Karin Sander [D] :: 3-D Bodyscans der lebenden Personen im Maßstab 1:10 [1998/99]

Sich mit dem ausdrücklichen Verzicht auf Interpretation ein Bild vom Menschen zu machen ist eine höchst schwierige Angelegenheit. Beste Beispiele dafür liefert die kriminalistische Methode der Phantomzeichnung. Wenngleich der ein oder andere Täter dank der durch Zeugenaussagen angefertigten Bilder überführt werden kann, so klafft doch in der Realität allzeit eine Lücke zwischen dem realen Aussehen und der erinnerten Erscheinung. Es sind zumeist prägnante Merkmale und Eigenheiten, die nachhaltig das Memorieren beeinflussen.
Die in Stuttgart lebende Karin Sander, bekannt als konzeptuell und ( Text, Bild) minimalistisch arbeitende Künstlerin, stand bislang nicht im Verdacht, Parteigängerin einer klassischen Auffassung von mimetischer Bildhauerei zu sein. Dennoch erscheinen gerade ihre Werke, die »3-D Bodyscans der lebenden Personen im Maßstab 1:10«, wie die Auferstehung einer verdrängten Gattung. Die kleinen Figuren sehen ihren Vorbildern, den originalen Personen, zum Verwechseln ähnlich, und manch Insider wird seine Freude daran haben, den ein oder anderen wiederzuerkennen.

Das Verfahren zur Herstellung dieser täuschend echt wirkenden Gestalten basiert auf neuester Technologie: Zunächst werden die Körper der ausgesuchten Personen mit Hilfe eines Laserstrahls vermessen, anschließend die daraus resultierenden Daten in ein Computerprogramm übertragen, welches es ermöglicht, die Hülle der Figuren auf dem Bildschirm zu generieren - eine Methode die in der Textilindustrie Anwendung findet.

Danach folgt die plastische Ausarbeitung, ein 20 - 30 stündiger Prozess, bei dem die Daten umgewandelt und anschließend dem aus der Prototypen Herstellung (Rapid Prototyping) bekannten Formgebungsverfahren zugeordnet werden. Abschießend entsteht eine der Werbebranche abgeschaute, farbliche Fassung im Airbrush - Verfahren.
Karin Sanders Verdienst ist es, die unterschiedlichen industriell genutzten Methoden aneinander zu koppeln, womit sie Wissenschaft und Technik herausfordert und der Kunst einen wichtigen Impuls verleiht. Ihre Beschäftigung mit der Oberfläche, mit der visuellen Erscheinung der Dinge, führte sie paradoxerweise zur Menschendarstellung, zur vermeintlichen Objektivierung von Menschen. Die ausgewählten Personen auf kleinen Maßstab reduziert und industriell fabriziert leiten zu der Erkenntnis, dass die Typik eines Charakters durchaus seiner Haltung, seiner körperlichen Gebärden entspricht. Unabhängig vom transformierenden Medium sind Menschen wiedererkennbar, obwohl und gerade weil es unsichtbare Merkmale gibt, die vom Transformationsprozess nicht betroffen sind. Sander erschafft eine Art 3-dimensionale Fotografie, die ebensowenig wie das viel beschworene Vorbild neutral, objektiv, sachlich ist, denn sie kann nicht sachlich sein, solange Menschen Menschen abbilden, erkennen, benennen oder beschreiben.

Text: Barbara Könches

Linksempfehlungen ::
Ausstellung Städtische Galerie Göppingen, 1999
Karin Sanders Arbeit im Deutschen Bundestag

  
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Januar-März 2001
  
  

 





 
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