Ilse Haider [A] :: Ohne Titel [1990]

Ein anagrammatisches Gesicht erschafft die junge Künstlerin Ilse Haider: T, N, U, vielleicht ein A, ein O? Ebensowenig wie man die Schriftzeichen eindeutig lesen kann, läßt sich das männliche Gesicht entziffern: zwei Augen, ein geöffneter Mund, aber wo befindet sich die Nase, der Haaransatz? Die Buchstabe könnte man zu Wörtern wie Not, Tun, Ton zusammensetzen, doch welche Lautfolge den geöffneten Lippen entspringen bleibt geheimnisvoll. Im Prinzip ist Haiders künstlerisches Verfahren ebenso simpel wie beeindruckend. Nachdem das Holzobjekt in Form eines kreisrunden Trägers mit den darauf applizierten Buchstaben fertiggestellt wurde, belichtete Ilse Haider die mit Fotoemulsion überzogene Skulptur mit dem Männerkopf - Bild. Ein spannender Dialog zwischen realer Figuration und abstrakter Gegenständlichkeit setzt hier ein. Unter welche Gattung der bildenden Kunst darf man die Arbeit "Ohne Titel" aus dem Jahr 1990 einordnen, Bildhauerei, Fotografie, Collage? Ilse Haider vermag es durch ihre innovative Technik der Kunst ganz neue Frage zu stellen, ohne dabei die inhaltliche Seite zu vernachlässigen.
Ob auf Watteflocken, auf Peddigrohr, ob als Installation oder als Wandobjekt, immer sind ihre Werke in einem dazwischen angesiedelt. Ihre Experimentierfreudigkeit ist erfrischend und unbekümmert, nie aber unüberlegt.
Das Bildnis der »Lolita« setzt sich aus unzähligen Wattestäbchen zusammen, so wie für manche Schöne das Kosmetiktäschchen das eigene Gesicht ersetzt. Kritisch und schmunzelnd blickt Ilse Haider auf den Mythos von Mann und Frau, und doch ist es kein kalter Spott, den sie treibt. Wie eine lästige und doch lieb gewonnene Angewohnheit erscheint uns manche Pose in ihrem Werk, manchmal irritierend, manchmal verblüffend.
Die Arbeitsweise der in Wien lebenden Ilse Haider deutet bereits an, was die Interpretation um so klarer erkennbar macht: Das Sprengen von Oberflächen, von Rastern, von Klischees und das gleichzeitige Beharren auf Zuschreibungen. Erst das Wechselspiel zwischen den unterschiedlichen Bildebenen, zwischen den Materialien und den Bild - Erscheinungen offenbart den ganzen Anreiz dieser Kunst.

Text: Barbara Könches

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