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Siemens - Medienkunstpreis 1992

Preisträger 1992 :: Paul Virilio
Philosoph (DM 10.000)

*_Wenn es früher ein Kunsthandwerk des Sehens, eine "Kunst des Sehens" gab, sehen wir uns heute einem "Unternehmen sinnlich wahrnehmbarer Erscheinungen gegenüber", das durchaus die Form einer wie ein Geschwür bösartig um sich greifenden Industrialisierung des Sehens annehmen könnte. Denn in der Tat, welches ist der wirkliche Baum? Der im Stillstand sinnlich wahrgenommene, den man visuell in jeden Ast, in jedes seiner Blätter zerlegen kann, oder der im stroboskopischen Vorübereilen in der Windschutzscheibe des Autos oder auch auf der televisuellen Mattscheibe flüchtig bemerkte?

      Von der Antwort auf diese Art anscheinend absurden Fragens hängt in Wirklichkeit eine Vielzahl praktischer Konsequenzen für das Alltagsleben ab. Wenn es bereits keine Photographie im Sinne ihrer Erfinder, also Niepces und Daguerres, mehr gibt, sondern nur noch ein Standbild, und wenn demnach die unbeweglichen Bilder nur noch "Stationen" auf dem Weg der Abfolgen visuellen Vorübereilens sind, stehen wir in der Erwartung einer Leidenschaft des Blicks, in der das Kunsthandwerk des Amateurblicks schon bald zusammenbrechen und einer Industrie des Sehens Platz machen wird, die alles dem Motor, dem Sender/ Empfänger dieser "Wellenzüge" verdankt, die von nun an die einzigen Vehikel für das Video-Signal wie für das Radio-Signal sind.

      Nach der Automatisierung der Produktion mit ihrer Revolution der Übertragungen, die die mobilisierenden Wirkungen der Revolution des Transportwesens des letzten Jahrhunderts vervollständigt, stehen wir heute dem anfänglichen Versuch einer Automatisierung der sinnlichen Wahrnehmung der Welt gegenüber. Wie der Videast Gary Hill erklärt: "Das Sehen ist nicht mehr die Möglichkeit zu sehen, sondern die Unmöglichkeit, nicht zu sehen."

      Dem Verbot abbildender Darstellungen innerhalb bestimmter Kulturpraktiken und der Weigerung beispielsweise die Frauen im Islam genau zu betrachten, folgt gerade in diesem Augenblick ihre kulturelle Notwendigkeit, und zwar mit der Überbelichtung des Sichtbaren im Zeitalter des bewegten Bildes, die, wie es scheint, die Unterbelichtung des Zeitalters der Schrift verdrängt. Werden wir mit einem Fetischismus des Optischen oder genauer des Elektro-Optischen konfrontiert? Müssen wir unseren Blick abwenden, schüchtern aus dem Augenwinkel beobachten, indem wir die angebotene übermäßige Scharfeinstellung vermeiden? Soviele Fragen, die nicht nur die Ästhetik betreffen, sondern gleichermaßen die Ethik der zeitgenössischen Wahrnehmung. [...]

Auszug aus dem in "Medienkunstpreis 1992" veröffentlichten Aufsatzes von Paul Virilio "Achtung. Augen auf!" (Hg. Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1992) ][

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