Ein Interview mit Malcolm McLaren

von Roger Waltz


  Tatort Köln, Ende 1998: Die Fotografin des SZ-Magazins drapiert einen im edlen Anzug steckenden rothaarigen Herrn, dessen Frisur und Outfit verblüffend an Jean Cocteau erinnern. Der freundliche Herr in den frühen 50ern mimt an der überstylten Bar mit der Times und einer Tasse Tee ganz den britischen Gentleman. Kaum zu glauben, aber er ist es: Malcolm McLaren, 52, in den 70ern Erfinder der Sex Pistols und des »Great Rockn Roll Swindle« - und seitdem der bestgehaßte Producer des Vereinigten Königreichs. Der Konzeptkünstler und langjährige Kreativpartner der heute etablierten Modedesignerin Vivienne Westwood organisierte schon in den 80ern Multimedia-Modeschauen mit Bildern von Keith Haring und einem Mix aus Oper und Rap, - sein Hit »Madame Butterfly« war 1984 das erste Stück, das Klassik - in diesem Fall Puccini - mit Beats unterlegte. McLaren, der auch Boy George, Adam Ant und Bow Wow Wow entdeckte und produzierte, ging 1987 nach Hollywood und nahm ein Album zum Thema »The Waltz« für Steven Spielberg auf. Mit dabei: Jeff Beck und Bootsy Collins. Zurück in Europa und nach Videos, Filmen und Lesetourneen erschien 1994 sein Konzeptalbum »Paris« - eine Hommage an Eric Satie mit den Stimmen von Catherine Deneuve und Francoise Hardy. Seine größten eigenen Erfolge aber hatte er mit Buffalo Gals, einer der ersten kommerziell vermarkteten Rap-Singles und dem ersten Hip Hop- Konzeptalbum der Geschichte: »Duck Rock«. Der als Blender, Scharlatan und größtes Arschloch der Insel verschriene Malcolm McLaren entpuppt sich im Gespräch als eloquenter Gentleman, der - Stichwort genügt - quasselt wie ein Wasserfall und seine Stories und Anekdoten pointiert und gestenreich wie ein Schauspieler unterstreicht. Er mußte auch lange genug darauf warten, ein derartiges Medieninteresse zu bekommen. Der Grund: »Buffalo Gals - Back to Skool« [Virgin], ein Remix-Album mit einigen Original-Versions. Mit im Boot der durch kurze Statements und Radioausschnitte zusammengehaltenen 23 Songs: Die Hip Hop-Stars De La Soul, Rakim, KRS One, einige unbekannte Rapper und die Leute der World Famous Supreme Team Radio Show, mit denen McLaren schon 1983 Klassiker wie »Hey DJ«, »Do You like Scratchin´« und »World Famous« produzierte. Roger Waltz surfte durch die Statements des kontroversesten Pop-Producers unserer Tage.

Roger Waltz:
  So schlüssig, kompakt und atmosphärisch dicht das neue Album klingt, Mr. McLaren, sie sind bisher nicht gerade durch Zweitverwertungen aufgefallen. Wer war der Motor hinter diesem Projekt?

Malcolm McLaren:
  Es stimmt, eigentlich bin ich niemand, der sich für Vergangenes interessiert oder olle Kamellen aufwärmt. Das Remix Album stammt nicht von mir, ich war nicht einmal konzeptionell daran beteiligt. Nein, das ist alles dem neuen Interesse der New Yorker Hip Hop-Community für die Anfänge und Geschichte des Hip Hop zu verdanken. Vor einem Jahr begann ein New Yorker Radio, meine alten Scheiben wieder zu spielen. Also klingelte plötzlich bei mir das Telefon heiß: »Hey Malcolm! Bist du´s wirklich? Hier ist Dave von De la Soul. Deine Klassiker werden dauernd im Radio gespielt, aber man kann sie nicht kaufen. Wir sind alle große Fans. Laß uns was machen.« Natürlich stellte ich mir die Frage, warum ausgerechnet meine Songs? Wahrscheinlich, weil ich der erste war, dessen Platten einen wirklich exzellenten Sound hatten, dank meiner Producer wie Trevor Horn [ABC /Frankie Goes to Hollywood] und Stephen Hague, die zwar keine Hip Hop-Spezialisten waren, aber mit diesem mächtigen Stadion-füllenden Sound und wuchtigen Beats und Drums den Sound des Hip Hop entscheidend mitgeprägt haben. Die Leute von "Hardboiled" [New Yorker Hip Hop Producer, Anm. d.V.] waren so beharrlich und ansteckend mit ihrem Enthusiasmus, daß ich tatsächlich bei meiner alten Plattenfirma vorbeischaute. Ich mußte meine Verträge ändern, weil ich überhaupt nicht mehr wußte, daß ich eine Weiterverwertung meiner Songs verboten hatte, um nicht auf irgendwelchen Compilations zu landen. Alles weitere lief dann über´s Telefon. Letztlich wollte ich nur der Community das zurückgeben, wozu sie mich damals überhaupt erst inspiriert hat, ich habe Hip Hop ja 1980 auf einer Afrika Bambaata-Zulu-Nation-Party in der South Bronx endeckt. Ich bin mit dem Ergebnis mehr als zufrieden, weil es die erste Compilation ist, die ich gehört habe, die mit Ehrlichkeit, Ursprünglichkeit und Leidenschaft gemacht worden ist. Hip Hop wird nicht mit der fortschreitenden Technologie sterben, sondern sie zum Frühstück essen!

Roger Waltz:
  Selbst die Klassik ist ja heute im Hip Hop en vogue. Sie waren der erste, der Beats und Opernstimmen miteinander kombinierte. Wie kam »Madame Butterfly« von 1983 zustande?

McLaren:
  Ich arbeitete damals mit meiner Partnerin Vivianne Westwood zusammen und war stark eingebunden in die Mode-Szene mit ihrer schrecklichen Haute Couture Elite und ihren Design-Ergüssen. Mir war klar [McLaren und Westwood entwickelten Jahre früher auch als erste den sogenannten Punk-Look, Anm. d. V.], man muß erneut eine Art »Anti-Fashion« kreieren. Und ich war von der damaligen Musik unglaublich gelangweilt. In einem französischen Café entdeckte ich dann die Oper für mich, den Klang der Sängerinnen und das Schlagzeug des Orchesters. In meinem Kopf spukte die Idee herum, wie es wohl wäre, Hip Hop und Oper zu kombinieren. Ich zog los, kaufte die erste und einzige Opern-Best Of meines Lebens, »Puchini`s Greatest Hits« und nahm sie direkt mit zum Laufsteg. Ich hatte 2 Decks, und mischte während der Show auf die Beats von »Tommy Boy« und »Madame Butterfly«. Am Schluß kam eine Dame der italienischen Vogue in den Backstage und fragte: »Oh Malcolm, wo kann ich die Schallplatte kaufen?« Ich mußte nach »Buffalo Gals« noch ein Album abliefern, und das war es!

Roger Waltz:
  Das »The Waltz«-Album mit Jeff Beck und Bootsy Collins und das »Paris«-Album mit Catherine Deneuve .....

Malcolm McLaren:
  Ja, danach hatte ich die Schnauze voll von der Plattenindustrie und sagte: »Tschau. Ich gehe. Euer Scharlatan und Clown verläßt England und geht nach Hollywood.« Ich dachte, dort würde mich niemand kennen. Gott war ich naiv, jeder wußte, wer ich war, jeder liebte »Madame Butterfly«. Und so wurde ich eingeladen in dieses und jenes Filmstudio, man wollte mich als Muse, nicht zuletzt auch um ein großes Musical zu schreiben, das es bis dato in Hollywood noch nicht gab. Ich landete bei Steven Spielberg, der von mir die Idee zu einem Musical über Amerika wollte. Ich fand ein Buch über Oscar Wildes Vortagsreise 1886 durch Amerika und ich meinte zu Spielberg: "Was wäre eigentlich, wenn Oscar Wilde im Jahre 1886 den Rock`n `Roll entdeckt hätte?" Aber die Studiochefs meinten, das Konzept sei zu strange und ein schwuler englischer Schriftsteller könne nicht Amerika repräsentieren. So erschien eben nur das Album. Mir wurde klar, daß meine Ideen in Hollywood nicht den richtigen Nährboden finden konnten. Also ging ich zurück nach Europa. Ich verliebte mich in ein junges spanisches Mädchen und lebte mit ihr in Paris, das einzige Problem war, daß ich einen Job finden mußte. Paris, die Geburtsstätte des Existentialismus, half uns Engländern ja, den Nihilismus im Rock`n`Roll zu verstehen. Was die Amerikaner übrigens nie kapieren werden, weil es ein speziell europäisches Ding ist. In England jedoch gab der Existentialismus Auftrieb für die ganzen asexuellen Musiker wie David Bowie, die Kinks, die Smiths und nicht zuletzt auch Jarvis Cocker. Paris, ja Paris. Wie war der Klang dieser Stadt? Wie konnte man ihre spezielle Aura, ihre ureigene Atmosphäre einfangen? Man stand noch immer in der Tradition des französischen Chansons. Und dann entdeckte ich Eric Satie. Er konnte nie aus seiner musikalischen Arbeit Kapital schlagen, aber er war der erste Minimalist. Für mich sogar als Vorreiter jeglicher elektronischen Musik. Er spielte zwar lediglich Klavier, aber er spielte es wie einen Synthesizer! Also sagte ich meiner Plattenfirma, das ich ein Album über Paris machen wollte. Sie meinten: »Kein Problem Malcolm! Aber Du mußt mit einem berühmten französischen Star zusammenarbeiten«. Juliette Greco. Ich sagte »Juliette Greco? Die muß doch schon weit über 80 sein!« »Aber Malcolm ! In Frankreich ist Juliette Greco ein Star!« Nun gut, sagte ich, wer kommt sonst noch in Frage? »Catherine Deneuve!« Ich wußte gar nicht, daß Catherine Deneuve auch singt.... »Francoise Hardy!« Ach ja, ich erinnere mich. Sie war jenes Mädchen, mit der in den 60´s von John Lennon bis Mick Jagger alle ins Bett wollten, es aber keiner schaffte.

Roger Waltz:
  Themenwechsel. Als Konzeptkünstler scheint es Ihnen mehr oder minder völlig egal, ob sie mit Musik, Fashion-Art, mit Bildern, mit Videos, Film oder auch nur konzeptuell oder managmentartig arbeiten. Sie gelten ja auch als einer der ersten »Plünderer« der Beats der »Weltmusik«. Deshalb nun ein Statement zur Pop-Musik. Wird sie sich weiter davon entfernen, ein originäres Primärmedium zu sein und sich im 21. Jahrhundert nur noch als Beiwerk von Nintendo- und Videogames wiederfinden?

Malcolm McLaren:
  Die Musikindustrie hat nicht zuletzt mit der Erfindung der Compilation dazu beigetragen, daß Musik gesichtslos wird. Man kennt den Künstler hinter dem Werk nicht mehr. Dadurch hat Musik viel von ihrer Mystik verloren. Die neue Generation wächst mit diesem Phänomen auf, sie kennt es nicht anders! Sie sieht nicht mehr die Bedeutung von Musik als Förderer von Lifestyle und Weltanschauung. Wir leben in einer Welt, in der hohe und niedrige kulturelle Standards miteinander verschmelzen. Alles wird zum käuflichen Produkt. Deswegen kann es keinen Underground, keine Avantgarde mehr geben. In dieser Situation hast Du nur noch die Möglichkeit, dich hinzustellen und zu sagen »Ich bin nicht käuflich!« Vielleicht nutzt die neue Generation die Technologisierung für sich, setzt ihre eigenen Zeichen und Codes und schafft es so, sich der »Geldmaschine« Musikindustrie zu entziehen. Sie könnten eigene Plattenfirmen gründen und ihre Veröffentlichungen übers Internet verkaufen. Die Ursprünglichkeit beim Sport schafft es z. B. noch, die Leidenschaft in den Menschen zu wecken, wie es Musik wohl nicht mehr kann. Aber die richtige Antwort auf diese Frage weiß natürlich niemand. Die Menschen des 21. Jahrhunderts werden vielleicht in die Vergangenheit blicken und sich fragen: »Wie konnte sich so etwas ereignen? Wie hat es die Pop-Kultur, die Kultur des gemeinen Volkes, damals geschafft, eine solche Bedeutung haben ?« Die Pop- Kultur wird nicht untergehen, wahrscheinlich bleibt auch in der Zukunft ihr Einfluß auf die Menschen groß. Hoffe ich. Die künftige Musik wird ein Mosaik aus unzähligen Fragmenten und Samples sein. Und sicher nicht in der Lage sein, unsere Kultur zu verändern. Die Kultur ist festgefahren, sie stagniert. Sie ist nur noch Produkt. Verändern könnte man sie höchstens durch eine neue Philosophie, eine Art neuer Romantizismus, der den Leuten die Fähigkeit, zu träumen, unmögliches zu leisten, subversiv zu sein, zurückgibt!

Roger Waltz:
  Hinter all ihren Aktivitäten scheint ein Dada-Konzept zu stehen, das neben oft cleverem Marketing - und trotz Vorlesungen in Oxford und Cambridge und Austellungen im Museum Of Contemporary Art in New York - letztendlich für den mangelnden Respekt als Künstler verantwortlich scheint, der Ihnen zuteil wird.

Malcolm McLaren:
  Ich war einfach ein wildes Kind der sechziger Jahre. Kunststudent, wanderte von einer Akademie zur anderen, wurde immer wieder rausgeschmissen, wechselte meine Künstlernamen wie andere Leute die Socken. Aber man lernte damals, wie man Abenteuer gestaltet, und nicht, wie man an seiner Karriere bastelt. Es ging darum, aus nicht vorhandenem Talent und Unprofessionalität ein schillerndes Abenteuer, etwas Neues zu schaffen. Die meisten meiner Ideen und Kunst-Produkte sind einfach das Ergebnis meiner Lebensanschaung. Und sollten Unruhe stiften. Ich bin ein Fackelträger. Und ich trage die Fackel für alle Amateure! Als Student besuchte ich einmal die Presse-Konferenz von Jean Luc Godard. Ein Journalist fragte nach seinem größten Vorbild, und Godard antwortete: Roger Vadim. Der gute Mann konnte es nicht fassen, und fragte "Wieso Vadim, und nicht z. B. Eisenstein?" Godard antwortete: "Weil er der beste Amateur war!". Diese Antwort habe ich nie vergessen. Sie rotierte jahrelang in meinem Kopf, bis ich in der Lage war, sie zu verstehen und zu leben. Vermutlich lebe ich noch immer den Geist der 60er und verkünde das Motto, daß es verboten ist, irgendetwas zu verbieten! Verlange das Unmögliche! Schaue niemals zurück. Werde niemals Teil des Mainstreams! Ich denke, daß ich für viele innerhalb des Kulturbetriebes ein Rätsel bin. Und wenn Du rätselhaft bist, mußt du auch ein Scharlatan sein. Du wirst dafür verurteilt, daß du nicht Mitglied im Golf-Club werden willst oder was auch immer. Ich denke, daß die meisten Leute mich immernoch nicht verstanden haben. Deshalb schreibe ich an meinem ersten Buch, das auch in Deutschland bei Schirmer Mosel veröffentlicht wird.
  Es ist keine reine Autobiografie, es sind Kurzgeschichten, die sich auf wichtige Geschichten und Ereignisse beziehen, die in der Lage sind zu erklären, warum ich genau so bin, wie ich bin.


© Roger Waltz

  
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Januar-März 2001
  
  

 





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