Birgit Jürgenssen [A] :: Ohne Titel [1979/80]

Birgit Jürgenssen gehört wie Valie Export und Maria Lassnig zu der Generation von Künstlerinnen, die in den 70er Jahren die Gleichstellung von Mann und Frau sowohl in ihrer Arbeit thematisierte als auch durch ihre eigene berufliche Laufbahn als Vorbild voranging.

Erschwerend kam zu Beginn des künstlerischen Werdegangs hinzu, dass Birgit Jürgenssen die bis in die 80er Jahre kaum geschätzte Fotografie als für sie adäquates Ausdrucksmittel wählte. Ihre Bilder scheinen eher einer surrealistischen Motivgestaltung zu entstammen, als dem für die Fotografie typischen dokumentarischen Charakter zu folgen. Wenn wie auf der in der Ausstellung "Der Anagrammtische Körper" zu sehenden schwarz-weißen Fotografie Beine und Arme langsam zerfließen, so mag man sich entfernt an Dalis schmelzende Uhren erinnert fühlen. In beiden Fällen wurde die Zeit seltsamerweise gedehnt und gestreckt. Der flüchtige Eindruck manifestiert sich im zähen Blick.
Jürgenssen exponiert die kurze, feste, richtungsweisende Bewegung zu einem endlosen, deformierenden, ortlosen Stillstand. Die in hohe Pumps gesteckten Frauenbeine schreiten nicht länger mondän den Salon ab, sondern sie strecken und dehnen sich im unheilvoll wankenden Raum. Sie bilden Körper nach, formen Zeichen, extrovertieren sich bis zur Unkenntlichkeit. Auch und insbesondere die Fotografie erlaubt einen Einblick in die Urteile, die den realistischen Abbildungen eingeschrieben sind. Wird ihre subtile Einflußnahme als bloß abbildendes Medium durch technische Eingriffe offenbart, so lesen sich die Bilder wie der Quellcode von Welt-Interpretation. Ein einziges Frauenbein in Stöckelschuhen genügt, um eine Lawine von Assoziationen loszutreten, um uns bewußt zu machen, dass wir nicht das einzelne Bein sehen, sondern immer Beine als kategoriales Objekt von Wahrnehmung.

Text: Barbara Könches

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Januar-März 2001
  
  

 





 
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