aufgereiht wie in einer Metzgerei die Schweinshaxen. Die glückliche Kindheit gerät unter das Schlachtbeil, zurück bleibt ein skeptischer Blick auf liebgewonnene Konnotationen. Unter dem Brasilianischen Blick drängt ein zusätzlicher, soziale Aspekt ins Bewußtsein. Spielzeug, je neuer und perfekter, ist nicht zuletzt ein Privileg wohlgenährter Kindertage im reichen Westen. Die Straßenkinder in Brasilien kennen wohl in der Regel nur ausgemustertes, ramponiertes Spielzeug. Was hier als symbolischer Akt gilt, bedeutet dort Realität.

Text: Barbara Könches

Die Organe des Körpers als Buchstaben :: Vereinzelung

Linkempfehlung ::
Ohne Titel 1995, Installation auf der 6. Biennale von Havanna

  
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Januar-März 2001
  
  

 





 
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