Thomas Ruff [D] :: Anderes Portrait Nr. 62G/38, 1994/95

Ironie der Geschichte: die Fotografie wurde in den Kunstkontext aufgenommen just in dem Moment, da sie sich auf ihre am wenigsten künstlerische Wesensart konzentrierte, nämlich die der Dokumentation.
Es waren Bernd und Hilla Becher, die an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrten und zahlreiche Schüler, darunter Thomas Ruff, an eine Art neusachliche Fotografie heranführten. Ruffs Blick durch die Kamera ist ein asketischer, präziser, ein assertorischer. Die Beweisführung über die Rolle des Motivs wird stark eingeschränkt zu Gunsten einer Analyse der medialen Bedingungen von Fotografie. Neben Interieur und Architektur gilt dem menschlichen Gesicht die Aufmerksamkeit Ruffs. In großen Blow-up Formaten lichtete er zunächst FreundInnen und Bekannte ab, ohne deren Persönlichkeit psychologisch zu deuten.
Durch das nahe Heranzoomen des Objekts wurde jede Hautfalte, jede Pore und Pustel sichtbar, Jean -Christophe Ammann spricht von "Dermatologischem Realismus", zugleich löste sich der Gesamteindruck allmählich auf. Das Portrait wandelte sich zu einer Art topografischer Rekonstruktion des Organischen. Ruff, der sich schon früh auch für die technische Seite der "Lichtbildnerei" interessierte, experimentierte nicht nur mir Kamera und Objektiv, sondern beschäftigte sich ebenso mit den Abbildungsverfahren. Es dauerte nicht lange bis er die realen Aufnahmen durch den Siebdruck verfremdete. So kombinierte er ein weibliches und ein männliches Gesicht . Frappierend bleibt die Ununterscheidbarkeit zweier Bilder durch den Betrachter, einzig der Künstler weiß von der fiktiven Gestalt, die er qua Titel symbolisiert: "Anderes Portrait Nr. 62G/38".
Absichtlich nummeriert er die sich menschlich gebärenden Antlitze wie die Serienabfolge einer Fließbandproduktion. Lautete eines der Vorurteile gegen die Fotografie, sie könne kein künstlerisches Medium sein, da sie bloß Wirklichkeit abbilde, so sind wir heute an dem Punkt angelangt, dass man sich wünschen könnte, es bestünde zumindest eine solcherart fundierte Wahrheit. Die Fotografie erschafft ebenso wie die Malerei und andere Gattungen der Kunst eine Illusion, deren wir erliegen, weil wir noch kein Agens der Kritik entwickelt haben. Noch bereitet es uns Schwierigkeiten das künstliche Gesicht von dem wirklichen Gesicht zu unterscheiden, noch sind unsere Kriterien der Wahrnehmung nicht so ausgefeilt wie das technische Vermögen, aber künstlerische Werke wie Ruffs Fotografien ebnen den Weg zu einer Neuformierung von Wahrnehmungskriterien, zu einem ästhetischen Urteil.
Text: Barbara Könches

  
  Seeing Time
  
  Wichtige Ausstellungen
Januar-März 2001
  
  

 





 
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