Hannes Schwarz [A] :: Weibliche Figur vor Gitter [1968]

Wenngleich die Fotografie das Medium war, das sich der isolierten Darstellung einzelner Körperteile als eigenständiges Motiv zuerst widmete, beschäftigt sich die klassische Gattung der Malerei seit der Renaissance mit diesem Thema. Allerdings stellten für Albrecht Dürer oder Michelangelo die Hand - und Fuß - Studien Vorarbeiten dar, die in den Kanon von Portrait, Heilsgeschichte usw. einflossen.

Das Bild "Weibliche Figur vor Gitter" von Hannes Schwarz belegt die eigenständige und konsequente Entwicklung der Malerei, die befruchtet durch den Dialog mit der Fotografie den menschlichen Körper auf eine ungewohnte, gleichwohl nicht unbekannte Form abbildet.

Nach dem ersten offiziellen Durchbruch der Abstraktion in den fünfziger Jahren, entwickelte sich in den sechzigern an verschiedenen Orten und unabhängig voneinander eine Stilrichtung, die als "Neue Figuration" in die Kunstgeschichte einging. Der 1926 geborene Hannes Schwarz, der Zeit seines Lebens die akademischen Zentren mied und eher zurückgezogen in der Steiermark lebte, besuchte 1950 zum ersten Mal die Biennale in Venedig und setzte sich anschließend mit den modernen Kunstströmungen auseinander. Dessen ungeachtet verehrte er sein Leben lang die expressiven Bilder eines Franz Marc, und nicht zufällig spricht auch aus den Werken von Hannes Schwarz eine tiefe Zuneigung zur Natur und zur Kreatur.

Die "Weibliche Figur" können wir eher erahnen als erkennen; als Beinpaar, Rumpf und Arme benennen ohne wirklich sicher zu sein, ob diese Körperteile gemeint sind. Dennoch ist es offensichtlich, dass sich ein Lebewesen, ein Mensch, zusammengekauert hinter den schwarzen Gitterstäben befindet, eingezwängt in die Leere des Raumes. Der rechte Teil des Bildes wurde schwarz verdüstert, so als ob die Gefangenschaft in dialektischer Korrespondenz zum Nichts stünde. Offensichtlich findet in dem Bild Schwarz´ Auseinandersetzung mit der modernen Philosophie, mit Heideggers Beschreibung des Seienden als Seiendes, mit dessen Fortführung durch den Existentialisten Camus, seinen Ausdruck.
Auf dem Bild wird das Geheimnis des Lebens nur verständlich vor der Imagination des Nichts. Die Existenz steht im Widerspruch zum unvorstellbaren Nicht - Sein, weniger im Widerspruch zur Freiheit, deren Möglichkeit für die "Weibliche Figur vor Gitter" geleugnet wird.
So wie die Buchstaben des Anagramms nicht beliebig kombinierbar sind, so scheint auch die Freiheit des Menschen nicht beliebig ausdehnbar. Ein schnödes Buchstabenvertauschen ohne Sinn und Zweck fasziniert niemanden, ruft viel ehre Unverständnis hervor. Etwas zu verstehen bedeutet denn auch immer, einen Sinn auszumachen.

Text: Barbara Könches


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